Überstunden im Musiklehrberuf – alltägliches Tabu

Überstunden im Musiklehrberuf – alltägliches Tabu

04.10.2016

Der Begriff «Sparmassnahmen» ist in aller Munde. Man könnte ihn sogar zum Modewort 2016 küren. Sparmassnahmen erklären alles – Ungerechtigkeiten am Arbeitsplatz, Pensenkürzungen sowieso, und es grassiert eine unterschwellige Angst, die persönliche Sicherheit, die sogenannte Komfortzone, verlassen zu müssen.

Stéphanie Maurer — «Bitte nicht ich,» sagen wir uns, und nehmen dafür viel zu viel in Kauf... zum Beispiel Überstunden bei Musiklehrpersonen. Schliesslich sollte man in diesen schweren Zeiten dankbar für einen festen Job sein, und man hält es «gerade noch so aus», auch wenn einen seit geraumer Zeit Überlastungsbeschwerden wie Schlaflosigkeit, Überreiztheit oder gar schwerwiegendere Krankheitsbilder plagen, welche dem Druck von aussen zuzuschreiben sind.

Die Sommerferien sind vorbei. Die 52-jährige J. B. (Name frei erfunden) erteilt an einer renommierten Stadtmusikschule 20 Schülern und Schülerinnen Geigenunterricht. Jedes dieser Kinder – ob Anfänger, Fortgeschrittene, Übfaule oder Hochbegabte – erhält pro Woche zwischen dreissig und fünfzig Minuten Unterricht. Dann flattert die Anmeldung für die Entrada des nächsten Musikwettbewerbs in den Briefkasten. J. B., welche bereits seit Jahren erfolgreich ihre Schülerinnen an die Wettbewerbe begleitet, weiss, was das bedeutet: Organisieren, Zusatzproben, Wettbewerbsbetreuung, und nicht zu vergessen die psychische Betreuung mittels Telefonaten oder Gesprächen ausserhalb der Unterrichtszeit. J. B. ist eine erfolgreiche Lehrerin. Und so schickt sie auch dieses Jahr fünf ihrer besten Schülerinnen an den Wettbewerb.

Was für J. B. jährlicher Alltag ist, ist für die meisten Eltern unbekanntes Terrain und für die Schule eine Selbstverständlichkeit: Überstunden im Musiklehrberuf. Da die begabten Schülerinnen auch nach dem Wettbewerb auf ihrem Instrument weiterkommen sollten, liegt in diesem Fall keine Kompensationsmöglichkeit des Mehraufwandes drin. Die Tätigkeit als Förderin von begabten und musikinteressierten jungen Menschen wird von vielen als Bonus gesehen. Man darf ja froh sein, hat man überhaupt solch begabte Schülerinnen. Dankbarkeit sollte man zeigen, und Freude daran, hochstehenden Unterricht erteilen zu dürfen. Proben mit der Korrepetitorin, Raumorganisation, Koordinieren der Agenden von Lehrperson und Eltern, dann die Anwesenheit am Wettbewerb selbst und das Auffangen der Nervosität aller Beteiligten – es ist eine wunderschöne Arbeit, gewiss. Doch wer hört uns an, wenn die Belastung zu gross wird und wir immer noch an der Existenzgrenze leben?

Im Bereich des privaten Musikunterrichts profitieren die Lehrpersonen davon, dass sich Eltern im Vornherein bewusst sind, was Musikunterricht kostet. So kann man den Zusatzaufwand als Mehraufwand ver- rechnen, und das ist vielerorts üblich. Angestellte einer Musikschule haben diesbezüglich selten Unterstützung, und Eltern kennen die Anstellungsbedingungen der Musiklehrpersonen nicht. Es sollte hier im Optimalfall ein Bogen gespannt werden, bei welchem Überstunden in dieser Form als selbstverständliche Mehrkosten dargelegt werden dürfen und sogar im Schulreglement einen Platz bekommen. «Bei Mehraufwand seitens Lehrpersonen im Bereich Begabtenförderung oder Leistungsprüfungen (Leistungsprüfungen? Hierzulande nennen wir sie Stufentests. Mehraufwand, Überstunden, Gespräche, Anwesenheit an der Prüfung, psychologische Vor- und Nachbetreuung – ein Schelm, wer Böses denkt!) können für die Eltern Mehrkosten entstehen.» Denkbar wäre auch ein schweizweiter Topf, welcher für begabte und hochbegabte Schülerinnen und deren Lehrpersonen zugänglich ist.

Ich kenne kein Arbeitsfeld, in welchem so viel Überstunden geleistet werden wie im Kunstsektor. Sparmassnahmen, die Angst vor dem Sicherheitsverlust, all dies bringt viele Künstler zum Schweigen. Wann wird diese Spirale ein Ende nehmen? Je mehr wir arbeiten und froh sind, dass wir unsere Leidenschaft überhaupt zum Beruf machen durften, desto weniger Zeit bleibt uns, uns für unsere Rechte und unseren Lebensstandard einzusetzen. Irgendwann wird es zu spät sein, und vom Kuchen bleibt nicht mehr viel übrig. Den werden diejenigen an sich gerissen haben, welche Geld für Kampagnen, Bestechungen und professionelle Politikbetreuung haben.

Ein Aufruf, zusammenzustehen.