Das Ausleben von Leidenschaften fördern

Das Ausleben von Leidenschaften fördern

Stéphanie Maurer, 28.04.2016

Seit 1965 wird im Kompetenzzentrum für berufliche Integration Appisberg im Auftrag der Invalidenversicherung die Integration von Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit physischen und psychischen Einschränkungen in ein geregeltes Arbeitsleben durchgeführt.

Hoch oben in der Gemeinde Männedorf, mit herrlichem Blick auf den Zürichsee, liegt das Kompetenzzentrum für berufliche Integration Appisberg. Der Appisberg ermöglicht es den Bewohnerinnen und Bewohnern, wochentags einer Lehre nachzugehen und in Wohntrainingsgruppen ihre Sozialkompetenzen zu erweitern. In ihrer freien Zeit beschäftigen sich die Bewohnerinnen und Bewohner mit Hausarbeiten, Hausaufgaben, Lerndokumentationen, Kochen und weiteren alltäglichen Tätigkeiten. Ein Wochenausflug ermöglicht ihnen den Gang zur Kegelbahn, ins Kino oder ins Alpamare. Auch Sport kann getrieben werden; es stehen ein Kraftraum, eine Turnhalle und ein Hallenbad zur Verfügung.

Nebst diversen Aktivitäten haben die Bewohnerinnen und Bewohner nun auch die Möglichkeit, im Rahmen eines Pilotprojektes Musikunterricht zu besuchen. Trotz des umfangreichen Angebots sind auch die Jugendlichen vom Appisberg den Gefahren unseres digitalen Zeitalters und leistungsorientierten Systems ausgesetzt. Auch hier besteht die Gefahr von Drogenkonsum oder Gamesucht. Anders als in intakten Familienstrukturen fehlen jedoch häufig die finanziellen und strukturellen Ressourcen, um ihnen Hobbies zu ermöglichen, welche die Kreativität, das Ausleben und Eintauchen in Leidenschaften fördern.

Das Betreuerteam vom Appisberg setzte sich vor einiger Zeit mit der Frage auseinander, wie die Bewohnerinnen und Bewohner im Ausüben ihrer eigenen Interessen gefördert werden könnten. Mit ihren Überlegungen stiessen sie auf offene Ohren. Also entschlossen sie sich für ein Pilotprojekt, welches nicht nur die persönlichen Leidenschaften der Bewohnerinnen und Bewohner wecken soll, sondern es auch den Betreuenden ermöglicht, ihre persönlichen Fähigkeiten weiterzugeben. So entstanden Räume, welche mit dem nötigen Material ausgestattet wurden und nun von den Bewohnerinnen und Bewohnern nach einer Einführung frei benutzt werden dürfen. Das Angebot umfasst ein Malatelier, einen Bastelraum mit Modellbaukurs, UrbanGardening, ein Musikzimmer und ein Home Recording-Studio.

Einer der Betreuer ist Marco Pollastri, Liedermacher, Gitarrist und Musikproduzent aus Stäfa. Im Appisberg ist er in Teilzeit als Sozialpädagoge tätig, betreut die jungen Menschen in den Wohngemeinschaften und erfährt hautnah von ihren Lebensumständen. Es seien viel Energie und verschiedenste Interessen vorhanden, jedoch bestünden weitaus weniger Entfaltungsmöglichkeiten im Vergleich zu Jugendlichen aus intakten Arbeits- und Familienverhältnissen, so Pollastri. Also rief er das Angebot des Musikunterrichts ins Leben. Angeboten wird zurzeit hauptsächlich Gitarre, doch hilft er auch bei Gesang und Geige weiter. Ebenfalls zur Verfügung steht ein Aufnahmestudio, welches sehr gerne nach Feierabend genutzt wird.

Die Jugendlichen, welche vom Musikunterricht profitieren, haben unterschiedliche Motivationen und Visionen in Bezug auf ihr Instrument. Joel zum Beispiel will ganz einfach Gitarre spielen können. Er liebt es, sich völlig aufs Instrument zu konzentrieren, sich in die Musik zu vertiefen und alles um ihn herum zu vergessen. Auch wenn er zugeben müsse, dass dabei seine Kollegen zeitweise zu kurz kämen, schaffe die Gitarre für ihn einen unverzichtbaren Raum, den er ganz allein für sich habe. Zeitmanagement ist für ihn ein Thema geworden.

Nicole hat russische Wurzeln. Ihr Traum ist es, die Lieder der Lieblingskünstlerinnen und -künstler vortragen zu können – auf der Strasse, zuhause, in der Familie. Gitarre ist ihr Instrument, es spricht ihr aus der Seele. Mit ihr fühlt sie sich vollkommen verbunden. Dafür nimmt sie auch den Frust beim Üben in Kauf, wenn die Griffe nicht von Anfang an sauber klingen.

Einmal pro Woche ist Marco Pollastri im Musikraum anwesend. Die Open Class ermöglicht gemeinsames Üben und gegenseitiges an- und voneinander Lernen, fördert die Motivation und schont zugleich die institutionellen Ressourcen. Während des Unterrichts übt jeder Musikschüler die selbst mitgebrachten Songs, Pollastri bietet Hilfestellungen für Haltung, Technik oder Liedkomposition. Dabei geben die Bewohnerinnen und Bewohner das Tempo vor. Einzig bei der Stückwahl mahnt er manchmal, wenn die Machbarkeit die Motivation negativ beeinflussen könnte. Für Pollastri steht das Moment des Musikerlebnisses an erster Stelle. Die Erfahrung von Ensemblespiel und gefühltem Fortschritt, der Umgang mit Frust oder Stagnation beim Lernen des Instruments wirkt sich sehr positiv auf die erschwerten Lebensumstände der Bewohnerinnen und Bewohner aus. Ein wichtiger Teil von Marco Pollastris musikpädagogischer Tätigkeit findet zudem im frisch eingerichteten Home Recording-Studio statt. Hier lernen die Interessierten, wie elektronische Musik entsteht, hier können sie experimentieren, eigene Melodienaufnehmen, den Umgang mit dem Programm Logic und den Softwareinstrumenten erlernen. Oft stehen sie zu zweit oder dritt um den Computer und tüfteln an neuen Soundkonzepten.

Die druckfreie Lernatmosphäre ist für den Betreuer und die Bewohnerinnen und Bewohner die Grundlage für ein fruchtbares Eintauchen in die Musik. Es gibt weder Anmeldetermine noch Präsenzpflicht. Je nach psychischer Verfassung oder Alltagsanforderungen muss das Instrument auch mal in der Ecke bleiben oder einer anderen Beschäftigung weichen. Das Projekt findet auf beiden Seiten grossen Anklang. Und es könnte sogar Vorreiter für eine neue Art von Jugendangebot werden: Open Classes, in welchen Pädagoginnen und Pädagogen aller Richtungen ihre eigenen Stärken und Leidenschaften weitergeben dürfen.