Die höchst umstrittene Massnahme, das Sinfonieorchester Biel Solothurn in ein Projektorchester umzuwandeln, wurde zurückgezogen. Obwohl vom Gemeinderat als Teil einer umfassenden Strategie zur nachhaltigen Haushaltssanierung erdacht, hätte ein parlamentarisches «Ja» zur Massnahme gravierende Folgen gehabt.  
Vier Strich Zwei


Vier Strich Zwei


Johannes Knapp , 20.05.2015

Die höchst umstrittene 
Massnahme, das 
Sinfonieorchester Biel 
Solothurn in ein Projektorchester umzuwandeln, wurde zurückgezogen. Obwohl vom Gemeinderat als Teil einer umfassenden Strategie zur nachhaltigen Haushalts-
sanierung erdacht, hätte ein parlamentarisches «Ja» zur Massnahme gravierende 
Folgen gehabt. 


Zusammenhänge werden verständlich, wenn sie zur Sprache gebracht werden. Die entscheidende Leistung einer Kultur ist das Verstehen mittels Sprache. Angeeignet haben wir uns die Sprache durch Zuhören und spielerisches Nachplappern. Wörter wurden zu Worten, Worte wurden Teil eines sich immer stärker ausdifferenzierenden Wortschatzes. Zur wirklichen Kenntnis einer Sprache gehört auch das kritische Hinterfragen von Begriffen, die alltäglich verwendet werden. «Nachhaltigkeit» ist ein solcher Begriff. Ursprünglich verweist er auf ein Prinzip, nach dem nicht mehr Holz gefällt werden darf, als nachwächst.

Längst hielt «Nachhaltigkeit» Einzug in die Kommunikationsabteilungen von Unternehmen. Vor dem Hintergrund, dass viele Produkte immer kurzlebiger werden und Reparaturkosten meistens höher als ihr Marktwert sind, erscheint die Verlagerung des Begriffs ins Marketing als konsequent. Nachhaltigkeitserfolge bemessen sich seither daran, wie viel Prozent der Kernzielgruppen eines bestimmten Produkts mittels millionenteurer Nachhaltigkeitskampagnen erreicht werden, ganz gleich, ob die Produkte tatsächlich sozial und ökologisch vertretbar sind oder nicht.

Alltägliche Verwendung findet der Begriff auch in der Politik. Der Bieler Gemeinderat legte dem Stadtrat einen Bericht «zur nachhaltigen Sicherung eines ausgeglichenen Finanzhaushalts» vor, über den im vergangenen Monat im Stadtrat debattiert wurde. Mehr als 30 Mal ist auf 85 Seiten von Nachhaltigkeit die Rede. Wegen seiner Mehrdeutigkeit ist eine derartige Begriffsverwendung durchaus legitim, zumindest was den Ausgleich von Einnahmen und Ausgaben angeht. Dennoch stellt sich die Frage, ob eine Sparpolitik, mit der Vorschläge massiver Kürzungen in der Kultur einhergehen, ernsthaft als nachhaltig bezeichnet werden kann. Anders gefragt: In welchem Verhältnis stehen Kultur und Nachhaltigkeit zueinander?

Während man zunächst nur im Bereich der Forstwirtschaft von Nachhaltigkeit sprach, wandte man das Wort in den Neunzigerjahren mehr und mehr auf ökonomische, soziale und auch kulturelle Aspekte an. «Nachhaltigkeit» diente als normativer, gesellschaftsbezogener Begriff. Stets wurde betont, dass Wirtschaft, Umwelt, Kultur und Soziales nicht gegeneinander ausgespielt werden dürften. So legte die Unesco-Generaldirektorin Irina Bokova 2013 in einem bestechenden Essay dar, dass nachhaltige Entwicklung (sustainable development) und kulturelle Vielfalt in einem wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnis zueinander stehen.

Wie zahlreich ernstzunehmende Auslegungen des Nachhaltigkeitsbegriffs auch sein mögen: Sie haben einen kleinsten gemeinsamen Nenner, nämlich die Bewahrung ökologischer, sozialer und kultureller Standards zum Wohl zukünftiger Generationen, die von mehreren Faktoren abhängig sind, nicht allein von wirtschaftlichen, sondern auch vom gemeinsamen Willen seitens Politik und Bevölkerung. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.

In Biel drohten gewisse Standards, die sich die Bevölkerung über Jahrzehnte leidenschaftlich erkämpft hat, einer falschen Konzeption von Nachhaltigkeit geopfert zu werden. Zu den Institutionen, an denen gespart werden sollte, gehört auch das Sinfonieorchester. (Wir haben in der letzten Ausgabe ausführlich berichtet.) 1969 gegründet, hat das Orchester dank des Rückhalts in der Bevölkerung mehrere Krisen erfolgreich überstanden. Bereits Mitte der Siebziger musste für den Erhalt des Orchesters gekämpft werden, nachdem unter anderem die Ölpreiskrise von 1973 und ein starker Franken negative Folgen zeigten. (In der Not wandte sich der Gemeinderat damals an zahlreiche Gemeinden der Region, woraufhin die Regionale Kulturkonferenz gegründet wurde, die einen der insgesamt vier Subventionsgeber darstellt.) Ein weiteres Mal musste man zu Beginn der Neunziger um das Orchester bangen, als der städtische Finanzhaushalt saniert wurde. Vor drei Jahren schliesslich wurde das Orchester mit den Stadttheatern von Biel und Solothurn zusammengelegt. Der Umstrukturierungsprozess zur neuen Institution, dem Theater Orchester Biel Solothurn, hatten die Subventionsgeber 2012 mit 1,7 Millionen unterstützt.

Der alles andere als nachhaltige Vorschlag des Bieler Gemeinderates, das Berufsorchester in ein «Projektorchester» umzuwandeln und auf diese Weise rätselhafte 360'000 Franken pro Jahr zu sparen, ist erfreulicherweise vom Tisch. Gemeinderat Némitz – er bekleidet das Amt des Direktors für Kultur, Freizeit und Sport – zog «seinen» Sparvorschlag während der entscheidenden Stadtratssitzung zurück. Für diesen Umschwung mitverantwortlich ist der Protest der Bieler Bevölkerung und der internationalen Musikszene. Rund 14'000 Unterschriften hat die engagierte Präsidentin des Orchesterfreundeskreises zum Schluss zählen können, wortgewaltige Plädoyers für den Klangkörper und liebenswürdige Sympathiebekundungen noch dazu. Darüber hinaus hagelte es von allen Seiten Presseartikel. Sortiert man sie nach Pros und Contras, bildeten die Gegner der sogenannten «Massnahme 4–2» eine starke Mehrheit. Es bleibt die Zuversicht, dass die Bieler Bevölkerung wieder zu ihrer grössten Kulturinstitution steht, wenn die neuen Leistungsverträge im Oktober vors Volk kommen. Ein klares «Ja» wäre wirklich nachhaltig.
 

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Das SOBS auf dem Rosiusplatz Biel am 23. April. Später am Abend zieht der Gemeinderat seinen Vorschlag, das SOBS aufzuheben, zurück.

Wenn die Menschen versuchen, immer intensiver mit der Kultur zu leben, das Interesse an Politik und Politikern aber immer mehr abnimmt, fragt man sich: Wer hat versagt? Geht dann nicht die negative Verantwortlichkeit zu Lasten der Politiker? Haben die verantwortlich für die Kultur Arbeitenden dann nicht die positivere Bilanz?
Giorgio Strehler, Per un teatro umano, Milano 1974
 

Zusammenhänge werden verständlich, wenn sie zur Sprache gebracht werden. Die entscheidende Leistung einer Kultur ist das Verstehen mittels Sprache. Angeeignet haben wir uns die Sprache durch Zuhören und spielerisches Nachplappern. Wörter wurden zu Worten, Worte wurden Teil eines sich immer stärker ausdifferenzierenden Wortschatzes. Zur wirklichen Kenntnis einer Sprache gehört auch das kritische Hinterfragen von Begriffen, die alltäglich verwendet werden. «Nachhaltigkeit» ist ein solcher Begriff. Ursprünglich verweist er auf ein Prinzip, nach dem nicht mehr Holz gefällt werden darf, als nachwächst.


Längst hielt «Nachhaltigkeit» Einzug in die Kommunikationsabteilungen von Unternehmen. Vor dem Hintergrund, dass viele Produkte immer kurzlebiger werden und Reparaturkosten meistens höher als ihr Marktwert sind, erscheint die Verlagerung des Begriffs ins Marketing als konsequent. Nachhaltigkeitserfolge bemessen sich seither daran, wie viel Prozent der Kernzielgruppen eines bestimmten Produkts mittels millionenteurer Nachhaltigkeitskampagnen erreicht werden, ganz gleich, ob die Produkte tatsächlich sozial und ökologisch vertretbar sind oder nicht. 


Alltägliche Verwendung findet der Begriff auch in der Politik. Der Bieler Gemeinderat legte dem Stadtrat einen Bericht «zur nachhaltigen Sicherung eines ausgeglichenen Finanzhaushalts» vor, über den im vergangenen Monat im Stadtrat debattiert wurde. Mehr als 30 Mal ist auf 85 Seiten von Nachhaltigkeit die Rede. Wegen seiner Mehrdeutigkeit ist eine derartige Begriffsverwendung durchaus legitim, zumindest was den Ausgleich von Einnahmen und Ausgaben angeht. Dennoch stellt sich die Frage, ob eine Sparpolitik, mit der Vorschläge massiver Kürzungen in der Kultur einhergehen, ernsthaft als nachhaltig bezeichnet werden kann. Anders gefragt: In welchem Verhältnis stehen Kultur und Nachhaltigkeit zueinander? 


Während man zunächst nur im Bereich der Forstwirtschaft von Nachhaltigkeit sprach, wandte man das Wort in den Neunzigerjahren mehr und mehr auf ökonomische, soziale und auch kulturelle Aspekte an. «Nachhaltigkeit» diente als normativer, gesellschaftsbezogener Begriff. Stets wurde betont, dass Wirtschaft, Umwelt, Kultur und Soziales nicht gegeneinander ausgespielt werden dürften. So legte die Unesco-Generaldirektorin Irina Bokova 2013 in einem bestechenden Essay dar, dass nachhaltige Entwicklung (sustainable development) und kulturelle Vielfalt in einem wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnis zueinander stehen. 


Wie zahlreich ernstzunehmende Auslegungen des Nachhaltigkeitsbegriffs auch sein mögen: Sie haben einen kleinsten gemeinsamen Nenner, nämlich die Bewahrung ökologischer, sozialer und kultureller Standards zum Wohl zukünftiger Generationen, die von mehreren Faktoren abhängig sind, nicht allein von wirtschaftlichen, sondern auch vom gemeinsamen Willen seitens Politik und Bevölkerung. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. 


In Biel drohten gewisse Standards, die sich die Bevölkerung über Jahrzehnte leidenschaftlich erkämpft hat, einer falschen Konzeption von Nachhaltigkeit geopfert zu werden. Zu den Institutionen, an denen gespart werden sollte, gehört auch das Sinfonieorchester. (Wir haben in der letzten Ausgabe ausführlich berichtet.) 1969 gegründet, hat das Orchester dank des Rückhalts in der Bevölkerung mehrere Krisen erfolgreich überstanden. Bereits Mitte der Siebziger musste für den Erhalt des Orchesters gekämpft werden, nachdem unter anderem die Ölpreiskrise von 1973 und ein starker Franken negative Folgen zeigten. (In der Not wandte sich der Gemeinderat damals an zahlreiche Gemeinden der Region, woraufhin die Regionale Kulturkonferenz gegründet wurde, die einen der insgesamt vier Subventionsgeber darstellt.) Ein weiteres Mal musste man zu Beginn der Neunziger um das Orchester bangen, als der städtische Finanzhaushalt saniert wurde. Vor drei Jahren schliesslich wurde das Orchester mit den Stadttheatern von Biel und Solothurn zusammengelegt. Der Umstrukturierungsprozess zur neuen Institution, dem Theater Orchester Biel Solothurn, hatten die Subventionsgeber 2012 mit 1.7 Millionen unterstützt. 


Der alles andere als nachhaltige Vorschlag des Bieler Gemeinderates, das Berufsorchester in ein «Projektorchester» umzuwandeln und auf diese Weise rätselhafte 360 000 Franken pro Jahr zu sparen, ist erfreulicherweise vom Tisch. Gemeinderat Némitz – er bekleidet das Amt des Direktors für Kultur, Freizeit und Sport – zog «seinen» Sparvorschlag während der entscheidenden Stadtratssitzung zurück. Für diesen Umschwung mitverantwortlich ist der Protest der Bieler Bevölkerung und der internationalen Musikszene. Rund 14 000 Unterschriften hat die engagierte Präsidentin des Orchesterfreundeskreises zum Schluss zählen können, wortgewaltige Plädoyers für den Klangkörper und liebenswürdige Sympathiebekundungen noch dazu. Darüber hinaus hagelte es von allen Seiten Presseartikel. Sortiert man sie nach Pros und Contras, bildeten die Gegner der sogenannten «Massnahme 4–2» eine starke Mehrheit. Es bleibt die Zuversicht, dass die Bieler Bevölkerung wieder zu ihrer grössten Kulturinstitution steht, wenn die neuen Leistungsverträge im Oktober vors Volk kommen. Ein klares «Ja» wäre wirklich nachhaltig.


Wenn die Menschen versuchen, immer intensiver mit der Kultur zu leben, das Interesse an Politik und Politikern aber immer mehr abnimmt, fragt man sich: Wer hat versagt? Geht dann nicht die negative Verantwortlichkeit zu Lasten der Politiker? Haben die verantwortlich für die Kultur Arbeitenden dann nicht die positivere Bilanz? 


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