Gemeinsam in die Zukunft

Johannes Knapp, 04.12.2013

Sinfonieorchester Biel und Theater Biel Solothurn sind mit Beginn der aktuellen Spielzeit zu Theater Orchester Biel Solothurn (TOBS) fusioniert. Johannes Knapp sprach mit Dieter Kaegi (Intendant und Musiktheaterdirektor) sowie Kaspar Zehnder (Chefdirigent und Konzertdirektor) über die laufende Saison und zukünftige Pläne.


Es ist ein kühler Novemberabend. Im Bieler Stadttheater hat eine neue Fledermaus-Produktion Premiere. Vom gemütlichen Theaterfoyer gelangt man über Treppenaufgänge in den Innenraum des Theaters. Der Übergang von der Welt draussen in die Welt der Oper ist leicht. Die Bühne, durch einen überraschend kleinen Orchestergraben vom Publikum getrennt, ist kein distanzierter Schaukasten. Die Grenze zum Zuschauerraum existiert fast gar nicht, eine Besonderheit des 260 Sitzplätze umfassenden Theaters, die nicht zuletzt auch die aktuelle Inszenierung begünstigt.

Dieter Kaegi selbst hatte hier bereits in den neunziger Jahren Macbeth, Faust und Attila inszeniert, Opern, welche die Dimensionen des Hauses fast sprengten. Wie viele Besucher schwärmt auch er von dem einzigartigen Raum: „Die Kleinheit, dieser erste Eindruck also, hat man das Haus betreten, wurde zur grossen Qualität des Hauses. Sie trägt zur Attraktivität des Theaters Biel bei, und zwar in der Hinsicht, dass man nirgends auf der Welt so nah am Schauspieler, Sänger oder Orchestermusiker dabei ist, wie hier. Es ist ein Markenzeichen von uns geworden, dass die Aktion fast im Zuschauerraum spielt und man nicht durch einen riesigen Orchestergraben von dem getrennt ist, was auf der Bühne geschieht.“

Doch die „Kleinheit“, von welcher der neue Intendant spricht, wird nicht als Korsett verstanden. Ende November nahm sich das Orchester erstmals Wagners Rheingold  an, nicht im Stadttheater, sondern halbszenisch im Konzertsaal des Kongresshauses, einer der Spielorte des Orchesters Biel Solothurn. In den kommenden Spielzeiten soll die ganze Tetralogie erklingen. Das Orchester ist offenbar froh, von nun an auch Wagner im Opernrepertoire zu haben. Doch es gab (wie immer und überall) auch kritische Stimmen, etwa solche, die fragten, ob man nun grössenwahnsinnig geworden ist. Dieter Kaegi weist jegliche Bedenken gewissenhaft zurück: „Wenn wir ein Berufsorchester mit allen Rechten und Lohnforderungen sind, die ich absolut mittrage, dann bedeutet das auch, dass wir solche grossen Projekte in Angriff nehmen sollten. Es hat natürlich auch viel mit Selbstvertrauen zu tun.“ Das gewisse Understatement, das sich in den vergangenen Jahren eingestellt hat, würde nicht von heute auf morgen einem neuen Selbstbewusstsein weichen, jedoch traue die künstlerische Leitung dem Orchester viel zu. Kaegi spricht mehrmals vom „künstlerischen Anspruch an uns selbst“. Dass er damit keinesfalls eine leere Floskel bedient, verdeutlicht der Blick in das vielfältige Jahresprogramm.

So bildet der weniger bekannte Strawinsky jenseits des Sacre einen Saisonschwerpunkt in den TOBS-Sinfoniekonzerten. Zudem wird im Rahmen eines Austauschprogramms das Musikkollegium Winterthur im Januar in Biel gastieren, um unter anderem Peter Ruzickas Aulodie mit dem Solisten Albrecht Mayer zu spielen. Die zeitgenössische Musik gehört fest ins Repertoire des Sinfonieorchesters Biel Solothurn, denn auch das TOBS gehört zu der Auswahl Schweizer Orchester, die unter dem Label „Œuvres suisses“ in den nächsten Jahren drei Schweizer Uraufführungen realisieren. Pro Helvetia unterstützt das Orchester im Gegenzug finanziell, damit es Tourneen und Vermittlungsprojekte leichter durchführen kann. „Für andere Orchester vielleicht ein nice to have – für unsere kleine Institution signifikant“, so Kaspar Zehnder. Dieter Kaegi indessen betont, dass das aktuelle Schweizer Musikschaffen überhaupt sehr wichtig ist für das TOBS. „Es wird auch über diesen Dreijahresvertrag mit der Pro Helvetia hinaus ein Schwerpunkt sein. Wenn wir uns das leisten können – es ist eine kostspielige Angelegenheit – werden wir hin und wieder Aufträge im Musiktheaterbereich vergeben. Ich stelle mir vor, dass wir das im Durchschnitt alle zwei Jahre anbieten. Es ist so wichtig, dass zeitgenössische Komponisten die Möglichkeit bekommen, für das Musiktheater zu schreiben. Man wächst doch mit den Möglichkeiten, die man bekommt.“ In der aktuellen Spielzeit wird es ein Geburtstagskonzert für Jost Meier geben, der das Sinfonie Orchester Biel 1969 gründete. Auf dem Programm stehen unter anderem sein Hornkonzert (2002) und ein neues Auftragswerk. In der Sparte Musiktheater hat im Februar FIGARO¿ von Christian Henking nach einem Libretto von Raphael Urweider Premiere, zunächst in Biel. Anfang März wird das Stück dann auch in der Solothurner Rythalle präsentiert. In der Kantonshauptstadt wird der Theaterbetrieb in verschiedensten Spielstätten erprobt, da das Stadttheater saniert wird. Solange geht das TOBS mehr denn je auf Wanderschaft.

Tanz und Ballett sollen langfristig das Angebot des TOBS erweitern. „Im Moment sind wir in einer Phase, wo wir unsere Subventionen, die uns zu Verfügung stehen, nicht für den Tanz einsetzen können“, meint Kaegi. „Es ist im Leistungsvertrag mit den Subventionsgebern nicht vorgesehen.“ Daher wurden nun in einem ersten Schritt Kooperationen mit bestehenden Ensembles auf den Weg gebracht, so dass in dieser Spielzeit drei Produktionen zu sehen sind. „Das mittel- bis langfristige Ziel ist, dass wir eine Compagnie in Residence in beiden Städten haben, die hier arbeitet und mit ihren Produktionen anschliessend auch auf Tournee geht. Dafür brauchen wir selbstverständlich weitere Mittel, die von privater Seite kommen sollen. Wir sind dabei, mit Stiftungen und Sponsoren zu sprechen.“ Gerade in einer multikulturellen Stadt wie Biel eröffnet der Tanz als nonverbale Ausdrucksform neue Möglichkeiten, nicht zuletzt auch dann, wenn es darum geht, die Identifikation der Bevölkerung mit „ihrem“ TOBS zu stärken. Ebenfalls im Sinne der Publikumsresonanz wird in der kommenden Spielzeit ein Musical gegeben. Welches, bleibt noch geheim. Das Musical wird die Operette etwas in den Hintergrund stellen, verrät Kaegi: „Ich möchte jetzt mal ein paar Jahre Pause von der Operette, denn wir drehen uns da im Kreise. Jetzt die vierte Fledermaus in zwanzig Jahren. Wieso nicht mal etwas anderes?“

Besonders in so kleinen Städten wie Biel und Solothurn ist der Kontakt zum Publikum wichtig. Dessen ist sich auch Kaspar Zehnder bewusst: „Mir ist es ein unbedingtes Anliegen, dass der Kontakt zwischen Bühne und Saal ständig im Fluss ist. Ich habe begonnen, in jedem Konzert einige Worte an das Publikum zu richten, um diese Schwelle zu überwinden. Dann übernehme ich manchmal die Moderation. Mit kleinen Gesten möchten wir rüberbringen, dass uns der Kontakt zum Publikum sehr wichtig ist. Darin liegt in so kleinen Städten eine grosse Chance.“ Kaspar Zehnder wird in der Spielzeit 2014/15 auch eine Opernproduktion dirigieren. Abgesehen davon wird er mit dem Orchester Sinfonien von Robert Radecke (1830–1911) und anderen wiederzuentdeckenden Komponisten für CPO einspielen.

In Biel und Solothurn herrscht Aufbruchsstimmung, ein Orchestermusiker sprach von „vorsichtigem Optimismus“. Vor einiger Zeit hat man für den Fortbestand von Theater und Orchester kämpfen müssen. Unter der neuen Direktion fühlt sich das Orchester ernstgenommen. Der neue Gesamtarbeitsvertrag ist fast unterschriftsbereit. Auch gibt es ein neues Probengebäude mit guten Licht- und Akustikverhältnissen, einer Orgel und einer guten Infrastruktur. Kaspar Zehnder: „Wenn wir eine Kontrabassstelle ausschreiben, erhalten wir hundert Bewerbungen, die Frage ist doch nur, wie lange jemand bleibt. Wenn wir attraktive Bedingungen bieten, das Umfeld stimmt, haben wir gute Chancen, dass man sich bei uns wohlfühlt. Das stärkt die Qualität des Orchesters.“

Es ist ein kühler Novemberabend. Im Bieler Stadttheater hat eine neue Fledermaus-Produktion Premiere. Vom gemütlichen Theaterfoyer gelangt man über Treppenaufgänge in den Innenraum des Theaters. Der Übergang von der Welt draussen in die Welt der Oper ist leicht. Die Bühne, durch einen überraschend kleinen Orchestergraben vom Publikum getrennt, ist kein distanzierter Schaukasten. Die Grenze zum Zuschauerraum existiert fast gar nicht, eine Besonderheit des 260 Sitzplätze umfassenden Theaters, die nicht zuletzt auch die aktuelle Inszenierung begünstigt.


Dieter Kaegi selbst hatte hier bereits in den neunziger Jahren Macbeth, Faust und Attila inszeniert, Opern, welche die Dimensionen des Hauses fast sprengten. Wie viele Besucher schwärmt auch er von dem einzigartigen Raum: «Die Kleinheit, dieser erste Eindruck also, hat man das Haus betreten, wurde zur grossen Qualität des Hauses. Sie trägt zur Attraktivität des Theaters Biel bei, und zwar in der Hinsicht, dass man nirgends auf der Welt so nah am Schauspieler, Sänger oder Orchestermusiker dabei ist, wie hier. Es ist ein Markenzeichen von uns geworden, dass die Aktion fast im Zuschauerraum spielt und man nicht durch einen riesigen Orchestergraben von dem getrennt ist, was auf der Bühne geschieht.»


Doch die «Kleinheit», von welcher der neue Intendant spricht, wird nicht als Korsett verstanden. Ende November nahm sich das Orchester erstmals Wagners Rheingold an, nicht im Stadttheater, sondern halbszenisch im Konzertsaal des Kongresshauses, einer der Spielorte des Orchesters Biel Solothurn. In den kommenden Spielzeiten soll die ganze Tetralogie erklingen. Das Orchester ist offenbar froh, von nun an auch Wagner im Opernrepertoire zu haben. Doch es gab (wie immer und überall) auch kritische Stimmen, etwa solche, die fragten, ob man nun grössenwahnsinnig geworden ist. Dieter Kaegi weist jegliche Bedenken gewissenhaft zurück: «Wenn wir ein Berufsorchester mit allen Rechten und Lohnforderungen sind, die ich absolut mittrage, dann bedeutet das auch, dass wir solche grossen Projekte in Angriff nehmen sollten. Es hat natürlich auch viel mit Selbstvertrauen zu tun.» Das gewisse Understatement, das sich in den vergangenen Jahren eingestellt hat, würde nicht von heute auf morgen einem neuen Selbstbewusstsein weichen, jedoch traue die künstlerische Leitung dem Orchester viel zu. Kaegi spricht mehrmals vom «künstlerischen Anspruch an uns selbst». Dass er damit keinesfalls eine leere Floskel bedient, verdeutlicht der Blick in das vielfältige Jahresprogramm.


So bildet der weniger bekannte Strawinsky jenseits des Sacre einen Saisonschwerpunkt in den TOBS-Sinfoniekonzerten. Zudem wird im Rahmen eines Austauschprogramms das Musikkollegium Winterthur im Januar in Biel gastieren, um unter anderem Peter Ruzickas Aulodie mit dem Solisten Albrecht Mayer zu spielen. Die zeitgenössische Musik gehört fest ins Repertoire des Sinfonieorchesters Biel Solothurn, denn auch das TOBS gehört zu der Auswahl Schweizer Orchester, die unter dem Label «Œuvres suisses» in den nächsten Jahren drei Schweizer Uraufführungen realisieren. Pro Helvetia unterstützt das Orchester im Gegenzug finanziell, damit es Tourneen und Vermittlungsprojekte leichter durchführen kann. «Für andere Orchester vielleicht ein nice to have – für unsere kleine Institution signifikant», so Kaspar Zehnder. Dieter Kaegi indessen betont, dass das aktuelle Schweizer Musikschaffen überhaupt sehr wichtig ist für das TOBS. «Es wird auch über diesen Dreijahresvertrag mit der Pro Helvetia hinaus ein Schwerpunkt sein. Wenn wir uns das leisten können – es ist eine kostspielige Angelegenheit – werden wir hin und wieder Aufträge im Musiktheaterbereich vergeben. Ich stelle mir vor, dass wir das im Durchschnitt alle zwei Jahre anbieten. Es ist so wichtig, dass zeitgenössische Komponisten die Möglichkeit bekommen, für das Musiktheater zu schreiben. Man wächst doch mit den Möglichkeiten, die man bekommt.» In der aktuellen Spielzeit wird es ein Geburtstagskonzert für Jost Meier geben, der das Sinfonie Orchester Biel 1969 gründete. Auf dem Programm stehen unter anderem sein Hornkonzert (2002) und ein neues Auftragswerk. In der Sparte Musiktheater hat im Februar FIGARO¿ von  Christian Henking nach einem Libretto von Raphael Urweider Premiere, zunächst in Biel. Anfang März wird das Stück dann auch in der Solothurner Rythalle präsentiert. In der Kantonshauptstadt wird der Theaterbetrieb in verschiedensten Spielstätten erprobt, da das Stadttheater saniert wird. Solange geht das TOBS mehr denn je auf Wanderschaft.


Tanz und Ballett sollen langfristig das Angebot des TOBS erweitern. «Im Moment sind wir in einer Phase, wo wir unsere Subventionen, die uns zu Verfügung stehen, nicht für den Tanz einsetzen können», meint Kaegi. «Es ist im Leistungsvertrag mit den Subventionsgebern nicht vorgesehen.» Daher wurden nun in einem ersten Schritt Kooperationen mit bestehenden Ensembles auf den Weg gebracht, so dass in dieser Spielzeit drei Produktionen zu sehen sind. «Das mittel- bis langfristige Ziel ist, dass wir eine Compagnie in Residence in beiden Städten haben, die hier arbeitet und mit ihren Produktionen anschliessend auch auf Tournee geht. Dafür brauchen wir selbstverständlich weitere Mittel, die von privater Seite kommen sollen. Wir sind dabei, mit Stiftungen und Sponsoren zu sprechen.» Gerade in einer multikulturellen Stadt wie Biel eröffnet der Tanz als nonverbale Ausdrucksform neue Möglichkeiten, nicht zuletzt auch dann, wenn es darum geht, die Identifikation der Bevölkerung mit «ihrem» TOBS zu stärken. Ebenfalls im Sinne der Publikumsresonanz wird in der kommenden Spielzeit ein Musical gegeben. Welches, bleibt noch geheim. Das Musical wird die Operette etwas in den Hintergrund stellen, verrät Kaegi: «Ich möchte jetzt mal ein paar Jahre Pause von der Operette, denn wir drehen uns da im Kreise. Jetzt die vierte Fledermaus in zwanzig Jahren. Wieso nicht mal etwas anderes?»


Besonders in so kleinen Städten wie Biel und Solothurn ist der Kontakt zum Publikum wichtig. Dessen ist sich auch Kaspar Zehnder bewusst: «Mir ist es ein unbedingtes Anliegen, dass der Kontakt zwischen Bühne und Saal ständig im Fluss ist. Ich habe begonnen, in jedem Konzert einige Worte an das Publikum zu richten, um diese Schwelle zu überwinden. Dann übernehme ich manchmal die Moderation. Mit kleinen Gesten möchten wir rüberbringen, dass uns der Kontakt zum Publikum sehr wichtig ist. Darin liegt in so kleinen Städten eine grosse Chance.» Kaspar Zehnder wird in der Spielzeit 2014/15 auch eine Opernproduktion dirigieren. Abgesehen davon wird er mit dem Orchester Sinfonien von Robert Radecke (1830–1911) und anderen wiederzuentdeckenden Komponisten für CPO einspielen.


In Biel und Solothurn herrscht Aufbruchsstimmung, ein Orchestermusiker sprach von «vorsichtigem Optimismus». Vor einiger Zeit hat man für den Fortbestand von Theater und Orchester kämpfen müssen. Unter der neuen Direktion fühlt sich das Orchester ernstgenommen. Der neue Gesamtarbeitsvertrag ist fast unterschriftsbereit. Auch gibt es ein neues Probengebäude mit guten Licht- und Akustikverhältnissen, einer Orgel und einer guten Infrastruktur. Kaspar Zehnder: «Wenn wir eine Kontrabassstelle ausschreiben, erhalten wir hundert Bewerbungen, die Frage ist doch nur, wie lange jemand bleibt. Wenn wir attraktive Bedingungen bieten, das Umfeld stimmt, haben wir gute Chancen, dass man sich bei uns wohlfühlt. Das stärkt die Qualität des Orchesters.»

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