Chorsingen in der Schweiz: damals und heute

Chorsingen in der Schweiz: damals und heute

01.09.2021

Die Veranstaltung Schweizer Chormusik vom 19. bis 21. Jahrhundert ist ein einmaliges Projekt, bestehend aus einer internationalen wissenschaftlichen Tagung an der Universität Bern und zwei Konzerten in Bern und Fribourg inklusive zweier Uraufführungen.

Helen Gebhart — Das Projekt ist eine Kooperation des Vereins Musica Classica mit der Universität Bern und der Hochschule der Künste Bern HKB. Caiti Hauck und Willi Derungs beantworten Fragen zu ihrem Projekt.

Wodurch zeichnet sich das Schweizer Chorleben im 19. Jahrhundert aus?

Caiti Hauck: Männerchöre und Patriotismus sind Schlüsselwörter hier. Wie in anderen europäischen Ländern wurden in der Schweiz des 19. Jahrhunderts viele Männergesangsvereine gegründet, die nicht nur Chorsingen und Geselligkeit pflegten, sondern auch patriotische Ideen beförderten. Was die Schweiz von den Nachbarländern unterscheidet, war, dass Patriotismus hier nicht auf eine sprachliche oder kulturelle Einheit beruhen konnte. Ganz im Gegenteil: Patriotische Reden – wie z.B. an den Eidgenössischen Sängerfesten – förderten vielmehr das Zusammengehörigkeitsgefühl, unabhängig von sprachlichen, kulturellen, religiösen oder politischen Unterschieden. Das alles ist aber nur ein Teil der Geschichte. Meine Forschung zu Bern und Freiburg zeigt, dass es bedeutende Unterschiede in gesellschaftlicher, politischer und religiöser Hinsicht nicht nur zwischen diesen beiden Städten gab, sondern sogar unter den verschiedenen Chören aus jeder dieser Städte.

Gibt es Elemente des Chorlebens aus dem 19. Jahrhundert, die auch heute noch präsent sind?

Caiti Hauck: Die heutige Schweizer Chorkultur, die auf dem Laienchorgesang in Vereinen basiert, ist die Fortsetzung einer Tradition, die sich im 19. Jh. etablierte. Natürlich hat sich seither vieles verändert. Gerade das Vereinsleben ist nicht mehr so attrak-tiv. Die damals zahlreichen Männerchöre stellen heute eine Minderheit dar und sind, auch was das «patriotisch-volkstümliche» Repertoire anbelangt, aus der Zeit gefallen. An ihrer Stelle sind gemischte Chöre und zahlreiche Vokalensembles mit unterschiedlicher Ausrichtung getreten. Das Repertoire hat sich diversifiziert, z.B. in Richtung Jazz und Popmusik, und sich so dem Zeitgeist angepasst. Dennoch bildet das 19. Jh. nach wie vor die Basis des heutigen Chorlebens.

Welche Themen und Fragen rund um das Schweizer Chorleben werden in der Tagung behandelt?

Caiti Hauck: Die Tagung thematisiert die unterschiedlichen Aspekte der Choraktivitäten in verschiedenen Regionen der Schweiz. Auf dem Programm stehen u.a. Referate zu Gesangsvereinen und Musikgesellschaften im 19. Jahrhundert, zur Praxis der Chorkomposition und zum Chorsingen im 21. Jahrhundert. Drei Hauptvorträge werden die Entwicklung des Kompositionsstils von Werken für Männerchöre, das Chorwerk von Othmar Schoeck und die Kompositionen für das Théâtre du Jorat behandeln. Beschlossen wird die Tagung mit einem runden Tisch mit den Komponisten Jean-François Michel und Leo Dick.

Neben der Konferenz sind auch zwei Konzerte Teil des Events. Welche Werke kommen zur Aufführung und wie haben Sie diese ausgewählt?

Willi Derungs: Wir haben im Team viele Recherchen, insbesondere zu Schweizer Komponisten im 19. und frühen 20. Jahrhundert betrieben. Wir wollten jedoch bewusst kein historisierendes Programm präsentieren, sondern die Entwicklung des vokalen Komponierens bis in unsere Gegenwart exemplarisch nachzeichnen. Wichtig war uns, dass wir Vertreter:innen der welschen und deutschen Schweiz in etwa gleichmässig berücksichtigen wollten, wobei auch andere Regionen der Schweiz zum Zug kommen sollten. So repräsentiert z.B. Hans Huber die Region Basel, Othmar Schoeck zugleich die Innerschweiz und die Region St. Gallen etc. Als Bündner mit rätoromanischer Muttersprache war es mir zudem ein Anliegen, mit Gion Antoni Derungs (der nicht mit mir verwandt ist) einen bedeutenden Vertreter der vierten Landessprache mit ins Programm zu nehmen. Es war auch klar, dass mindestens eine Schweizer Komponistin (Caroline Charrière) vertreten sein sollte. Zugleich wollten wir mit zwei Kompositionsaufträgen das zeitgenössische Chorrepertoire erweitern.

Die Veranstaltung ist eine Zusammenarbeit zwischen ver-schiedenen Institutionen. Wie ist diese zustande gekommen?

Willi Derungs: Auslöser war im Winter 2019 die Zusammenarbeit des von mir gegründeten Vereins Musica Classica mit Dr. María Cáceres-Piñuel, die am Institut für Musikwissenschaft der Uni Bern an ihrer Habilitation forschte. Es war zudem ein glücklicher Zufall, dass Dr. Caiti Hauck gleichzeitig am selben Institut im Rahmen des von der EU finanzierten Forschungsprojekts CLEFNI, das Chorleben in den Städten Bern und Fribourg im langen 19. Jh. erforschte. Weiter konnten wir über den Kontakt zu Christian Hilz, Gesangsdozent an der Hochschule der Künste Bern, auch diese Institution für unser Projekt begeistern. Hinzu kamen als Partner der von mir geleitete Berner Konzertchor Canto Classico und der Choeur de chambre de l’Université de Fribourg unter der Leitung von Pascal Mayer.

Tagung

17.-18. September 2021,Aula Muesmatt, Universität BernProgramm & Anmeldung:>www.clefni.unibe.ch

Konzerte

BERN: 18. September 2021, 19:30 Uhr,Französische Kirche

FRIBOURG: 3. Oktober 2021, 17 Uhr,Aula de l’Université

Infos und Tickets:

> www.cantoclassico.ch

> www.ccuf.ch

VERANSTALTUNGEN / CONFÉRENCES

DIE SMG IM ÜBERBLICK

ZENTRALPRÄSIDIUM / PRÉSIDENCE CENTRALE
Prof. Dr. Cristina Urchueguía
Institut für Musikwissenschaft der Universität Bern
Mittelstrasse 43, 3012 Bern
+41 (0)31 631 83 96
cristina urchueguia (at) musik unibe ch

SEKTIONEN / SÉCTIONS
Basel: PD Dr. Martin Kirnbauer
Schweizerische Musikforschende Gesellschaft
Ortsgruppe Basel, 4000 Basel
Berne: Prof. Dr. Cristina Urchueguía
Institut für Musikwissenschaft
Mittelstrasse 43, 3012 Bern
Luzern: Prof. Dr. Felix Diergarten
Obfalken 60, 6030 Ebikon
St. Gallen/Zürich: Dr. Michael Meyer, Musikwissenschaftliches Institut,
Florhofgasse 11, 8001 Zürich
Suisse romande: PD Dr. Ulrich Mosch, Université de Genève, Faculté des Lettres, Uni Bastions, rue De-Candolle 5, 1211 Genève 4
Svizzera italiana: Carlo Piccardi, 6914 Carona
Zürich: Prof. Dr. Dominik Sackmann 
Zürcher Hochschule der Künste
Pfingstweidstrasse 96, 8031 Zürich

 

 

GESCHÄFTSSTELLE /SÉCRETARIAT
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Institut für Musikwissenschaft
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