Probespiel unter Corona-Bedingungen

Probespiel unter Corona-Bedingungen

31.03.2021

Für viele Berufsorchester mag sich das Problem zurzeit gar nicht stellen. Aber das Schweizer Jugend-Sinfonie-Orchester (SJSO) sah sich mit der Frage konfrontiert, wie ein Orchesterprobespiel unter Corona-Bedingungen zu realisieren ist.

Felix Michel — Auch wenn das Kulturleben gerade im Dornröschenschlaf liegen mag, braucht das SJSO Nachwuchs. Denn einerseits sind die jungen Musiker*innen fest entschlossen, Konzerte zu spielen, wann und wo und wie immer es möglich ist – das haben sie im letzten Jahr u.a. mit einer kurzen Herbsttournee in reduzierter, aber zur Sicherheit doppelt geführten Besetzung bewiesen. Und andererseits lässt sich die Zeit durch keinen Lockdown aufhalten, sprich: die Orchestermitglieder werden auch so älter. Mit fünfundzwanzig jedoch ist beim SJSO gemäss Statuten Schluss.

Also hiess es vom 19. bis 21. Februar: Probespiel für Bratschen und Kontrabässe, Oboen, Fagotte und Hörner; auch Konzertmeister und Bratschenstimmführung waren gesucht. Die Planung erwies sich allerdings als knifflig: Wenn weder Schul- noch Kirchgemeindehäuser – geschweige denn Konzertsäle – offen sind, wo findet sich dann ein genügend grosser (Aerosole…) Raum mit Flügel (Korrepetition…), der verkehrstechnisch gut erschlossen (Bewerbungen aus der ganzen Schweiz…) ist und mehrere Einspielräume (Separierung der Kandidat*innen…) bietet? Der «Kulturpark» im Zürcher Industriequartier machte es – unter Einhaltung aller BAG-Auflagen – möglich.

Die Linse als Jurymitglied

Dann war da noch die Fünfer-Regel. Wegen ihr konnte der grösste Teil der Jury nicht live dabei sein. Immerhin ersparte dies dem in seiner Wahlheimat Polen lebenden Chefdirigenten Kai Bumann Quarantäne und Testerei.

Am Ende sahen sich die Kandidat*innen nur der Musikkommissions-Präsidentin und einer Vertretung ihres jeweiligen Registers gegenüber – und einer stummen Kameralinse. Mit der Korrepetitorin Monika Nagy und dem Filmer Michi Steiner waren’s damit schon fünf im Raum! Die restliche Jury sah sich das Videomaterial, zu dem auch kurze Interviews mit den Stimmführungs-Bewerber*innen gehörten, in der Folgewoche an. Für die Finalrunde zwei Wochen später ersetzten zwei Tutti-Streicher*innen den Filmer und die Korrepetitorin, um wenigstens annäherungsweise eine Registerprobe zu simulieren.

Probespiel-Spass (?!)

Die ganze Situation war bestimmt alles andere als angenehm. Aber unangenehm sind ja Probespiele auch in normalen Zeiten. Dies bereits einmal erlebt zu haben, hilft für die spätere Berufskarriere, wie SJSO-Ehemalige im Rückblick oft bestätigen.

«Fast wie ein Auftritt» sei das Probespiel gewesen, sagte eine Kandidatin. Und obwohl das Publikum auch hier gefehlt habe, sei das beinahe ein gutes Gefühl gewesen: «Immerhin wieder mal auf einer Bühne stehen!»

Ein Probespiel als schöne Erfahrung? Wenn das kein Zeichen dafür ist, dass die Welt wirklich etwas Kopf steht im Moment…

> www.sjso.ch