Die gesellschaftliche Bedeutung musikalischer Bildung

Die gesellschaftliche Bedeutung musikalischer Bildung

11.06.2018

Jeki Bern – «jedem Kind ein Instrument» – ist ein erfolgreiches Beispiel für die zentrale Bedeutung musikalischer Bildung für die Entwicklung und soziale Integration von Kindern. Von 2012–2017 hat das Institut für Musikwissenschaft das Programm evaluierend begleitet.

Britta Sweers — Die Stiftung Jeki Bern wurde 2011 von der Musikschule Konservatorium Bern gegründet. Ziel war es, Kindern unabhängig von der sozialen Herkunft und ökonomischen Situation den Zugang zu praktischer musikalischer Bildung zu ermöglichen. Gleichzeitig sollte dadurch die Chancengleichheit bei der emotionalen und intellektuellen Entwicklung sowie die soziale Integration gestärkt werden. Der Ansatz der Stiftung bezieht sich auf den Bericht des Bundesrates von 2005, der Musik als unterstützend für die «Selbst- und Identitätsfindung» sowie als «Mittel zur sozialen Kontaktaufnahme» beschrieben hatte.

Das von der Stiftung und inzwischen auch von der Stadt unterstützte Berner Jeki-Programm wurde mehrstufig und finanziell niederschwellig angelegt: Basis ist ein zweijähriger kostenloser Singklassen-Unterricht, der in Team-Arbeit von den Konsi-Lehrkräften mit den Primarlehrpersonen in den Berner Schulen erteilt wird. Darauf aufbauend wird ein zweijähriger Instrumental-Unterricht für 100 Franken im Semester angeboten, verbunden mit Möglichkeiten für Ensemble-Spiel und kostenlosen Instrumentenleihgaben.

Unter Leitung von Britta Sweers (Institut für Musikwissenschaft, Bern) wurden zwischen 2012 und 2017 von Samuel Inniger und Julia Jordi LehrerInnen, SchülerInnen und Eltern umfassend interviewt. Eine zentrale Frage bestand darin, inwieweit Musik durch Projekte wie Jeki Bern tatsächlich eine wissenschaftlich nachweisbare nachhaltige gesellschaftliche Tiefenwirkung haben kann. Um das Projekt in seiner Vielschichtigkeit zu erfassen, wurde es auch hinsichtlich von Faktoren wie Konzeption, Projektmanagement, Organisationskultur, Fachkompetenzen sowie Einbettung in den breiteren sozioökonomischen und -kulturellen Kontext quantitativ und qualitativ untersucht.

Vielseitige Förderung durch Musik

Alle Ergebnisse der Untersuchung belegen, dass Jeki Bern die SchülerInnen vielseitig fördert: Nicht nur erhielten Kinder aus sozial-ökonomisch schwächeren Quartieren Zugang zu professionellem Stimmbildungs- und Instrumentalunterricht; es konnte bei allen positive Effekte wie Stärkung des Selbstvertrauens und der Auftrittskompetenz, eine gesteigerte kulturelle Teilhabe sowie Tendenzen zur sprachlichen Förderung gemessen werden. Zudem hat das Projekt einen integrativen Effekt auf die restliche Familie; dies zeigt sich in Besuchen von Konzerten oder Klassenstunden einzelner Instrumentallehrkräften sowie in der vermehrten Kommunikation mit den Lehrpersonen.

Quantitativ ist der Erfolg in der hohen Zufriedenheit aller Beteiligten mit dem Programm messbar: So wiesen die schriftlich befragten Gruppen eine Zufriedenheitsquote von 100% (Primarlehrerinnen) bzw. 90.79% (SchülerInnen) auf. In der Evaluation zeigte sich aber auch die Bedeutung des (teilweise sogar freiwilligen) Engagements der Lehrpersonen. Darüber hinaus ist der Erfolg nicht nur anhand der regelmässig durchgeführten und äusserst gut besuchten öffentlichen Konzerte messbar, sondern auch aufgrund der hohen Wertschätzung des Programms in Bern, was in der Elternbefragung besonders hervorgehoben wurde. Es zeigte sich zudem, dass die finanzielle Niederschwelligkeit zu einer nachhaltigen Verankerung beigetragen hat.

Jeki in Bern West

Jeki Bern ist zentral in Bern West aktiv, wo besonders viele Kindern aus sozioökonomisch benachteiligten Schichten leben und vergleichsweise selten Zugang zu musikalischer Bildung haben. Hier erreicht Jeki das Quartier mit der anteilsmässig höchsten Zahl an Kindern der Stadt (25%), und gerade hier hat sich die gezielte Förderung am nachhaltigsten erwiesen.

Ein deutlich erkennbarer Erfolg zeigte sich etwa im zunehmend veränderten Selbstkonzept der SchülerInnen, die sich seit dem Jeki-Singunterricht viel eher zutrauen, alleine oder in einer kleinen Gruppe vor der Klasse zu singen und somit zu ihren Fähigkeiten stehen können. Den Erfolg der Singklassen erkannten die Primarlehrerinnen nicht nur in der deutlichen Entwicklung der Musikalität und des Rhythmusempfindens, sondern zudem in einem aufmerksameren Zuhören, einer gesteigerten Konzentrationsfähigkeit und einem stärker positiven Sozialverhalten, wozu auch ein stärkerer Klassenzusammenhalt gehört. Gleichzeitig zeigte sich in Bern West ein ähnliches musikalisches Entwicklungstempo und -niveau wie bei Kindern anderer Quartiere.

Aktiveres Freizeitverhalten

Die positiven Auswirkungen waren aber auch im Freizeitverhalten ersichtlich: SchülerInnen, die zuvor den Jeki-Singunterricht besucht hatten, nutzten musikalische und andere Freizeitangebote innerhalb der Schule in grösserem Umfang.

Selbst jene Jeki-Kinder, die das Programm verlassen hatten, vernetzten sich in ihrer Freizeit vermehrt mit anderen Kindern und erkundeten häufiger neue Kulturformen, Sportarten und Musikinstrumente. Dies bestätigt ebenfalls die Bedeutung einer nachhaltigen Förderung von Kindern, gerade auch in sozioökonomisch benachteiligten Kontexten, durch Musik: Die Ergebnisse der Studie belegen, dass es sich lohnt, in musikalische Bildung zu investieren, da dies nahezu alle menschliche und – mit Blick auf politische Debatten – auch ökonomische Bereiche beeinflusst.

 

 

Webseite Jeki Bern:

> www.konsibern.ch/jeki-bern/home

«Musikalische Bildung in der Schweiz. Bestandsaufnahme der aktuellen Situation und Massnahmenkatalog des Bundes für die musikalische Aus- und Weiterbildung», Bericht des Bundesrates, 2005.

> www.rascherconsulting.com/uploads/media/2005_Bericht_Musikalische_ Bildung_in_der_Schweiz.pdf

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