Ein Maskenball in der Stille?

Ein Maskenball in der Stille?

27.05.2020

Nichts bleibt mehr gleich, CoVid-19 wird unser Erleben von Musik und zwangsläufig auch die Musikforschung verändern, sowohl bezüglich der Inhalte als auch der Verfahrensweisen, der Fragen und der Art und Weise, wie wir Wissen kommunizieren und kollaborativ entwickeln. Obwohl Prognosen immer gefährlich sind, lohnt es sich gemeinsam darüber nachzudenken, Wünsche zu äussern und zu diskutieren.

Cristina Urchueguía — Mit CoVid-19 konnte niemand rechnen. Dieses Sterben und Leiden, das wir sonst aus sicherer Entfernung betrachteten, bedroht plötzlich uns, unsere Familien und Freunde. Es war auch nicht abzusehen, dass unser gewohntes Musikleben und -erleben so überaus sensibel auf die behördlichen Ge- und Verbote zur Pandemiebekämpfung reagieren würde: «Social distancing» führte zwangsläufig zum Aus für alle Veranstaltungen, an denen «normalerweise» – oder sollten wir uns daran gewöhnen hier «früher» zu sagen? – Live Musik gemacht und genossen wurde: Konzerte, Theater, Festivals, Clubs, Discos. CoVid-19 isolierte uns und machte Ensemblemusik, Chor- und selbst Gemeindegesang lebensgefährlich. Es schloss aber auch die Tore der Lehreinrichtungen für Musikpraxis und -forschung: Musikschulen, Hochschulen und Universitäten. Plötzlich war die Selbstverständlichkeit der realen Begegnung im Musizier- und Bildungszusammenhang dahin. Im Laufe weniger Wochen fegte es meine Agenda und die aller meiner Kollegen von Kongressen, Workshops, Vorträgen und Tagungen leer. Es musste uns schmerzlich bewusst werden, wie sehr Musik und Musikforschung auf Begegnung unter 1.5 m angewiesen sind und auf die Gemeinsamkeit im Erleben.

Ganz besonders betroffen sind diejenigen, deren schiere Existenz auf dem Spiel steht wie Musiker und Kulturtätige, genauso wie Kleinunternehmer und Selbständige verschiedenster Branchen. Wir Musikforscher dürfen, sieht man von Archivbesuchen und Kongressen ab, relativ unbehelligt denken und schreiben,doch worüber denken wir nach? Wir bangen um etwas Essentielles, nichts geringeres als unseren Untersuchungsgegenstand, die Musik, das Musikleben. Es mangelte nicht an Erfindungsgeist, sportlicher Initiative und technischen Mittel, um Musiziertätigkeit wie Lehre, wissenschaftlichen Austausch und Administration ins Netz zu zügeln im Wettkampf mit der Zeit, damit den Verpflichtungen gegenüber Lehrplänen und Qualifikationsversprechen einerseits aber auch dem Zeitvertreib durch Musizieren und Musikhören andererseits, nachgekommen wird. Die Frage, weshalb es nicht «dasselbe» ist, wird uns alle länger beschäftigen.

Einiges hat sogar ganz gut geklappt, manch eine Sitzung gestaltete sich mit Zoom agiler als im Sitzungszimmer, die hausgemachten Musik-Videos berührten uns trotz technischer Mankos. Die extra Adrenalinschübe, mit denen der Krisenmodus gefüttert wird, gehen aber zur Neige zusammen mit der Geduld. Wie geht es nun weiter? Kehren wir zur alten, genauso ersehnten wie zugegebenermassen imperfekten Normalität zurück oder zu einer unbekannten «neuen»? Finden wir uns im Leben hinter der immerwährenden Maske wieder? Wie singt man überhaupt mit Maske eine Opernarie?

Die Quarantäne kann als soziale Versuchsanordnung betrachtet werden, die Stoff für neue Forschungsansätzen bietet, um innovative Optionen zu formulieren. Ich wünsche nicht nur aus der CoVid-19 Situation herauszufinden, sondern dies in einer verbesserten Version unserer selbst zu tun, auf jeden Falls gemeinsam. Erste Versuche der Kooperation haben sich bereits gebildet, etwa im Max Planck Institut für empirische Ästhetik in Frankfurt am Main, wo Projekte zum Thema Musik und Corona gesammelt werden [https://www.aesthetics.mpg.de/en/the-institute/news/news-article/article/music-in-the-time-of-corona.html].

Es gibt auch gute Nachrichten: Jeder abgesagte Kongress ersparte der Umwelt Tonnen an Co2 Emissionen und trotzdem traf ich meine Kollegen aus fernen Ländern am Bildschirm sogar häufiger als sonst. Instrumente wurden wachgeküsst, um die Quarantäne zu verkürzen. Und selten war der Kontakt mit Studenten und Doktoranden so rege: die blieben brav Zuhause und fanden häufiger die Ruhe zum Schreiben als sonst. Ich bin altmodisch und vermisse es aber, denselben Raum mit meinem Gegenüber zu teilen.

Bis zur Entwicklung einer Impfung haben wir noch Zeit, um gemeinsam darüber zu reflektieren, wie wir uns ein Musikleben und ein Nachdenken über Musik nach Corona vorstellen und wünschen. Bleiben Sie gesund!

VERANSTALTUNGEN / CONFÉRENCES

DIE SMG IM ÜBERBLICK

ZENTRALPRÄSIDIUM / PRÉSIDENCE CENTRALE
Prof. Dr. Cristina Urchueguía
Institut für Musikwissenschaft der Universität Bern
Mittelstrasse 43, 3012 Bern
+41 (0)31 631 83 96
cristina urchueguia (at) musik unibe ch

SEKTIONEN / SÉCTIONS
Basel: PD Dr. Martin Kirnbauer
Schweizerische Musikforschende Gesellschaft
Ortsgruppe Basel, 4000 Basel
Berne: Prof. Dr. Cristina Urchueguía
Institut für Musikwissenschaft
Mittelstrasse 43, 3012 Bern
Luzern: Prof. Dr. Felix Diergarten
Obfalken 60, 6030 Ebikon
St. Gallen/Zürich: Dr. Michael Meyer, Musikwissenschaftliches Institut,
Florhofgasse 11, 8001 Zürich
Suisse romande: PD Dr. Ulrich Mosch, Université de Genève, Faculté des Lettres, Uni Bastions, rue De-Candolle 5, 1211 Genève 4
Svizzera italiana: Carlo Piccardi, 6914 Carona
Zürich: Prof. Dr. Dominik Sackmann 
Zürcher Hochschule der Künste
Pfingstweidstrasse 96, 8031 Zürich

 

 

GESCHÄFTSSTELLE /SÉCRETARIAT
Benedict Zemp, MA
Institut für Musikwissenschaft
Mittelstrasse 43, 3012 Bern
+41 (0)31 631 50 34, info (at) smg-ssm ch

INTERNET
www.smg-ssm.ch