Preisträgerin fragt Preisträger

Preisträgerin fragt Preisträger

02.09.2020

Die SMG verleiht den Handschin-Preis 2020 an Dr. Laura Decurtins, die mit einer Dissertation unter dem Titel «Chantai rumantsch! Zur musikalischen Selbst(er)findung Romanischbündens» an der Universität Zürich promoviert wurde sowie an Dr. Rafael Rennicke, der an der Universität Tübingen mit «Erinnerungspoetik. Berlioz und die Ranz des vaches-Rezeption im 19. Jahrhundert» doktorierte.

Benedict Zemp — Vor der Preisverleihung, die im Rahmen des 1. Studientages der SMG vom 17. September 2020 stattfindet, haben die beiden der SMG Redaktion einige Fragen beantwortet und sich auch gegenseitig eine Frage gestellt.

Zemp: Laura Decurtins, was bedeutet der Handschin-Preis für Sie?

Decurtins: Der Preis ist für mich eine wichtige Anerkennung für meine jahrelange Forschung zur Musik einer Minderheit in einem kleinen Land ohne grosse musikalische Tradition. Forschung bedeutet ja vor allem Mühe und Arbeit, und in meinem Fall war es eine besonders grosse Herausforderung, die Geschichte der Musik einer so kleinen Sprachgemeinschaft wie die der Bündnerromanen zu schreiben.

Rennicke: Was hat es mit dieser doppelten Perspektive des Begriffs der «Selbst(er)findung» im Titel auf sich?

Decurtins: Mit dem Begriff der kulturellen «Selbst(er)findung» spreche ich den Prozess der Identitätsfindung einer Gruppe qua gemeinsame Kultur und Sprache an. Diese Suche nach einer Identität ist aber - und hier kommt das «(er)» ins Spiel - gleichzeitig immer eine (diskursive) Imagination oder Konstruktion von Identität. Deswegen ist auch die musica rumantscha nicht nur Musik in oder aus Romanischbünden, sondern wird vielmehr, besonders seit der grossen Selbstfindungswelle im 19. Jh., als Ausdruck einer «bündnerromanischen Seele» verstanden und wahrgenommen, als Stifterin von Gemeinschaft funktionalisiert und idealisiert.

Zemp: Wie wird die romanische Sprachregion aus musikalischer Sicht von der restlichen Schweiz wahrgenommen?

Decurtins: Die Musikkultur wird als eine folkloristische, chorspezifische wahrgenommen, der man ganz gewiss keine 500jährige Geschichte zutraut. Allerdings ist dies völlig verständlich, beschränken sich doch die bekanntesten musikalischen Exporte auf wenige Heimatlieder und Sprachhymnen; in der Schweizer Popkultur haben heute auch Singer-Songwriter wie Bibi Vaplan einen Namen. Dass aber in beinahe allen Genres komponiert wurde, ist leider nur wenigen Eingeweihten bekannt. Dies sowohl in als auch ausserhalb Graubündens zu ändern und einen öffentlichen und wissenschaftlichen Diskurs zur musica rumantscha anzuregen, gehört deshalb auch zu meinen Forschungszielen.

Zemp: Welche Tätigkeiten und Aufgaben nimmt das Institut für Kulturforschung Graubünden wahr?

Decurtins: Das Institut für Kulturforschung Graubünden (ikg) ist eine unabhängige Institution, die geistes-, sozial- und kulturwissenschaftliche Forschungen mit Bezug zum Alpenraum, besonders zu Graubünden und den Nachbarregionen, betreibt und fördert. Hier arbeite ich momentan als externe Projektmitarbeiterin an einer Biografie über einen der bekanntesten und interessantesten Komponisten Romanischbündens, Gion Antoni Derungs (1935-2012).

Zemp: Rafael Rennicke, was bedeutet der Handschin-Preis für Sie?

Rennicke: Wissenschaft zu betreiben ist für Studierende ja zuallermeist eine «brotlose Kunst». Selbst Publikationen in wissenschaftlichen Fachzeitschriften werden in der Regel nicht honoriert. Wenn einen dann ganz am Ende des Studiums, eigentlich schon dann, wenn die Ziellinie überschritten ist, die Nachricht vom Handschin-Preis-Komitee erreicht, ist das eine mehr als schöne Auszeichnung und Wertschätzung.

Zemp: Welchen persönlichen Bezug haben Sie zur Musikgeschichte der Schweiz oder zur Schweiz generell?

Rennicke: Ich bin nur etwa eine Autostunde von der Schweizer Grenze entfernt aufgewachsen - und wäre im Zuge der Arbeit an meiner Dissertation doch manchmal allzu gerne in die Haut eines Bildungsreisenden des frühen 19. Jahrhunderts geschlüpft. Dass die Schweiz in den Jahrzehnten um 1800 zum Sehnsuchtsort par excellence avancierte, um romantische Wirkungen zu erleben und zu studieren, war mir in dem Maße zuvor nicht bewusst gewesen. In meiner Dissertation kann ich jetzt aber zeigen: Die Hör- und Kompositionsgeschichte des 19. Jahrhunderts wäre ohne das Erleben und das Wissen um die Wirkungsweisen des Kuhreihens zweifellos um ein entscheidendes Kapitel ärmer.

Decurtins: Wie bist eigentlich zum «Ranz des vaches» gekommen und warum interessiert er dich?

Rennicke: Auf den Ranz des vaches bin ich über einen Umweg gestoßen. Ich hielt Hector Berlioz’ Instrumentationslehre in Händen, las das Kapitel zum Englischhorn, und beim Stichwort «souvenirs» blieb ich hängen: Kein Instrument sei geeigneter, so Berlioz sinngemäß, Erinnerungen im Hörer zu wecken. Dass Berlioz in dieser Orchester-Poetik den Ranz des vaches und dessen Wirkung auf die Zuhörer erwähnt und ausführlich kommentiert, verblüffte mich! Und so habe ich ihn in der Folge als anthropologisches und ästhetisches, als ideengeschichtliches und kompositionsgeschichtliches Phänomen untersucht.

 

Zemp: Inwiefern profitieren Sie als Musikredakteur beim Kulturradio SWR2 in Baden-Baden von Ihrem musikwissenschaftlichen Studium?

Rennicke: Zunächst das Naheliegende: Natürlich hilft es mir, zu wissen, wie Texte und Notentexte gelesen, befragt und gedeutet werden können; und natürlich kommt mir meine Repertoirekenntnis zugute, wenn es gilt, Musikprogramme zu kuratieren, Werturteile zu bilden, Konzerteinführungen zu moderieren, Gespräche mit Künstlern zu führen. Aber das öffentliche Sprechen über Musik, das verständliche Reden über sie und ihre nicht nur reflektierte, sondern auch sinnliche und im besten Falle kunstvolle Vermittlung ist in der Tat nicht Gegenstand meines Studiums gewesen. Ich lernte es durch die Lektüre musikalischer Schriften, durch mein Studium der Allgemeinen Rhetorik und durch frühzeitige musikjournalistische Praxis während des Studiums.

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