Erinnerungsmaschine SJSO

Erinnerungsmaschine SJSO

30.03.2022

Seit über fünfzig Jahren wiederholt sich die Geschichte: Knapp hundert begabte Menschen Anfang Zwanzig treffen sich im Schweizer Jugend-Sinfonie-Orchester SJSO zu hochintensiven Proben und Konzerten. Kein Wunder, dass jedes Mal unzählige Erinnerungen geprägt werden.

Felix Michel — Erstmals eine Mahlersinfonie spielen, die Liebe fürs Leben (oder auch nicht) finden: Für viele fand und findet beides gleichzeig im SJSO statt. Dass starke, positive Emotionen besonders langanhaltende und detailreiche Erinnerungen zurücklassen, diese kognitionspsychologische Erkenntnis ist längst Allgemeinwissen geworden.

Lebendige Erinnerungen

Wenn SJSO-Ehemalige ihre Erinnerungen wachhalten, hat es nicht nur mit neurochemischen Prozessen zu tun, sondern in vielen Fällen schlicht damit, dass die im SJSO gefundene Liebe noch immer – in glücklichen Fällen seit einem halben Jahrhundert! – am Küchentisch gegenübersitzt.

Ebenso wertvoll sind die musikalischen Erinnerungen. Florian Walser, heute Klarinettist im Tonhalle-Orchester Zürich, erzählt, wie er und sein SJSO-Kollege Claudio Puntin einst Dvořáks Cellokonzert erarbeiteten. Referenzpunkt war eine Einspielung mit den Berlinern und Yo-Yo Ma, und im jugendlichen Übermut hätten sie die Klarinettisten der Berliner «weit überflügeln» wollen. «Ich weiss nicht, ob ich je wieder einen Orchesterpart mit so viel Engagement vorbereiten und spielen werde», sagt Walser. Und er berichtet von einem Erinnerungs-Erlebnis, ja einem «Wunder» fünfzehn Jahre später: Als er nämlich auf Tonhalle-Tourneen tatsächlich Yo-Yo Ma im Dvořák-Konzert begleiten konnte, und das Musizieren plötzlich wieder so aufgeladen war wie in der SJSO-Zeit.

Von «musikalischer Stimmungskongruenz» könnte man da in Anlehnung an die Erinnerungsforschung sprechen, der zufolge uns Erlebnisse lebhafter einfallen, sobald sich unsere Situation mit der damaligen deckt. Ähnliches kennen auch Hörerinnen und Hörer – Marcel Proust hat die Wirkung einer «phrase musicale» auf das Erinnern feinsinnig beschrieben.

Soziale Identität

Wenn intensive SJSO-Probearbeit das spätere Berufsleben bereichert, überschneiden sich die Mechanismen von Erinnern und Lernen. Die doppelte Funktion des SJSO als «wunderbares Fundament im musikalischen wie menschlichen Bereich» beschreibt Andrea Bischoff, Solo-Oboistin des Luzerner Sinfonieorchesters: «Wir haben zusammen zauberhafte Momente erlebt, und das verbindet uns immer noch.»

Kollektive Erinnerungen sind identitätsstiftend. Solange Klassik nur eine schmale (Alters-)Schicht anspricht, verfestigt sie soziale Grenzen nur. Im Sinne der kulturellen Teilhabe spannt das SJSO darum längerfristig mit dem Kinderliedermacher Andrew Bond zusammen. Einem breiteren, jungen Publikum soll die Begegnung mit bekannten Liedern und neuen Klängen positive Musikerlebnisse ermöglichen – auch so können Erinnerungen bestenfalls ein Leben begleiten und bereichern.

Tschaikowski: Violinkonzert

Bartók: Konzert für Orchester

Rennosuke Fukuda (Vl.), Kai Bumann (Ltg.)

14.4. St. Gallen, Tonhalle

24.4. Bern, Casino

7.5. Zürich, Tonhalle

8.5. Basel, Stadtcasino

15.5. Luzern, KKL

20.5. Rolle, Le Rosey Concert Hall (Solist: D. Lozakovich)

Familienkonzerte mit Andrew Bond für Kinder ab 4 Jahren

30.4. St. Gallen, Tonhalle

1.5. Bern, Casino