Nachruf Jürg Neuenschwander (1947-2014)

Nachruf Jürg Neuenschwander (1947-2014)

Heinz Balli, 02.05.2014

Der Organist an der Stadtkirche Burgdorf, Jürg Neuenschwander, ist im Alter von 67 Jahren an den Folgen einer Hirnblutung verstorben, ein früher Tod, unfassbar für Angehörige, Freundinnen und Freunde, Kolleginnen und Kollegen sowie für eine Hörergemeinde, wie sie wohl selten einem Organisten vergönnt ist.

 

Einige berufliche Stationen seines Lebens seien hier kurz genannt:
Nach seiner Ausbildung zum Primarlehrer studierte Jürg Neuenschwander am damaligen Konservatorium f. Musik in Bern Orgel bei Heinrich Gurtner.
Nach dem Erwerb von Lehr-und Konzertdiplom folgte eine weitere Ausbildung zum Klavierlehrer bei Janka Wyttenbach-Brun in Basel.
Bei Michael Radulescu in Wien und Marie-Claire Alain in Paris holte sich Jürg Neuenschwander wesentliche Impulse für seine spätere Konzerttätigkeit. Als langjähriger Lehrer an den Seminarien und Gymnasien Muesmatt Bern, Lerbermatt Köniz und Hofwil bei Bern vermochte er mit Geschick und grossem Einsatz seine Schülerinnen und Schüler für die Musik zu begeistern. Zwischen 1982 und 1989 war er freier Mitarbeiter von Radio SRF und zwischen 1995 und 2003 staatlicher Experte für Diplomprüfungen an den Musikhochschulen Bern und Biel.
Von 1973 bis 1978 wirkte Jürg Neuenschwander als Organist und Chorleiter an der Stadtkirche Frauenfeld.
Zu erwähnen sind schliesslich auch verschiedene Auszeichnungen und Preise. 1973 erhielt er den 1. Preis am Orgelwettbewerb des Schweizer Fernsehens, 2012 den Kulturpreis der Burgergemeinde Burgdorf u. a.
1979 wurde Jürg Neuenschwander zum Organisten und Leiter der Konzertreihe an der Stadtkirche Burgdorf gewählt.
An dieser renommierten Stelle konnte er sein ganzes künstlerisches Potential entfalten. Seinen Einsatz für eine gute Kirchenmusik in allen Formen des Gottesdienstes, den Ausbau des Konzertzyklus’ in seinem heutigen Umfang, Projektierung und Ausführung der Chororgel, all dies dankte ihm ein zahlreiches Publikum mit seltener Treue.

Ein Gedenken an Jürg Neuenschwander wäre nicht vollständig ohne Erwähnung seiner engen Beziehung zur Natur und seiner Heimat, dem Emmental und dessen Volksmusik und ohne einige persönliche Worte zum Menschen und Musiker.
Neuenschwander schreibt im Begleitheft einer seiner CDs: „ Der Orgel, der Königin der Instrumente, gehört unsere Seele und unser Gemüt. So ist es Brauch“. Wer einmal mit ihm beim vierhändig Spielen auf der Orgelbank gesessen ist, hat es hautnah erlebt: das sang, spielte, groovte, das übertrug sich auf Mitspieler und Publikum. Selbst wenn man gewollt hätte, diesem Musizieren von ganzem Herzen und ganzem Gemüte konnte man sich nicht entziehen.
Kein Wunder, dass sich der Burgdorfer Stadtorganist in immer grösserem Mass mit der gemütvollen Volksmusik seiner Heimat zu beschäftigen begann, einem grossen, lange Zeit unbeachteten Schatz. Es begann mit Volksliedern und Tänzen, mit Musik für die Emmentaler Hausorgel, dokumentiert auf entsprechenden CDs. Die Freundschaft mit dem Volksliedkomponisten Adolf Stähli war ein weiterer Meilenstein für Jürg Neuenschwander, der Stählis Lieder in minutiöser Arbeit vierstimmig für Orgel setzte und später im Einverständnis mit der Tochter des Komponisten, Barbara Uhlmann, an Stelle eines Jodels Refrains dazu komponierte. Beispiele dafür finden sich in den Aufnahmen „Am Thunersee“ und „Vom Hohgant“.

Jürg Neuenschwander hat Volksmusik und Lieder im Volkston auf sein Instrument und damit in die Kirche geholt, was ihm auch Kritik eingebracht hat. Er hat sich darüber hinweggesetzt. Für ihn war es wichtig, dass er mit seinem Spiel im rechten Moment seine Hörer zu erreichen und Herzen zu bewegen vermochte.