Dreiländertagung: «Wie viele Musiker braucht das Land?»

Dreiländertagung: «Wie viele Musiker braucht das Land?»

06.12.2018

Vom 26. bis 28. Oktober 2018 fand in der Landesakademie für die musizierende Jugend in Ochsenhausen (Baden-Württemberg) die 49. Drei-ländertagung D-A-CH statt. Sie stellte die Frage: «Wie viele Musiker braucht das Land?»

Annette Dannecker — Die Tagung wurde in diesem Jahr vom Deutschen Tonkünstlerverband (DTKV) und dem Schweizerischen Musikpädagogischen Verband (SMPV) organisiert und bot vielfältige und differenzierte Einblicke in die komplexe Beschäftigungssituation professioneller Musikerinnen und Musiker in Deutschland und der Schweiz.

Von der Vergangenheit in die Gegenwart

Birgit Jank (Universität Potsdam) zeichnete in ihrem Beitrag «Ich bin ein Musikant – Historische und aktuelle Betrachtungen zu einem Berufsstand» die historische Entwicklung des Musikerberufs nach und schloss in Bezug auf die aktuelle Situation von Musikerinnen und Musikern, dass auch heute noch das Bild des genialen, sich aber am Rande der Gesellschaft bewegenden Musikers vorherrsche.

Dass demgegenüber auch heute noch eine nicht hinterfragte Diskrepanz zwischen dem «genialen Musiker» und der «einfachen Musikpädagogin» in der Wahrnehmung vieler Menschen besteht, legte Michael Eidenbenz, Direktor des Departementes Musik der Zürcher Hochschule der Künste in seinem Referat «Kunst verkauft sich nicht pro Kilo» dar, wobei er den Schwerpunkt auf die Situation von Studierenden und Studienabgängerinnen und -abgängern sowie die Struktur von Hochschulen und Studienfächern legte. Kunst, stellte Eidenbenz fest, sei ein abstraktes Abbild der Gesellschaft, welches diese zugleich hinterfrage, und sie stelle ein kollektives Bedürfnis dar. Gute Musiker gebe es deshalb nie genug.

Zur aktuellen Beschäftigungssituation

Cornelius Hauptmann, Präsident des DTKV, beleuchtete die Chancen und Risiken für Musikerinnen und Musiker nach dem Berufsstudium und die aktuelle Arbeitssituation im Bereich Klassik. Praxisnah zeigte er die komplexen Arbeitsstrukturen anhand von aktuellen Zahlen auf («Wie viele Musiker braucht das Land? Sichtweisen aus dem Bereich Klassik in Deutschland»).

Wie sich die Situation in der Schweiz darstellt, erläuterte Christoph Trummer, Vorstandsmitglied von SONArt und Suisseculture, in seinem Referat «Wettbewerb oder Stärkung der Szene: Wie wirkt die Professionalisierung des Musikbetriebs auf die Ausübenden?». Dabei ging Trummer gleichermassen auf die Bereiche Jazz, Pop und Klassik und ihre spezifischen Eigenheiten in der Ausbildung wie in der Berufsausübung ein und stellte grundlegende Unterschiede zwischen den Musikerinnen und Musikern der Jazz- und Pop-Szene und denjenigen im klassischen Bereich heraus.

Hans Läubli, Geschäftsleiter von Suisseculture («Wohin mit all diesen Künstlerinnen und Künstlern? Traum und Realität») erörterte die Situation von Künstlerinnen und Künstlern im Allgemeinen und erläuterte anhand von Erhebungen der Zürcher Hochschule der Künste und des Bundesamtes für Statistik, dass nicht unbedingt die Talentiertesten in diesem Geschäft überleben, sondern eher die Zähesten, und dass viele neben ihrer künstlerischen Tätigkeit noch einem «profanen» Broterwerb nachgehen und überhaupt bereit sein müssen, Entbehrungen hinzunehmen, um in ihrem musikalischen Beruf zu bestehen.

Verwandte Berufe als Chance für QuereinsteigerInnen?

Der Frage, ob es für Musikerinnen und Musiker und Instrumentallehrpersonen Sinn macht, in den Musiklehrberuf an Schulen quereinzusteigen, widmete sich Carl Parma, Präsident des Bundesverbandes Musikunterricht Landesverband Berlin («Von Quer- und Seiteneinsteigern – zur Misere der Musiklehrkräfteversorgung in der Schule»). Dabei wägte Parma sorgfältig die Chancen und Grenzen dieses Unterfangens ab, wobei dem Anliegen der Sicherung eines Musikunterrichts an Schulen durch Fachkräfte die Sorge gegenüberstand, dass Instrumentallehrpersonen zu einseitig im Klassenunterricht «verbraucht» würden.

Wilhelm Mixa, Mitglied des Präsidiums des DTKV und Mitglied des Präsidiums des Deutschen Musikrates (DMR) sprach über weitere, noch zu erschliessende musikalische Berufsfelder, allen voran jenes des Hörakustikers.

Stefan Baier, Rektor der Hochschule für katholische Kirchenmusik und Musikpädagogik Regensburg, beleuchtete schliesslich die Situation im Bereich der Kirchenmusik («Kirchenmusiker als Teil des kulturellen Lebens in Deutschland»), worauf im Plenum auch für dieses Berufsfeld Perspektiven für Quereinsteigende diskutiert wurden.

Ein facettenreiches, komplexes Berufsbild

Die Tagung zeigte in eindrücklicher Weise auf, welche Flexibilität der Musiker- und musikpädagogische Beruf in Bezug auf Beschäftigungssituation, Veränderungen in der beruflichen Tätigkeit im Laufe der Zeit und Vielfalt der Anforderungen der jeweiligen Tätigkeiten verlangt. Ein hohes Mass an Idealismus und die Bereitschaft zum Verzicht sind Voraussetzungen, um in diesem Berufsfeld erfolgreich zu sein.