«Elvirissima 2021» im Zeichen der Auswirkungen von Corona

«Elvirissima 2021» im Zeichen der Auswirkungen von Corona

26.05.2021

Nachdem der Gesangswettbewerb der Elvira-Lüthi-Wegmann-Stiftung im letzten Jahr wegen der Corona-Pandemie online durchgeführt wurde, wird der diesjährige Wettbewerb am 24. Mai im Luzerner MaiHof wieder in Präsenz stattfinden. Bei aller Freude über die langsame Öffnung zeichnen sich auch hier tiefgreifende Folgen der Pandemie für das Musikleben ab.

Interview: Lucas Bennett — Im Gespräch äussert sich Stiftungsratspräsidentin Marianne Wälchli zu ihren Eindrücken aus der Auswahlrunde und kommentiert aktuelle Tendenzen bei der Repertoirewahl. Marianne Wälchli ist Sängerin, Gesangspädagogin, Präsidentin der Sektion Bern des SMPV und Mitglied des Zentralvorstandes des SMPV. Seit 2019 ist sie Präsidentin des Stiftungsrates der Elvira-Lüthi-Wegmann-Stiftung.

Marianne Wälchli, vor einem Jahr fand «Elvirissima» coronabedingt online statt. Dieses Jahr kann der Wettbewerb wieder in Präsenz durchgeführt werden, doch kommen wir gerade erst langsam aus einem einjährigen Stillstand heraus. Wie schlägt sich dies bei den Anmel-dungen nieder, stellt ihr grosse Unterschiede im Vergleich zu den letzten Jahren fest?

Es gibt erhebliche Unterschiede. Wir hatten diesmal 40 Anmeldungen, also fast doppelt so viele wie in den anderen Jahren. Bis auf wenige Ausnahmen kamen alle aus der Deutschschweiz, während es in den anderen Jahren auch etliche Anmeldungen aus der Romandie gab. Eine weitere Besonderheit: Normalerweise sind mehr als die Hälfte der Kandidierenden Ausländerinnen und Ausländer. Diesmal liegt deren Anteil unter zehn Prozent, wobei alle schon länger in der Schweiz leben. Das ist klar eine Auswirkung der Corona-Situation. Es haben sich zudem erstaunlich viele fertig ausgebildete Sängerinnen und Sänger angemeldet, die auch selbst schon SMPV-Mitglieder sind. Das war sonst eher selten. Das zeigt mir, dass sprichwörtlich nach jedem Strohhalm gegriffen, jede Gelegenheit, sich präsentieren zu können, wahrgenommen wird. Diese Beobachtungen weisen auf langfristige Folgen der Pandemie hin, mit denen wir uns auseinandersetzen sollten.

Welches ist aus deiner Sicht das drängendste Problem?

Wenn das kulturelle Leben nun langsam wieder geöffnet wird, werden gleichzeitig drei Abschlussjahrgänge von Musikerinnen und Musikern auf den Markt drängen. Es ist unvermeidlich, dass sich dabei für viele prekäre Situationen einstellen werden. Die verfügbare Arbeit wird ja nicht mehr, es ist vielmehr so, dass selbst erfahrene und bestens etablierte Kolleginnen und Kollegen mittlerweile Engagements annehmen, die man früher an Studierende vermittelt hätte.

Bilden wir deiner Ansicht nach denn zu viele Musikerinnen und Musiker aus?

Das ist natürlich ein heikler Punkt. Ich frage mich schon, ob nicht zu oft falsche Erwartungen geweckt werden. Dazu ein Beispiel aus dem Wettbewerb: Wir erhalten in der Jury ja viele Empfehlungen. Mitunter kommt es vor, dass eine Lehrperson sehr viele Sängerinnen und Sänger empfiehlt und sich überzeugt zeigt, dass sie alle «eine bedeutende» Karriere machen werden. Das aber gibt der Markt schlicht nicht her. Ich finde es schon problematisch, wenn so vielen der Eindruck vermittelt wird, sie würden einst Karriere machen und es dann später keine Arbeit für sie gibt.

Bei Wettbewerben ist ein zentrales und oft diskutiertes Thema die Repertoirewahl. Lässt sich in diesem Jahr eine Tendenz feststellen?

Was sofort auffällt, ist, dass die grossen «Schlager» des Repertoires fast gänzlich fehlen. Die angemeldeten Sängerinnen sind grossmehrheitlich Soprane, doch gab es unter den Schweizerinnen keine Pamina, nur eine kleine und keine grosse Gräfin. Es gibt kaum Arien aus Mozarts Da Ponte-Opern (eine Mozart-Arie ist Pflicht), nichts von Puccini ausser einem einzigen «Quando m’en vo» und ganz wenig Verdi. Nun könnte man sagen, es hat halt keine hochdramatischen Stimmen dabei. Ich habe aber das Gefühl, dass generell Hemmungen bestehen, sich den grossen Werken zu stellen. Man möchte sich originell zeigen, indem man weniger fordernde und zum Teil auch etwas abseitige Musik wählt. Das sind dann aber oft Stücke, die sich für einen Wettbewerb nicht wirklich eignen. Bei einem Wettbewerb zählen nun einmal Ausdruck und Wirkung, man sollte das Programm doch eigentlich so wählen, dass man mit jedem Stück gewinnen könnte. Insofern frage ich mich auch, wie die Beratung diesbezüglich ausschaut.

Darin spiegelt sich womöglich auch eine wachsende Skepsis gegenüber einem klassischen Repertoire-Kanon…

Das mag eine Rolle spielen, man muss sich aber vor Augen halten, was bei einer solchen Verschiebung verloren geht: Als Dozentin habe ich erfahren, wie viel das Studium des grossen Repertoires schon in der Ausbildung bringt. Natürlich gibt man einem Anfänger keinen Puccini, geschweige denn einen Wagner. Ein «Ave Maria» aus Verdis Otello etwa ist aber früher machbar, als man vielleicht denkt und hat dabei schon diese spezifische, feine Verdi-Struktur, die man von Anfang an suchen muss. Dadurch arbeitet man intensiv am Klang und an stilistischen Feinheiten, was eine wesentliche Voraussetzung für alles Weitere ist. Rollen wie Pamina oder Susanna kann man nicht einfach so dahersingen, darum bringt ihr Studium auch so viel. Ähnliches gilt für das grosse Kunstlied. Es hat seine Gründe, warum dieses Repertoire so wichtig ist: grosse Musik trägt und beflügelt. Es scheint heute verbreitet eine Erwartungshaltung zu geben, dass man auch weiterkommen kann, ohne sich dem grossen Repertoire zu stellen. Dann fehlt aber etwas ganz Wesentliches. Denn es kann ja nicht darum gehen, etwas rein technisch zu absolvieren, sondern die Technik ist nur das Mittel für den Transport des musikalischen Ausdrucks. Wesentlich ist die Verbindung: So kann eine Sängerin oder ein Sänger mit einer durchschnittlichen Stimme aber mit überdurchschnittlicher Musikalität seine Stimme überdurchschnittlich klingen lassen.

20 Kandidatinnen und Kandidaten präsentieren sich am 24. Mai vor der Jury. Folgende Preise sind zu gewinnen:

1. Preis CHF 9600.–

2. Preis CHF 4800.–

3. Preis CHF 2000.–

4. Preis CHF 1000.–

Der Wettbewerb findet in Präsenz statt. Aufgrund der Corona-Situatiuon ist allerdings kein Publikum zugelassen. Eine Videoaufzeichnung des Wettbewerbs wird im Internet zugänglich gemacht.

Weitere Informationen unter:

> www.elvirissima.ch

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