Stressverarbeitung über die Zähne

Stressverarbeitung über die Zähne

J. E. Lahme, 01.01.2013

Wer physische und psychische Belastungen ausgleichen muss, «beisst sich buchstäblich durch». Musiker und Musikerinnen, für die das Kausystem auch Instrument ihrer Berufsausübung ist, sind besonders gefährdet.

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Der Funktionskreis der Probleme, die bis zur Berufsunfähigkeit führen können

Die extrem hohen körperlich-geistigen Anforderungen des Musikerberufs haben ein Niveau erreicht, das weit über dasjenige eines Hochleistungssportlers hinausgehen kann. Der Perfektionismus «klinischsauberer» CD-Aufnahmen, der heute vielfach zum Mass aller Dinge geworden ist, lässt für individuelle Eigenheiten kaum mehr Raum. Einspielungen im Tonstudio werden mit Hilfe von Schnitttechniken und Nachbearbeitungen so aufpoliert, dass sie die Illusion einer Perfektion erzeugen, die kein Interpret im realen Spiel zu erreichen vermag. Dieses Wiedergabeideal ist zur grossen Belastung geworden. Die Einzelleistung ist überprüfbar und stellt die Interpreten aus. Kommt hinzu, dass der Konkurrenzdruck beim Besetzen von Musikerstellen in den letzten Jahrzehnten stetig gestiegen ist. Der Druck kann innere Spuren hinterlassen, die nach aussen hin nicht sofort sichtbar sind. Sie äussern sich in der Regel indirekt in Launen, Unzufriedenheit und letztendlich Verzweiflung, welche die Betroffenen selber als «sich Durchbeissen müssen» erleben.
Anspannungen und Verkrampfungen äussern sich schliesslich in psychosomatischen Erkrankungen der Organe, funktionellen Störungen des Bewegungsorgans und Fehlfunktionen des Kausystems. Psychisch bedingte Fehlhaltungen des Körpers werden überdies durch Zähneknirschen und -pressen stabilisiert und umgekehrt.

Die Bedeutung des Kausystems

 Das Kausystem nimmt beim Weg in die Berufsunfähigkeit eine zentrale Stellung ein: Nichtbläser kompensieren und stabilisieren sich über den Zusammenbiss. Bläser, die das Mundstück nicht über die Zahnreihen stabilisieren können, verschieben die Verspannung direkt in das Bewegungsorgan. Wie erkennt der Spezialist die Beteiligung des Kausystems an den vielen psychisch bedingten Symptomen? Dazu hilft der Blick auf die Vorgeschichte (Anamnese) der Leiden eines Patienten. Was haben Betroffene schon an Belastungen, Sorgen, Nöten und hilflosen Therapien hinter sich? Welche Symptome treten wann auf? Der Zahnarzt analysiert überdies die Funktionen des Kausystems klinisch und mit Analysen anhand von Zahnmodellen im Kaucomputer ( Artikulator). Fachübergreifend erstellt ein Facharzt für Orthopädie einen Funktionsbefund des Bewegungsorgans. Ein Physiotherapeut oder Psychotherapeut kann zusätzlich in manchem Fall hilfreich sein.
Die Ergebnisse diskutieren wir interdisziplinär. Daraus entsteht ein zielführender Therapieplan. Dieser kann umfassen: mentale Trainingstechniken, Physiotherapie, Haltungskorrekturen ohne und mit Instrument («Keine Überbelastung ohne Fehlbelastung»), ein Bissausgleich über selektiv aufgebaute Aufbissschienen zur Ent-spannung des Kauund Bewegungsapparates, eine Harmonisierung des Zusammenbisses durch Entfernen von Fehlkontakten oder zahnaufbauende Massnahmen bei Zahnfehlstellungen und/oder fehlenden Zähnen (Zahnersatz, Veneers, Implantate, Kronen).

Unfälle erfordern spezielle Massnahmen

Unfälle – Weichteilverletzungen von Lippen und Wangen oder Zahnfrakturen und Zahnverlust durch Fremdeinwirkung – können schlagartig in eine Berufsunfähigkeit führen. Sie erfordern eine behutsame Vorgehensweise. Die physiologischen Veränderungen können mit psychischen Beeinträchtigungen einhergehen. Dies gilt etwa für das Schleudertrauma. Der Schicksalsschlag «Schlag ins Genick» verursacht Schmerzen und die Fehlhaltung durch permanenten psychischen Druck. Betroffene spüren «die Faust im Nacken», gehen in eine Zwangshaltung, ihre Bandscheiben nutzen sich ab. Permanente Schmerzen und die Berufsunfähigkeit folgen.
Musiker jeglichen Alters können davon betroffen sein. Zur Prävention sind eigene Programme entwickelt worden – basierend auch auf einer von uns zwischen 2001 und 2004 an der Hochschule der Künste in Bern durchgeführten Musikerstudie bei Holzbläsern: orthopädische Haltungsund Bewegungsanalysen mit und ohne Instrument im Sitzen und im Stehen wurden durchgeführt, ebenfalls Funktionsanalysen des Kauorgans. Bei rund der Hälfte der Musiker war Behandlungsbedarf geboten. Diese Erfahrungen fliessen direkt in unsere zahnärztliche Diagnostik und Therapie ein.

Dr. med. dent. J. E. Lahme
Spezialist für Musiker-Behandlungen
Schulgasse 18
A-6850 Dornbirn
Tel. 0043 5572 386 333 Fax DW -8
lahme@aon.at
www.zahnart.at

 

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