Schostakowitsch lebte nicht im Elfenbeinturm

Johannes Knapp, 08.11.2013

In der Juni-Ausgabe war zu lesen, dass wir auf dieser Doppelseite eine CD-Rubrik einführen wollten, um CD-Produktionen vorzustellen, bei denen Mitglieder des SMV mitgewirkt haben. Diese Rubrik wurde dann aber von dringlicheren Dingen verdrängt. Und jetzt, da endlich eine kleine Rezension erscheint, bringen uns zwei Tatsachen in leise Verlegenheit: Wir wissen einerseits nicht, wann die nächste Rezension publiziert werden kann, andererseits werden wir dem Anspruch auf Aktualität, den eine solche Rubrik erhebt, nicht gerecht, da die vorliegende Aufnahme bereits im Mai 2004 eingespielt wurde: Schostakowitschs Vierzehnte Sinfonie, interpretiert von Howard Griffiths und dem Zürcher Kammerorchester. Doch wenigstens werden wir unserem Anspruch gerecht, „ungewöhnliche“ Produktionen vorzustellen, da zu dieser CD eine klug konzipierte Werkeinführung in Form eines über 140 Seiten umfassenden Buches gehört. Mit einem „Hörgang“ gelingt es dem Autor Andreas Wernli, Takt für Takt und sekundengenau durch jenes 75minütige Werk zu führen, von dem Wolfgang Rihm behauptet, es gehöre zum Besten, was im 20. Jahrhundert komponiert worden ist. Ob das nun stimmt oder nicht, wird in dem Band verständlicherweise nicht gefragt, stattdessen geht es darum, auch Musikinteressierten ohne musikalische Vorkenntnisse diese todernste und vielleicht auch hermetisch anmutende Musik nahezubringen. Die Erläuterung klanglicher Ereignisse anstelle tieferer musikalischer Zusammenhänge birgt allerdings die Gefahr einer oberflächlichen Paraphrasierung der Musik, vor der man sich hüten kann, indem man den „Hörgang“ zwar mindestens einmal in Ruhe mit Partitur durcharbeitet, das Buch dann aber getrost aus der Hand legt, um sich allein auf die Musik zu konzentrieren. Denn es macht wirklich Freude, die Aufnahme anzuhören. Die darauf vertretenen 19 Streicher des ZKO erweisen sich als Kammermusiker mit sehr guten solistischen Qualitäten, souverän sind auch die sängerischen Leistungen von Stephanie Friede und Pavel Daniluk. Es herrscht Ausgewogenheit zwischen dem Melodisch-Sanglichen und den Perkussionsklängen (Kastagnetten, Tamburin, Peitsche, Röhrenglocken, Tomtoms, Xylophon, Vibraphon, Celesta). Das ZKO erweist sich nicht zuletzt als ein überaus klangsensibles Orchester. Dieser Band aus der Frequenzen-Reihe des Sachbuchverlags Rüffer&Rub, dem längst weitere Bände über und mit Werken von W.A. Mozart und zeitgenössischer CH-Komponisten gefolgt sind, ist insgesamt sehr zu empfehlen. Lesenswert ist vor allem auch das Gespräch mit Howard Griffiths!

Andreas Wernli: Dmitri Schostakowitsch, Symphonie Nr. 14 op. 135. Rüffer & Rub, Zürich 2004 (Frequenzen, Band 1). 144 S. inkl. CD. Stephanie Friede (Sopran), Pavel Daniluk (Bass), Zürcher Kammerorchester, Howard Griffiths. CHF 48.-

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