Kultur – «Nice to have»?

Kultur – «Nice to have»?

27.05.2020

Den Kultursektor hat es in der aktuellen Krise hart getroffen, das kulturelle Leben in der Schweiz steht mehr oder weniger still. Doch was würde es bedeuten, wenn ein Grossteil des Kultur-schaffens verschwinden würde?

Nina Rindlisbacher /Stefano Kunz — Der Kultursektor tut sich zuwei-len schwer damit, auch mit wirtschaftlichen Argumenten für seine Sache einzustehen. Diese Beden-ken sind nicht unbegründet, wird man der Funktion der Kultur und des Kulturschaffens in einer Gesellschaft doch niemals gerecht, wenn man sie auf blosses Erwirtschaften von Geld reduziert. Plakativ gesagt: Wenn man reich werden will, dann ist eine Tätigkeit im Kultursektor wohl nicht die erste Wahl. Den-noch gilt es, im politischen Diskurs auch ökonomische Argumente ins Feld zu führen und darauf hinzuweisen, dass viele Arbeitsplätze direkt oder indirekt vom Kultursektor abhängen und dass doch eine be-achtliche Wertschöpfung generiert wird. Dabei muss aber auch betont werden, dass Kultur sowohl Werte ideeller, als auch materieller Natur schafft.

Die wirtschaftliche Bedeutung des Kultursektors

Gemäss Kulturstatistik des Bundes waren in der Kultur- und Kreativwirtschaft der Schweiz im Jahr 2013 mehr als 275 000 Personen in rund 71 000 Betrieben beschäftigt. Dies entspricht 10,9 Prozent aller Betriebe und 5,5 Prozent aller Beschäftigten der Schweiz. Dieser Wirtschaftszweig hat 2013 eine Bruttowertschöpfung von rund 22 Milliarden Franken und einen Gesamtumsatz von knapp 69 Milliarden Franken erwirtschaftet. Dabei besteht die Kultur- und Kreativwirtschaft zu einem bedeutenden Teil aus mittleren, kleinen und Kleinstunternehmen sowie aus selbständig Erwerbenden. Gleichzeitig wird das grosse Beschäftigungspotential der Kultur- und Kreativwirtschaft deutlich: Der Anteil Beschäftigter (Vollzeitäquivalent) an der Gesamtwirtschaft von 5,0 Prozent ist vergleichbar mit dem Anteil der Finanz- oder der Tourismusbranche. Das ist doch erstaunlich.

Dabei erfasst die Kulturstatistik in erster Linie nur die sog. über-wiegend erwerbswirtschaftlich orientierten Unternehmen. Gleichzeitig – und richtigerweise – wird aber an gleicher Stelle auch explizit darauf hingewiesen, dass die Trennung zwischen profitorientiert und gemeinnützig sowie zwischen öffentlich subventioniert und pri-vat finanziert nicht immer so eindeutig ist. Auch subventionierte Institutionen wie bspw. Stadttheater oder Museen generieren Wertschöpfung. Der Kultursektor schafft insbesondere auch regional Wertschöpfung.

Die gesamtgesellschaftliche Bedeutung des Kultursektors

Die Kulturstatistik des Bundes er-hellt aber auch noch einen anderen wichtigen Aspekt: Mehr als ¼ der Schweizer Bevölkerung engagiert sich in der einen oder anderen Weise in einem Kulturverein. Das vielfältige Kulturleben in der Schweiz ist nur möglich, weil unzählige Menschen ehrenamtlich tätig sind, etwa in Vereinen, aber auch an Festivals, in Kulturorten etc. Kultur wird insbesondere auch gemeinsam geschaffen und gepflegt. Kulturorte sind Begegnungsorte und verbinden die Menschen. Sie schaffen Identität in der Vielfalt.

Deshalb: Der Kultursektor muss in seiner Vielfalt erhalten bleiben!

Werden die über Jahrzehnte gewachsenen Strukturen nun zerstört, dann wird das sowohl gesamtgesellschaftlich als auch ökonomisch verheerende Auswirkungen haben. Der Kultursektor darf deshalb durchaus selbstbewusst darauf hinweisen, was er für die Gesellschaft leistet, und zwar auf ideeller, als auch auf materieller Ebene. Und dass er nicht einfach «nice to have» ist.

Quelle: BAK-Taschenstatistik Kultur in der Schweiz 2019