Standards für 
den schulischen Musikunterricht


Standards für 
den schulischen Musikunterricht


Jürg Huber , 24.06.2015

Mit dem Lehrplan 21 werden erstmals die Bildungsziele für die Volksschule in der 
gesamten Deutschschweiz 
vereinheitlicht. Zugleich wird der Schritt von der Inhalts- zur Kompetenzorientierung vollzogen. Was bedeutet das für den schulischen 
Musikunterricht?


Ohne Standards wäre der Alltag undenkbar. Um die deutsche Industrienorm sind wir froh, wenn wir den Drucker füttern, ohne jedes Mal das Papier selbst auf das passende A4-Format zuschneiden zu müssen. Andererseits hat exzessive Standardisierung eine schlechte Presse, wenn es um Lebendiges geht. Berühmt geworden ist etwa die Regelung der Gurkenkrümmung, die zum Sinnbild für die EU-Bürokratie wurde. Ist aber, was unser tägliches Leben ungemein erleichtert und manchmal belustigt, auch angemessen für den Musikunterricht?


Orientierung im Nebel der
Begriffe


Standards waren schon immer Teil des Bildungssystems, bezogen sich bisher aber auf Inhalte und Rahmenbedingungen. Stundentafeln gaben an, wie viel Zeit einem Fach zur Verfügung steht, kantonale Lehrpläne legten fest, was zu lernen sei. Dem internationalen Trend folgend kommen nun Leistungsstandards hinzu. Sie geben Normen vor, welche Fachkompetenzen zu bestimmten Zeitpunkten der schulischen Laufbahn von allen erreicht werden sollen. Mit dieser Verschiebung des Fokus vom Input zum Output verknüpft ist die Orientierung an Kompetenzen. Idealerweise sind diese von einem Kompetenzmodell abgeleitet, das die allgemeinen Bildungsziele eines Faches widerspiegelt und das den kontinuierlichen Aufbau von Kompetenzen in den verschiedenen Teilbereichen des Faches beschreibt. Da eine empirische Überprüfung solcher Modelle nur mittels Tests und entsprechend grossem finanziellen und logistischen Aufwand durchzuführen ist, beschränken sich diese in der Schweiz auf die sogenannten Kernfächer Erstsprache, Zweitsprache, Mathematik und Naturwissenschaften.


Kompetenzdiskussion in der Musikpädagogik


Bildungsstandards sollen an die allgemeinen Bildungsziele eines Faches angeschlossen sein. Ob übergeordnete Ziele des Lehrplans 21 wie eine «auf die Förderung von Kreativität, performativen Fertigkeiten und ästhetischem Sinn» ausgerichtete musikalische Grundbildung zu standardisieren seien, ist umstritten. Während die einen darin das Heilmittel sehen, einen verbindlichen Unterricht zu etablieren, bemängeln andere, dass sie den Kern einer ästhetischen Bildung verfehlten. Nicht zu ignorieren ist die Gefahr einer Beschränkung auf einfach messbare Kompetenzen wie die Beherrschung der Notenschrift. Dass dies nicht sein muss, zeigen die klugen Aufgabenstellungen, wie sie etwa an der Uni Bremen entwickelt wurden, um das Kompetenzmodell im Bereich «Wahrnehmen und Kontextualisieren von Musik» zu überprüfen. Von grosser Bedeutung für die praxisorientierte Ausrichtung des Musikunterrichts in der Deutschschweiz könnte zudem eine kürzlich fertiggestellte Dissertation zur «Messbarkeit musikpraktischer Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern» sein, deren Ergebnisse hoffentlich bald in die laufende Diskussion einfliessen mögen.


Musik im Lehrplan 21


Davon konnten die Autorinnen und Autoren des Musik-Teils des Lehrplans 21 noch nicht profitieren. So orientiert sich der Musiklehrplan an der Deutschschweizer Tradition des Faches und widerspiegelt auch die Interessen der verschiedenen Anspruchsgruppen. Gleichwohl hat er den Anspruch, den Fachbereich in sechs Kompetenzbereichen umfassend abzubilden. Im Bereich «Praxis des musikalischen Wissens» beispielsweise ist auf der Sekundarstufe der Grundanspruch oder Minimalstandard für das Thema Notation «Schülerinnen und Schüler können eine Einzelstimmen in mehrstimmigen Notenbildern hörend verfolgen (z. B. in einer Partitur)», während sie für die folgende Kompetenzstufe «musikalische Ideen mittels Notenschrift kommunizieren» können sollen. Der Lehrplan reagiert aber auch auf die rasante Entwicklung der elektronischen Medien, wenn er im Bereich «Musizieren» für die Mittelstufe fordert: «Schülerinnen und Schüler können mit elektronischen Medien (z. B. Smartphone, Keyboard) musikalisch experimentieren.»


Chancen für den 
Musikunterricht 


In der Vernehmlassung wurde dem Lehrplan Überladenheit vorgeworfen. Tatsächlich scheint die Fülle musikalischer Teilkompetenzen hoch gegriffen, zumal das Erreichen mangels validierter Kompetenzmodelle und entsprechender Tests nicht überprüft werden kann. Dennoch ist der Lehrplan 21 ein wichtiges Dokument für den Musikunterricht, sichert es doch seine Position im Fächerkanon. Weiter hat die Kompetenzorientierung das Potenzial zur didaktischen Erneuerung. Trotz aller (auch berechtigten) Kritik kann dieser Ansatz das Bewusstsein für den Kern des Faches einerseits und für Lehr-Lern-Prozesse andererseits schärfen und dadurch zu einem bewussteren Musikunterricht führen. Dabei sollte nicht vergessen gehen, dass der schulische Musikunterricht stark von ausserschulisch erworbenen Kompetenzen der Lernenden lebt, seien diese von Musikschulen vermittelt oder mithilfe des Internets angeeignet worden. Und schliesslich gilt es auf nicht standardisierbare ästhetische Erlebnisse zu vertrauen, die sich individuell und unmittelbar ereignen und einem jungen Menschen, vielleicht ganz unbemerkt von der Lehrperson, eine Ahnung von der reichen Welt der Musik geben können – und Lust auf eine lebenslange Beschäftigung damit machen.

VSSM


Armon Caviezel, Präsident


Sekretariat VSSM, A.M. Schaller,
Panorama 3, 1715 Alterswil