«Grüezi» — ein Schweizer «Rössl»

«Grüezi» — ein Schweizer «Rössl»

30.10.2019

Eine temporeiche Kammer-produktion im Bernhard Theater und eine imposante Freilichtinszenierung der Bühne Burgäschi: Gleich in dreissig Aufführungen konnte man diesen Frühling die Schweizer Revueoperette «Grüezi» von Robert Stolz erleben. Was hat es mit diesem selten gespielten Werk auf sich, dem nichts weniger nachgesagt wird, als ein Schweizer Rössl zu sein?

Reimar Walthert — Als am 3. November 1934 im Stadttheater Zürich die Premiere von Grüezi über die Bühne ging, fand das Ereignis europaweit Beachtung. Einladungen zur Premiere waren bis ins ostpreussische Tilsit verschickt worden, aus London reiste Louis Dreyfus von Chappell Music an und liess sich die Rechte dieser Schweizer Novität für Paris, London und New York sichern. Nichts wurde dem Zufall überlassen. In Zürich war jedes Schaufenster mit Alois Carigiets Kuhglocken dekoriert. Plakate hatte man bis in die hintersten Winkel aufhängen lassen, und der Landessender Beromünster übertrug Ausschnitte aus Grüezi bereits am Montag in die ganze Welt.

Ein internationales Erfolgsteam

Der umtriebige Zürcher Theaterdirektor Karl Schmidt-Bloss hatte für die Produktion ein illustres Team um sich geschart. Mit Robert Stolz (Musik) und Robert Gilbert (Liedtexte) hatte man die im Moment wohl angesagtesten Schlagerautoren engagiert. Koordiniert wurde alles vom geschäftstüchtigen jungen Verleger Armin L. Robinson. Alle drei hatten schon beim Welterfolg des Rössl zusammengearbeitet. Für die schweizerischen Elemente zog man den Komponisten und Chefredaktoren der Schweizerischen Musikzeitung Karl Heinrich David und Jakob Rudolf Welti, Feuilletonredaktor der NZZ, hinzu. Anstelle der Rössl Wirtin dreht sich die Handlung in Grüezi um Jakob Blümli, Wirt «Zum wilden Mann», eine Rolle, die Emil Hegetschweiler auf den Leib geschrieben wurde.

Prominenten Vorbild

Das Erfolgsrezept ging auf. 129 Aufführungen in Zürich, Bern, Basel und Luzern gaben dem Stück einen Startlauf, den die Schweiz bisher nur beim prominente Vorbild gesehen hatte. Sofort wurde Grüezi als Servus! Servus! oder Grüss Gott! Grüss Gott! auch in Österreich und in der Tschechoslowakei gespielt. Doch im politisch aufgeheizten Klima der Dreissigerjahre mehrten sich plötzlich auch negative Stimmen. Grüezi stelle Schweizer Gastronomen als Trottel hin, mache sich über Volksbräuche lustig, ja korrumpiere gar die Wehrbereitschaft der bedrohten Schweiz. Trachtenverband, Heimatschutz und Jodlerverband beschwerten sich öffentlich über «Grüezi». Schliesslich versetzte Felix Moeschlin, der Präsident des Schweizerischen Schriftstellerverbandes, Grüezi mit einem polemischen Artikel im Beobachter den Todesstoss. In Zürich blieben die Besucher weg. Das Stück musste abgesetzt werden. «Man wird es nicht ein zweitesmal probieren» konstatierte er zufrieden in einem Brief an Otto von Greyerz.

Verbot in Deutschland

Dramatischer war die Situation im Deutschen Reich. Die Reichstheaterkammer hatte beschlossen, Stücke jüdischer Autoren nach und nach von den Spielplänen zu nehmen. Nach einer internen Analyse waren davon aber rund neunzig Prozent aller Operetten betroffen, was nicht durchsetzbar war. So beschloss man im September 1934 als erste Massnahme keine neuen Stücke jüdischer Autoren mehr zuzulassen. Zwar hatten sich die jüdischen Mitautoren Gilbert und Robinson für Grüezi hinter Pseudonymen versteckt, doch war die Schweizer Debatte über die wahre Urheberschaft auch den deutschen Behörden nicht verborgen geblieben. Zudem vermutete man hinter dem für Grüezi neu gegründeten Musikverlag Zürich eine jüdische Tarnfirma. So wurden Grüezi und ein Jahr später auch Paul Burkhards Hopsa für Aufführungen an deutschen Theatern gesperrt.

Himmelblaue Träume

Trotzdem schaffte es das Stück 1938 unter seinem vierten Namen Himmelblaue Träume nach Deutschland. Inzwischen war Armin Robinson aus dem Musikverlag Zürich ausgeschieden und Robert Stolz hatte laut eigenen Angaben Joseph Goebbels glaubhaft versichern können, dass Rudolph Bertram ein schlichter alter Bauer aus den Bergen sei, ein Heimatdichter und Einsiedler, für den Stolz die finanziellen Angelegenheiten erledige. In kurzer Zeit erreichten die Himmelblauen Träume eintausend Aufführungen, bis 1941 sämtliche Werke von Robert Stolz verboten wurden. Dieser aber freute sich noch Jahre später diebisch über diesen erfolgreichen Streich.

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