Wie viele  Musikschaffende braucht das Land?

Wie viele Musikschaffende braucht das Land?

01.11.2018

Diese provokative Frage stellt der Deutsche Tonkünstler­verband für die DACH-Tagung. Die These: Man bildet zu viele Musiker*innen für die Bühnen aus und zu wenige für den Unterricht. Wir haben für die Schweiz weiterreichende Zusammenhänge gefunden.

Christoph Trummer — Die Hochschulen können nur einen Drittel der Bewerbungen annehmen. Orchester werden weggespart. In der freien Szene aller Stilrichtungen gibt es zwar viele Bühnen, aber noch viel mehr Ensembles, die dort spielen möchten. Das gilt auch im Popbereich, obwohl es dort nach wie vor nur wenige Ausbildungsplätze gibt. Der übersättigte Markt ist also sicher nicht allein auf den Output der Hochschulen im Performance-Bereich zurückzuführen. In den Musikschulen ist die Situation nicht so eindeutig. Während es bei den populären Instrumenten und im Gesang immer viel Nachfrage und auf die offenen Stellen sehr viele Bewerbungen gibt, zeichnet sich in anderen Bereichen offenbar gar ein Fachkräftemangel ab. Die These, dass man besser mehr pädagogisches Personal ausbilden würde als künstlerisches, lässt sich für die Schweiz also nicht pauschal widerlegen oder bestätigen.

Professionalisierung auf der Bühne

Nach dem Diplom wartet gerade in der freien Szene eine harte Realität: Es bringt keine Auftritte, es wirkt sich auch nicht auf die Gage aus. Autodidakt*innen wie Diplomierte müssen sich durch künstlerische Relevanz und viel Selbst-Marketing eine Position erarbeiten. Braucht es die Performance-Lehrgänge überhaupt, wenn nur einem kleinen Teil der Diplomierten Karrieren gelingen? Gegen eine Reduktion der Studienplätze spricht die grosse Nachfrage. Eine lebendige und qualitativ hochstehende Szene nährt zudem herausragende Talente, die internationale Karrieren machen können: Breite schafft Spitze. Dass im Musikmarkt wie in jedem Markt nicht alle zur Spitze gehören können, hat allerdings nichts mit der Anzahl Diplome zu tun.

Die Antwort auf die titelgebende Frage kristallisiert sich also unter anderem an einer grundsätzlichen Haltung: Sollen die Hochschulen primär Personal für den bestehenden Markt liefern? Oder gewichtet man mehr das persönliche Entwicklungspotential und dessen Beitrag zur Gesellschaft bei einem Studium aus intrinsischer Motivation?

Protektionismus als Lösungsansatz?

Manche sagen, Studien- und Arbeitsplätze sollten angesichts des gesättigten Marktes in erster Linie einheimischen Musiker*innen zur Verfügung stehen. Man müsste dabei berücksichtigen, dass auch viele Schweizer*innen zumindest für einige Semester im Ausland studieren. Aber auch regionale Musikschulen wünschen sich, dass die musikpädagogischen Lehrgänge ihre ganz praktischen Alltags-Bedürfnisse stärker berücksichtigen: Sprachbarrieren erschweren den Musikunterricht, gerade gegenüber jüngeren Kindern. Die Hochschulen könnten sich auch interne Richtlinien geben, bei offenen Stellen qualifizierte einheimische Dozent*innen vorzuziehen. Allerdings sind international bekannte Dozent*innen gewichtige Argumente im Profil der Hochschulen. Klar ist auch: Austausch von Studierenden und Dozierenden mit dem Ausland hilft bei der internationalen Vernetzung der Schweizer Musikszene.

Oder selbstbewusste Öffnung?

Auch auf der Bühne könnten Quoten für einheimische Bands gesetzt werden. Ein vermutlich sinnvollerer Lösungsansatz aus der Perspektive eines kleinen Landes ist Marktvergrösserung. In der teuren Schweiz zu leben und im Ausland sein Geld zu verdienen macht aber aus wirtschaftlicher Sicht kaum Sinn. Ohne Förderung sind internationale Tourneen nur in Einzelfällen profitabel durchführbar. Da gibt es Entwicklungspotential: Das Budget für den Musikexport ist in der Schweiz vergleichsweise klein. Politik und Wirtschaft begreifen Kultur und Musik nicht als Exportmärkte. Skandinavische Länder, England oder Frankreich sind da wesentlich weiter und können Erfolge vorzeigen.

Auswirkungen der höheren Strukturkosten

Auch die Professionalisierung der Strukturen wirkt sich auf Gagen aus. Freiwilligenarbeit nimmt in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens tendenziell ab, das spürt auch die Kulturszene. Durch die hohe Veranstaltungsdichte, die abnehmende Kulturberichterstattung und die wachsende Bedeutung der sozialen Medien ist der Vermarktungs-Aufwand für Veranstalter massiv gestiegen. Fördergelder an Veranstalter werden stärker als früher intern gebraucht, es bleibt weniger Geld für Gagen übrig. Die Digitalisierung des Musikmarkts hat zudem mit sich gebracht, dass Konzertgagen einen höheren Stellenwert haben im Einnahmen-Budget der Künstler*innen. Erfolgreiche Bands sind teurer geworden, das macht es schwieriger für Veranstalter, Reserven für weniger rentable Konzerte zu bilden.

All diese Herausforderungen lassen sich nicht mit weniger Ausbildungsplätzen lösen. Es ist aber nötig, die jungen Musikschaffenden gut vorzubereiten auf das, was sie im freien Markt erwartet: Wie funktionieren die Förderstrukturen? Was sind die besten Werkzeuge zur Selbstvermarktung? Welche realistischen Berufsbilder gibt es, mit denen sich ein Lebensunterhalt bestreiten lässt? Da sind die Hochschulen in der Verantwortung, und diese Fragen prägen auch die Angebote unseres Verbandes SONART.