«Wir haben einen der schönsten  Berufe»

«Wir haben einen der schönsten Berufe»

16.02.2017

Die Sängerin Gabriela Martinez vertritt im Zentralvorstand des SMPV unter anderem den Bereich der Popularmusik. Im Gespräch schildert sie ihren musikalischen Werdegang, spricht über Besonderheiten der Musikpädagogik im popularen Bereich und nennt Aufgaben des Berufsverbandes im popularen Bereich.

Lucas Bennett — Gabriela Martinez begann ihre musikalische Laufbahn als Performerin, bevor sie sich als Musikpädagogin ausbilden liess und auf verschiedensten Stufen unterrichtete. Ihr Werdegang wiederspiegelt auch die Entwicklung der Jazz-/Pop-Bereiche, die in den letzten Jahrzehnten sukzessive Aufnahme in den Musikunterricht, akademische Institutionen und Curricula gefunden haben.

Gabriela, wie bist du zur Musik gekommen?

Ich habe schon als Kind immer Musik gemacht, vor allem gesungen. Zunächst bekam ich Blockflötenunterricht, das wurde mir irgendwann aber zu langweilig (lacht). Ich habe gesungen, Schlagzeug gespielt, verschiedene Instrumente ausprobiert. Am meisten faszinierten mich Stilrichtungen wie Rock, Heavy Metal, Blues und Soul – damit bin ich aufgewachsen; die siebziger und achtziger Jahre, die Zeit der Discos, das waren für mich musikalisch prägende Jahre…

Mich hat die Musik einfach gepackt und ich habe mich selbständig weiterentwickelt. An der Schule habe ich neben dem normalen Musikunterricht keine besondere Förderung erfahren, aber da hat sich mittlerweile ja viel getan.

Wann wusstest du, dass du Musik zu deinem Beruf machen wolltest?

Das war relativ spät, mit 17 oder 18 Jahren. Ich habe auch andere Berufswege erprobt, die Musik hatte dabei noch gar nicht die erste Priorität. Ich hätte mir beispielsweise auch gut vorstellen können, Köchin zu werden, das ist ein Metier, das mich bis heute sehr fasziniert. Ich bin dann weit herumgereist, ich wollte die Welt entdecken. Dabei lernte ich viele Musiker kennen, mit denen ich schliesslich auch auf Tournee ging. Weil es damals für mich als Realschulabgängerin nicht möglich war, an einer Hochschule zu studieren, musste ich mich anders hocharbeiten. Ich habe unter anderem in Hotels Musik gemacht, in sogenannten Top 40-Bands, habe als Freelancerin meine Stimme schon verschiedenen Studios geliehen und auch auf Kreuzfahrtschiffen Musik gemacht und dabei sehr wertvolle Erfahrungen sammeln können. Eine ganz wichtige Etappe war das Jazzfestival in Bratislava, wo ich mit grossen Musikern auftreten durfte. Ich habe durch solche Gelegenheiten gelernt, auf der Bühne zu bestehen und mich zu präsentieren. Es gab da ja kein Coaching oder sonstige Unterstützung…

Du bist also direkt ins Berufsleben eingestiegen und hast danach eine pädagogische Ausbildung absolviert. Wie lief das ab?

Zurück in der Schweiz lernte ich meinen heutigen Mann kennen. Ich habe viel in Bands gesungen und weitherum konzertiert. Dann wurde meine erste Tochter geboren. Ich hatte damals zwei Plattenvertragsangebote in Aussicht, habe diese aber letztlich zugunsten der Familie abgesagt. Ich wollte mich zudem nicht den Vorstellungen eines Labels unterordnen, sondern mich selber künstlerisch entwickeln. Für Personen, die bereits unterrichteten, gab es an der damaligen ACM (Academy of Contemporary Music, Anm. d. Red.) die Möglichkeit, die pädagogische Ausbildung nachzuholen. Diese Chance wollte ich auf keinen Fall verpassen. Dort habe ich dann das Pädagogikdiplom erworben. Das Diplom war vom SMPV anerkannt und die Schule damals eine höhere Fachschule. Zudem habe ich mich dauernd weitegebildet und spezialisiert, zum Beispiel in Musikkinesiologie, vertiefter Pädagogik und so weiter.

Was bedeutet dir die Musikpädagogik?

Die pädagogische Arbeit fasziniert mich, ich liebe es, mit den verschiedensten Menschen zu arbeiten. Auf die Stufe kommt es mir dabei nicht an. Ich unterrichte Berufsstudierende und Laien jeden Niveaus, jeder Typ Schüler ist mir der liebste (lacht). Ich finde, wir haben einen der schönsten Berufe, es ist so abwechslungsreich, man ist immer wieder gefordert, muss sich für verschiedenste Menschen und Situationen eine Strategie ausdenken.

Du unterrichtest auch Klassen…

Ich unterrichte textiles Werken und Musik auf der Oberstufe in Lengnau und leite dort auch seit 13 Jahren einen Jugendchor. Das ist eine andere Art der Herausforderung, es braucht sehr viel, um 24 Jugendlichen Musik nahezubringen. Man muss authentisch sein, darf nicht zu sehr unter Druck geraten. Ich unterrichte sehr gerne an der Schule. Es muss nicht aus jedem in der Klasse ein Musiker werden, sondern die Schülerinnen und Schüler sollen Spass an der Musik haben und lernen, im Musizieren auch an die eigenen Grenzen zu stossen. Das bekommt man nur hin, wenn man eine Bindung aufbauen kann. Ich engagiere mich da sehr gerne, denn die jungen Menschen sind unsere Zukunft. Ich habe im übrigen auch den Anspruch, dass keiner sagen kann, das Fach Musik brauche es ja gar nicht.

Siehst du zwischen dem klassischen Musikunterricht und dem Unterricht im sogenannten populären Bereich Unterschiede?

Ich denke, die Herangehensweise ist manchmal anders. Wenn ein Schüler zu uns kommt, müssen wir ihn immer dort abholen, wo er ist. Wir haben viele sehr unterschiedliche Stilrichtungen. Vielleicht fördern wir jemanden zunächst im Blues, weil er dort viel mitbringt, auch wenn er in anderen Bereichen Schwächen hat, und gehen erst dann an andere Stilrichtungen heran. Man muss in dieser Hinsicht sehr offen sein. Insgesamt ist es ja auch eine etwas andere Kultur, ein anderes Leben, welches vielleicht manchmal einen etwas lockereren Zugang zur Pädagogik mit sich bringt, ohne dass man deswegen unseriös arbeiten würde.

Gemessen an der Gesamtzahl unserer Mitglieder haben wir relativ wenige Kolleginnen und Kollegen aus dem popularen Bereich. Woran liegt das?

Ich denke, es liegt zunächst an den noch unterschiedlichen Traditionen. Das Selbstverständnis der Musiker im Popularbereich ist traditionell eher von der Idee von Freiheit und Unabhängigkeit geprägt. Man ist, um es direkt zu sagen, eher Einzelkämpfer und denkt weniger an kollektive Institutionen. Da kann ein traditionsreicher Berufsverband dann etwas altbacken wirken. Die klassischen Musiker sind dagegen mit einer Tradition der Organisation eher vertraut. Der SMPV tut deshalb gut daran, immer wieder zu kommunizieren, dass er ein für alle Sparten offener Verband ist, auch wenn er traditionell natürlich stark von der Klassik geprägt ist. Die neuen Konzepte zur Mitgliederwerbung gehen da den richtigen Weg. Ich bin mir auch sicher, dass sich die Kulturen im Laufe der Zeit noch stärker vermischen und angleichen werden. Ich appelliere deshalb an meine Kolleginnen und Kollegen im popularen Bereich, sich dem Verband anzuschliessen. Je grösser und vielfältiger wir werden, desto breiter können wir unseren Auftrag der Interessenvertretung wahrnehmen – im Interesse aller.

Was könnte der Verband den Musiklehrpersonen im popularen Bereich anbieten, was für sie besonders nützlich wäre?

Zunächst bietet er ja schon viel, was auch für die Lehrpersonen im popularen Bereich wichtig wäre, ich denke da zum Beispiel an die Rechtsberatung, das politische Lobbying, den Anschluss an die Pensionskasse Musik und Bildung, die Privatunterrichtsvermittlung und vieles andere. Auch die Möglichkeiten der Netzwerkbildung sind klare Vorteile. Sicher wären für die Mitglieder des popularen Bereichs besonders Weiterbildungen in Richtung Imageberatung, Selbstmanagement, Begabtenförderung oder Kinderpädagogik, aber auch sonstige pädagogische Weiterbildungen, interessant. Ein weiteres, auch für die Klassiker sehr relevantes Thema betrifft ressourcenorientiertes Unterrichten, also wie man die eigenen Ressourcen so einsetzen kann, dass man auch mit vielen diversen Jobs gut über die Runden kommt. Schliesslich wäre auch Konzertorganisation und -koordination eine wichtige Aufgabe.

Du vertrittst seit kurzem den SMPV in der Fachkomission Jazz & Pop des Schweizerischen Musikwettbewerbs. Wer kann im popularen Bereich teilnehmen?

Der Wettbewerb steht allen Stilrichtungen offen. Es können Acts ab einer Person teilnehmen, alle Instrumente und Gesang sind zugelassen. Ich hoffe sehr, dass möglichst viele die Chance nutzen und sich anmelden, denn es gibt aktuell wirklich sehr viele gute Leute. Für die Jungen ist der Wettbewerb eine super Chance.