Die Arbeit in den  musikermedizinischen Sprechstunden

Die Arbeit in den musikermedizinischen Sprechstunden

11.06.2018

Beschwerden, die beim Musizieren auftreten, müssen präzis und strukturiert abgeklärt werden. Die SMM vermittelt regionale Fachpersonen.

Peter Schönenberger — «Vor die Therapie hat Gott die Diagnose gestellt». Diesen Satz hört so manche Medizinstudentin von ihren Ausbildern, wenn sie sich zu einem Symptom gleich eine Behandlung ausdenken will. Auch unsere Beratungsstelle hat gelegentlich auf Anfragen zu antworten, die direkt nach einer bestimmten Behandlungstechnik fragen, ohne dass eine Vorabklärung stattgefunden hätte. Etwa im Sinne von «Ich leide unter Schmerzen; können Sie mir einen Handchirurgen empfehlen». Die Sache wird durch die Tatsache, dass auch viele Diagnosen unpräzise oder unzutreffend sind, nicht erleichtert. Begriffe wie Rheuma, Burnout und Sehnenscheidenentzündung gehören dazu.

Grundsätzlich folgen auch die musikermedizinischen Abklärungen den gleichen Prinzipien wie alle schulmedizinischen Abklärungen. Vorinformationen werden gesammelt. In Kenntnis allfälliger weiterer Krankheiten werden die Beschwerden, die für das Muszieren relevant sind, gezielt erfragt. Informationen zum Umfeld sind sowohl für die Suche nach den Ursachen wie auch für die Planung der Therapien von Bedeutung. Die körperliche Untersuchung erhebt einerseits allgemeine Befunde, beurteilt – bei den häufigen Beschwerden am Bewegungsapparat – zwingend Haltung und Funktion am Instrument. Die Abklärung kann in einer musikermedizinischen Praxis, einer entsprechenden Hochschulanlaufstelle stattfinden und durch eine interdisziplinäre Beurteilung ergänzt werden.

Das Beispiel einer jungen Althornistin soll das Gesagte illustrieren. Aus didaktischen Gründen deckt sich die Beschreibung der Problematik nicht exakt mit der effektiven Krankheitsgeschichte. Die Musikerin besucht eine Mittelschule und spielt seit sie acht Jahre alt ist Althorn, aktuell in zwei Formationen. Im Anschluss an eine Fraktur eines Handwurzelknochens der linken Hand als Fünfzehnjährige bleiben Schmerzen im linken Handgelenk zurück. Später kommen Schmerzen im rechten Handgelenk hinzu. Sie ist Rechtshänderin und muss in der Schule viel von Hand schreiben. Weder nach der Ruhigstellung im Gips vor drei Jahren, noch später hat jemals eine physio- oder ergotherapeutische Behandlung stattgefunden. Die Handgelenkschmerzen werden nach einer Stunde Musizieren stark und zwingen zu wechselnden Stützpositionen der linken Hand (Fotos). Rechts treten sie auch beim Schreiben auf. Von allen Handaktivitäten im Schulsport ist die junge Frau dispensiert.

Die Musikerin wird in der Sprechstunde der Berner Fachgruppe für Musikergesundheit vorgestellt. Auf Grund der im MRI nachgewiesenen Hinweise für eine Handgelenkarthritis wird eine rheumatologische Beurteilung angemeldet. Glücklicherweise kann eine entzündlich-rheumatologische Erkrankung ausgeschlossen werden. Allerdings liegt eine deutliche allgemeine Überbeweglichkeit der Gelenke vor, die für die Reizung der Handgelenke verantwortlich ist. Durch den fehlenden Muskelaufbau nach dem Unfall, die lockeren Gelenke und das freihändige Halten des knapp zwei Kilogramm schweren Instrumentes verspannten sich die Muskeln von der Hand bis zu den Schulterblättern und erzeugten bis in die Hände ausstrahlende Schmerzen (Triggerpunkt-Schmerzaussstrahlung).

In mehreren ergotherapeutischen und physiotherapeutischen Sitzungen, die in der Region der Musikerin stattfinden, kann die schmerzverursachende Unterarmmuskulatur entspannt und gekräftigt werden. Neben dynamischer Stabilisierung der laxen Gelenke durch Tapes erhält die junge Musikerin auch Anweisungen zur Pausengestaltung während des individuellen Übens. Mit der Zeit kann sie länger schmerzarm spielen. Die partielle Dispensation vom Schulsport kann bald gelockert werden.

Dr. med. Peter Schönenberger

… ist Facharzt FMH für Allgemeine Innere und Arbeitsmedizin und Vizepräsident SMM.

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