Unersetzbar, ohne im Rampenlicht zu stehen

Unersetzbar, ohne im Rampenlicht zu stehen

01.09.2021

Die 1991 geborene und im Aargauer Surbtal aufgewachsene Bratschistin Martina Kalt kehrt im Herbst als Solistin zum Schweizer Jugend-Sinfonie-Orchester (SJSO) zurück, in dem sie als Jugendliche einst spielte. Im Gespräch blickt sie zurück – und voraus.

Felix Michel — Wir treffen uns an einem heissen Augustnachmittag auf dem Campus der Universität Zürich-Irchel, wo Martina Kalt derzeit arbeitet. Denn parallel zu ihrem Bratschenstudium in Lübeck, Oslo und Basel hat sie hier Chemie studiert.

Martina Kalt, das Thema dieser SMZ-Ausgabe lautet «Nebenfiguren». Bratschen werden oft auch als solche gesehen …

… oder gehört, ja.

Manchmal habe ich das Gefühl, diese Rolle komme ihrer charakterlichen Disposition sogar entgegen…

Absolut! Den Raum zu füllen, unersetzbar sein, ohne im Rampenlicht zu stehen, das mag ich. «Nebenfigur» ist wohl doch nicht der richtige Begriff dafür.

Und wie ist das denn, wenn du als Bratschistin solistisch auftrittst?

Das habe ich offen gestanden fast nie gemacht. Einerseits gibt es gar nicht so viele Werke, anderseits habe ich während des Masterstudiums, wo es sich vielleicht solistisch zu etablie-ren gälte, bereits mit Chemie ange-fangen.

Eine Ausnahme war mein Pädagogik-Masterprojekt, ein komplettes Soloprogramm um das Thema Passacaglia/Chaconne mit Werken von Bach bis Ligeti. Da habe ich bewusst die – auch physische! – Herausforderung gesucht, ganz alleine diese schwierigen Werke zu spielen.

Nun spielst du im Herbst Mozarts Sinfonia concertante mit dem Geiger Jonas Erni und dem SJSO. Wie ist da die Figurenkonstellation?

Von der Auslegung her ist es sehr gleichberechtigt. Beide Instrumente spielen z.B. im 1. Satz dasselbe Ma-terial, wobei die Reihenfolge in der Reprise umgekehrt ist.

Dadurch bringt Mozart auch einen performativen Twist hinein. Ich habe schon erlebt, dass die vermeintliche «Nebenfigur» der Geige die Show stiehlt.

Hm. Klar, wenn man immer noch das Bild von der grundsätzlich langsamen Bratsche hat und sie dann gleich schnell wie die Geige spielen kann, so raubt dieser Effekt automatisch ein wenig die Show. Interessanter ist diesbezüglich vielleicht der 2. Satz, wo ich das Thema stets schöner finde, wenn es dann auf der Bratsche erklingt. Ihre Lage, ihr Timbre passen da einfach besser. Im 3. Satz ist wieder die Geige im Vorteil. Diesen spritzig und kristallklar zu spielen, ist auf der Geige bestimmt leichter als für uns.

Ihre Lieblingstätigkeit als Bratschistin aber sei das Orchesterspiel, sagt Kalt. Dass sie gerne eine Orchesterstelle gefunden hätte, es aber mit den Probespielen nie geklappt hat, gibt sie unumwunden zu. Gleichzeitig bezweifelt sie, ein Berufsleben lang im Orchester glücklich zu werden, ohne Aussicht auf Veränderung.

Was fasziniert dich denn am Orchesterspiel so?

Ein kollektiver Klangkörper zu sein, eine gemeinsame «Wolke» zu erzeugen, dieses Gefühl finde ich unglaublich. Und es gibt einfach auch geniale Orchesterwerke!

Dieses Gefühl war in den letzten anderthalb Jahren vermutlich selten zu erleben…

Es fehlten mir vor allem die grossen Werke wie Bruckner- oder Mahlersinfonien. Und dann die Abstandsregeln: Ein Publikum, das löchrig wie Käse vor einem sitzt, bleibt viel verhaltener. Für uns Streicher fehlen an Einzelpulten all die kleinen Dinge: Sich zu amüsieren, wenn der Partner die Seiten falsch wendet, einander nach einer schwierigen Stelle zuzuzwinkern. Das gehört alles für mich absolut dazu.

Sinfonisches Repertoire, die soziale Komponente – das macht auch das SJSO aus…

Ja, durch beide Aspekte hat mich das SJSO als Jugendliche wahnsinnig geprägt und auch den Ausschlag gegeben, es mit dem Musikstudium zu versuchen.

Hat sich der Mut gelohnt?

Ich bin unglaublich dankbar für die fünf Jahre, wo ich nur Musik studiert habe. Gerade das breite, fächerübergreifende Studium in Lübeck war nicht nur Anhäufung von Wissen, sondern Bildung von mir als Menschen. Das möchte ich nicht missen, und es half mir auch an der Uni, indem es mich z.B. gelassener an Prüfungen gemacht hat.

Jetzt beginnst du ein Doktorat in Umweltchemie. Hättest du vor zwei Jahren diese Stelle auch angenommen?

Corona hat die Entscheidung auf jeden Fall einfacher gemacht. Ich habe keine Ahnung, wohin das Freelance-Musikertum sich entwickelt, wenn dann irgendwann halbwegs Normalität einkehrt. Gleichzeitig hat sich Neues ergeben, z.B. mache ich Regieassistenz bei Live-Übertra-gungen.

Man muss sich vielleicht von Altem lösen und Neues zulassen, so unsicher es ist.

 

SJSO-Herbsttournee 2021

Mozart: Sinfonia concertante
Schostakowitsch: 10. Sinfonie

Jonas Erni (Geige)
Martina Kalt (Bratsche)
Dominic Limburg (Gastdirigent)

22.10. Zürich, Tonhalle
23.10. Schaffhausen, St. Johann
29.10. Frauenfeld, Casino
30.10. Bern, Casino
31.10. Genève, Victoria Hall
3. & 4.11. Basel, Stadtcasino

Vorverkauf & Infos: > sjso.ch