Pop-Power- Positions

Pop-Power- Positions

06.12.2018

Über hundert Vertreter*innen aus Wissenschaft, Kultur und Journalismus kamen an einer internationalen Konferenz an der Universität Bern und der Hochschule der Künste Bern (HKB) zusammen, um über Machtgefüge rund um popu-läre Musik zu diskutieren.

Hannah Plüss — Eigentlich erhielt der pakistanische Rapper und Komiker Ali Gul Pir kein Visum, um an der dritten Konferenz des deutschsprachigen Zweiges der International Association for the Study of Popular Music teilzunehmen. Gul Pir würde nicht wieder nach Hause zurückkehren, so die Befürchtung der Schweizer Botschaft in Pakistan. Die Behörden hierzulande sahen das offenbar anders, und ohne weitere Erklärung lag nach dem Einspruch der Veranstalter*innen eine Bewilligung zur Einreise bereit.

Musik und Macht

Bereits im Vorfeld der Konferenz «Pop–Power–Positions» wurde durch diesen Fall spürbar, wie Musik und der Austausch darüber in der heutigen digital und global vernetzten Welt nicht nur durch symbolische, sondern auch durch physische Grenzen beschränkt wird. Diese und andere Grenzen und deren Auswirkungen wurden im Laufe der Konferenz weiter debattiert. So sprach Jenny Mbaye in der Keynote am Beispiel von Hip-Hop in Westafrika über die Macht von Popmusik, diese Grenzen zu verschieben und neu zu definieren. Im Panel über Demokratisierungsprozesse in der Musikwirtschaft beschäftigte sich Peter Tschmuck mit dem Streamingdienst Spotify als global einflussreicher Player, der trotz Millionen zahlender User*innen in finanziellen Schwierigkeiten steckt. Pedro Oliveira zeigte am Gegenstand der Jukeboxes in den Favelas von Rio de Janeiro auf, wie Musik als Mittel des Widerstands gegen staatliche und parastaatliche Gewalt eingesetzt wird. Dabei geht der Erlös dieser im Grunde illegalen Musikapparate direkt an die kriminellen Banden, die die Quartiere beherrschen. Sean Prieske wiederum analysierte, wie durch Musik im Sprach- und Integrationsunterricht für Geflüchtete in Deutschland stereotype Bilder über das Deutsch-Sein geschaffen und verstärkt werden.

Musik und Identität

Das Aushandeln und die Prägung von Identität durch Popmusik war Thema in zahlreichen weiteren Beiträgen der Konferenz. Helena Simonett zeigte etwa auf, wie die meistgehörte Musik der mexikanischen Diaspora-Bevölkerung in den USA das wilde Leben der Drogenbarone im Norden des Herkunftslandes verklärt und so das Leben als Outlaw zu einem Teil ihrer «Identität» hochstilisiert. Auch in den beiden künstlerischen Interventionen von Umlilo und Ali Gul Pir wurde deutlich, wie eng ihre Musik mit ihren persönlichen Erfahrungen und Überzeugungen verknüpft ist. Im Eröffnungspanel, das von der Plattform für Musikrecherche Norient organisiert und von Theresa Beyer (SRF) moderiert wurde, diskutierten die beiden Künstler zudem gemeinsam mit der ehemaligen Bookerin Laurence Desarzens (heute Leiterin der Abteilung Pop und Jazz an der Musikhochschule Lausanne). Zentrales Thema war, wie lokale Kontexte im global funktionierenden Musikbusiness vermittelt werden können. Dem Organisationsteam unter Anja Brunner und Hannes Liechti gelang damit überzeugend, den akademischen Diskurs durch Einblicke in die künstlerische Realität gezielt zu erweitern.

Positive Bilanz

«Ich war beeindruckt von der Fülle an Themen und Forschungen rund um Pop, Identität und globale Beziehungen», bilanzierte Anja Brunner am Ende der Konferenz. Und auch Hannes Liechti zeigte sich zufrieden: «Ich freue mich, dass wir offenbar einen passenden Rahmen für diese wichtigen Debatten schaffen konnten». Eines ist sicher: Die Diskussion um Macht und Musik ist aktueller denn je, wie gerade der Fall von Ali Gul Pir illustriert. Deshalb wird die Berner Konferenz weiterhin nachklingen, insbesondere durch den Tagungsband, der im kommenden Jahr online erscheinen soll.

Weitere Tagungsberichte bald unter:

> iaspm-dach.net

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