Musikwissenschaft online

Musikwissenschaft online

31.03.2021

Wie funktioniert Musikwissenschaft online? Diese Frage stellt sich seit dem Beginn der Pandemie immer wieder von neuem. Auf Plattformen wie Zoom, Facebook und YouTube werden nicht erst seit Corona verschiedene Antworten auf diese Frage gefunden.

Helen Gebhart — Als erste Veranstaltung im Frühlingssemester der SMG Sektion Bern fand am 9. März 2021 der Vortrag von Louis Delpech, Assistent am Musikwissenschaftlichen Institut Zürich, statt. Da Präsenzveranstaltungen immer noch untersagt sind, präsentierte er seine Forschung zum Thema Musik und Gedächtnis via der Videotelefonie Software Zoom. Dank dieser Online-Übertragung konnten sich zahlreiche Personen aus verschiedenen Teilen der Schweiz und Deutschland zuschalten. Obwohl bei Zoom-Konferenzen der soziale Kontakt etwas auf der Strecke bleibt, kann durch diese Software der Zugang zu musikwissenschaftlichen Vorträgen auf der ganzen Welt erleichtert werden. So steht auch einer Teilnahme an einem öffentlichen Seminar aus Amerika nur noch die Zeitverschiebung im Weg. Während Zoom, Skype und zahlreiche andere Programme nun schon den Universitätsalltag dominieren, existieren auch weitere virtuelle Orte, an denen die Musikwissenschaft präsent ist.

Nachhilfe in Harmonielehre auf Facebook

Nicht erst seit Corona gibt es auf sozialen Medien zahlreiche Foren, in welchen Musik im Zentrum steht. In den öffentlichen, teils internationalen Facebook Gruppen Early Music, The Facebook Early Music Network, Alte Musik in der Schweiz, Musiktheorie und Komposition und Musicology-Musicologia-Musicologie-Muzikologie-Musikwissenschaft werden Beiträge zu unterschiedlichsten Themen geteilt. Auf einen Post zu einem Journal-Artikel über Komponistinnen folgt ein Hinweis auf die Veröffentlichung eines Jahrbuchs für Holzblasmusik und darauf eine Ankündigung für eine Veranstaltung zur Materialität des Klanges, welche per Live-Stream mitverfolgt werden kann. Oftmals wird in den Kommentaren über die Beiträge diskutiert. So entspinnt sich darin beispielsweise eine Diskussion über die Herkunft und Ausprägungen des Flamencos. Auch Hilfe bei Rechercheschwierigkeiten und musiktheoretischen Problemen kann in diesen Gruppen gefunden werden. Schwierig aufzufindende Editionen werden miteinander geteilt, oder nach einem Hilferuf erklärt, wie von B-Dur nach D-Dur moduliert werden kann. Sehr beliebt ist eine eher spielerische Gruppe namens Guess the Score, in welcher Partitur Kenntnisse auf die Probe gestellt werden können. Mehrmals pro Tag wird dort ein Partitur Ausschnitt gezeigt und die Mitglieder der Gruppe werden dazu aufgefordert heraus zu finden, um welches Werk es sich dabei handelt. Wenn auch bei weitem nicht alle Beiträge tiefgründig fundiert sind, bieten diese Gruppen eine Gelegenheit zur Vernetzung und zu einem breit gefächerten Austausch über Musik.

Wissensvermittlung auf YouTube

Eine viel benutzte Plattform für Tutorials, Recherche Hilfen und weitere Wissensvermittlung ist das Videoportal YouTube. Die Organisationen Répertoire International de Littérature Musicale (RILM) und Répertoire International des Sources Musicales (RISM) stellen auf YouTube Tutorials zur Benutzung der Datenbanken und weitere Tipps zur Literatur- und Quellenrecherche bereit.

Im Bereich der Alten Musik sticht auf YouTube besonders der Kanal Early Music Sources heraus. Diese YouTube-Serie ist Teil des Portals earlymusicsources.com, welches neben den Videoepisoden zusätzlich auch je eine Datenbank für Quellen und Ikonographien und ein Übersetzungs- und Veröffentlichungsprojekt bereithält. Early Music Sources wird vom Cembalist, Komponist und Sänger Elam Rotem in Basel produziert und feierte im Februar 2021 das fünfjährige Bestehen. Inzwischen besteht die Serie aus 46 Episoden, in welchen grössere Themenkomplexe, wie die «musica ficta», oder einzelne Werke, wie Jan Pieterszoon Sweelincks Hexachord Fantasie, oder musikhistorische Debatten, wie die Monteverdi-Artusi Kontroverse besprochen werden. Auf Englisch führt Elam Rotem, der zur frühen Basso continuo Praxis promovierte, in die Themen ein und stützt sich dabei auf eine grosse Anzahl von historischen Quellen. Zu jedem Video gibt es eine Unterseite auf earlymusicsources.com, wo alle benutzten Quellen, Editionen und weiterführende Literatur in Fussnoten aufgeführt sind. Die Stärke der Serie liegt nicht nur in der methodischen Sorgfalt, sondern auch in der Mischung aus eigens dafür eingespielten und gesungenen Musikbeispielen, den aufwändig animierten Videos und den leicht verständlichen und trotzdem detaillierten Ausführungen zum jeweiligen Episodenthema. Mit dieser Kombination scheint der Kanal genau den Geschmack der musikinteressierten YouTube Benutzerinnen und Benutzer zu treffen: Allein die Folge mit dem Titel «Emilio de’ Cavalieri’s mysterious enharmonic passage» wurde schon über 121 000-mal angeschaut und der Early Music Sources Kanal von über 51 000 Personen abonniert.

Die erwähnten Plattformen repräsentieren nur einen kleinen Teil der zahlreichen digitalen Angebote, über welche schwerlich ein Überblick zu gewinnen ist. Abhilfe schafft das Portal des Fachinformationsdienstes Musikwissenschaft musiconn.de, welches zentrale Links zur Musikforschung auf dieser Seite bündelt. Die Möglichkeiten, wie Musikwissenschaft online funktioniert, sind dank der Kreativität von musikforschenden Personen, den Projekten von Institutionen und den verfügbaren technischen Programmen unbegrenzt.

VERANSTALTUNGEN / CONFÉRENCES

DIE SMG IM ÜBERBLICK

ZENTRALPRÄSIDIUM / PRÉSIDENCE CENTRALE
Prof. Dr. Cristina Urchueguía
Institut für Musikwissenschaft der Universität Bern
Mittelstrasse 43, 3012 Bern
+41 (0)31 631 83 96
cristina urchueguia (at) musik unibe ch

SEKTIONEN / SÉCTIONS
Basel: PD Dr. Martin Kirnbauer
Schweizerische Musikforschende Gesellschaft
Ortsgruppe Basel, 4000 Basel
Berne: Prof. Dr. Cristina Urchueguía
Institut für Musikwissenschaft
Mittelstrasse 43, 3012 Bern
Luzern: Prof. Dr. Felix Diergarten
Obfalken 60, 6030 Ebikon
St. Gallen/Zürich: Dr. Michael Meyer, Musikwissenschaftliches Institut,
Florhofgasse 11, 8001 Zürich
Suisse romande: PD Dr. Ulrich Mosch, Université de Genève, Faculté des Lettres, Uni Bastions, rue De-Candolle 5, 1211 Genève 4
Svizzera italiana: Carlo Piccardi, 6914 Carona
Zürich: Prof. Dr. Dominik Sackmann 
Zürcher Hochschule der Künste
Pfingstweidstrasse 96, 8031 Zürich

 

 

GESCHÄFTSSTELLE /SÉCRETARIAT
Helen Gebhart, MA
Institut für Musikwissenschaft
Mittelstrasse 43, 3012 Bern
+41 (0)31 631 84 35, info (at) smg-ssm ch

INTERNET
www.smg-ssm.ch