Streiflichter zur Geschichte des SMPV: Von der Gründung 1893 bis 1920 

Streiflichter zur Geschichte des SMPV: Von der Gründung 1893 bis 1920 

16.05.2018

Im Jubiläumsjahr prä- sentieren wir ausgewählte Beiträge zur 125-jährigen Geschichte des SMPV. Nachdem in der März- ausgabe die Vereinsgründung geschildert wurde, beleuchtet dieser Beitrag die weitere Entwicklung des Verbands bis 1939.

Lucas Bennett  — Nach seiner Gründung an der ersten Generalversammlung vom 1. Oktober 1893 im Restaurant Gotthard in Olten befasste sich der junge Verein zunächst vor allem mit der Förderung des Gesangs in den Schulen und an Gesangswettbewerben mit Chören; schon 1899 hatte man Gesangsdirektorenkurse durchgeführt, die auf grosse Resonanz stiessen; so nahmen im Jahre 1903 124 Teilnehmer aus 20 Kantonen teil. 1906 wurde der erste Organistenkurs durchgeführt, ein Kurs von zwei Jahren Dauer mit je einem halben Tag Unterricht während 8 Wochen. Dass dieser Kurs notwendig sei, habe sich in dessen Verlauf leider «auf bittere Weise» bestätigt, wie das Vereinsorgan berichtet. Es ist für den jungen Verband eine Zeit grosser Unternehmungslust und Experimentierfreude – das fachliche Selbstbewusstsein äussert sich auch im teilweise durchaus kecken Umgang mit Bildungsbehörden. Die fortschreitende Intensivierung der musikpädagogischen Aktivitäten führte dazu, dass der Verein sich 1911, 18 Jahre nach seiner Gründung, einen neuen Namen gab: Schweizerischer Musikpädagogischer Verband (SMPV). Neue Statuten fassten nun die musikpädagogische Aufgabe des Verbands viel breiter, und die Mitgliedschaft wurde hier schon präziser geregelt als in den Statuten von 1893: 

«Der Verband erstrebt die Vereinigung aller schweizerischen oder in der Schweiz wohnenden Musik- und Gesanglehrer und -lehrerinnen, Dirigenten, Organisten, ausübenden Künstler und Künstlerinnen, sowie der Musikschriftsteller zum Zwecke der Verbesserung des gesamten Musikunterrichtswesens, der Förderung des allgemeinen musikalischen Lebens und der Hebung des Musiklehrerstandes.» 

Als Zeichen des neuen Selbstbewusstseins wurden ausserdem auch die Musikpädagogischen Blätter als eigenständige Publikation aus der Schweizerischen Musikzeitung gelöst. An derselben Versammlung wurde auch der Grundstein zur SMPV-Berufsausbildung gelegt, die dann ab 1913 durchgeführt wurde. Was bewog den SMPV dazu, als Ausbildungsinstitution tätig zu werden? Im Einklang mit dem in den neuen Statuten formulierten Anspruch, sich für eine möglichst hochwertige musikalische Ausbildung in der Schweiz einsetzen war beschlossen worden, dass der SMPV künftig eigene Diplomprüfungen anbieten solle. Damit wollte man vor allem den relativ zahlreichen Musikerinnen und Musikern in der Schweiz, die professionell tätig waren, aber nie eine formelle Ausbildung absolviert hatten, eine Möglichkeit bieten, ihre Fähigkeiten an einer Prüfung unter Beweis zu stellen und ein Diplom zu erwerben. In nur zwei Sitzungen hatte der Zentralvorstand eine Prüfungsordnung erarbeitet und verabschiedet, und so fanden am 26. April 1913 in Zürich die ersten Diplomprüfungen des SMPV statt. Die Prüfungsreglemente sind leider nicht erhalten, aber die Anforderungen scheinen viele Interessenten abgeschreckt haben; von zirka 60 Interessenten meldeten sich nur fünf zur Prüfung an. Eine Anmeldung für Handorgel und Trommel musste abgewiesen werden, da man keine Experten dafür fand. Vergeben wurden an jenem Tag zwei Klavierdiplome, ein Orgel, ein Violin- und ein Dirigier-Diplom. Die Prüfung umfasste ein kürzeres Rezital und Blattspiel, je eine mündliche und schriftliche Theorieprüfung inklusive harmonie-, Formenlehre und Musikgeschichte, sowie eine Probelektion, bzw. ein Probedirigat. Die Verleihung des Diploms bedeutete konkret, dass die Absolventen vom SMPV als «Lehrer und Lehrerinnen in den entsprechenden Fächern empfohlen wurden» – eine behördliche Anerkennung gab es nicht. Sich über das damalige instrumentale Niveau ein Bild zu machen, ist nicht leicht, doch kann man annehmen, dass es mindestens dem der damaligen Konservatorien vergleichbar war; so betonte der Zentralvorstand: «wir wissen […] die Würde unseres Musiklehrerstandes zu wahren, indem wir von den Prüfungskandidaten das verlangen, was ein ordentlicher Musiklehrer wissen soll.» Und an die Adresse derjenigen, die sich letztlich nicht zu den Prüfungen angemeldet hatten: «[Sie] sind nun hoffentlich definitiv davon überzeugt, dass sie sich die Kosten die Kosten der Bestellung und uns diejenigen der Zusendung hätten ersparen können!» Es ging also auch bei diesen frühen Prüfungen keineswegs darum, dass man Laien professionalisieren wollte. Vielmehr wollte der SMPV das Niveau des Musikunterrichts, sei es privat oder an den Schulen, verbessern und nach und nach auf ein möglichst professionelles Niveau bringen.

Fünf Jahre später, 1916, wurden die Tätigkeiten des Verbandes endlich auch auf die Westschweiz ausgedehnt und der französische Name Societé Suisse de Pédagogie Musicale in die Statuten aufgenommen. Der Verband zählte damals 550 Mitglieder.

Stark ausgebaut wurde in dieser Zeit auch das Dienstleistungsangebot für Mitglieder: So bot der SMPV in den Musikpädagogischen Blättern regelmässig eine Stellenvermittlung an. Eine eigene Bibliothek mit Musikalien wurde aufgebaut. Bis in die zwanziger Jahre wurden auch Konzertberatungsstellen für Mitglieder betrieben, die anstelle von Agenten oder professionellen Organisatoren agieren und beraten sollten. Schon 1919 waren ganze 80 Beratungsstellen in der Schweiz eingerichtet worden. Ebenso gehörte die Hilfskasse bereits zum festen Bestand des Unterstützungsangebotes für Mitglieder.

Quellen:

E. A. Hoffmann, Geschichte des Schweizerischen Musikpädagogischen Verbandes von 1893 bis 1943, in: Antoine-E. Cherbuliez, Geschichte der Musikpädagogik in der Schweiz. SMPV, 1944, S. 410 ff. ;

Schweizerische Musikpädagogische Blätter, II (1913), Nr. 5, 9, 12.  Teile dieses Textes erschienen in der SMZ 2/2014, sowie 9/2015.