Im November hat das Orchestra della Svizzera Italiana einen Brief aus Bern bekommen. Stehen dem Klangkörper unruhige Zeiten bevor?  

Una spiacevole sorpresa

Johannes Knapp, 21.01.2016

Im November hat das Orchestra della Svizzera Italiana einen Brief aus Bern bekommen. Stehen dem Klangkörper unruhige Zeiten bevor?

Die SRG hat ihre Kooperationsvereinbarung mit dem Orchestra della Svizzera Italiana (OSI) auf Ende 2017 gekündigt. Das geht aus einem Brief der SRG-Generaldirektion an die Stiftung des Tessiner Orchesters hervor. Die SRG beabsichtige, gemeinsam mit dem Stiftungsrat des OSI ein neues Finanzierungsmodell zu diskutieren. Durch dieses solle, so der Wortlaut, ein besseres Kosten-Nutzen-Verhältnis für die Subventionsgeber erzielt werden. Als weiteres Verhandlungskriterium wird ein neuer Verteilerschlüssel zwischen der Tessiner SRG-Unternehmenseinheit und öffentlichen wie privaten Geldgebern genannt. Welche Einsparungen die SRG am OSI ab 2018 konkret plant, bleibt in dem Brief vom 12. November 2015 unerwähnt. Auch erfährt man nichts über die Hintergründe dieser irritierenden Botschaft.

Gross ist die Befürchtung, dass die SRG an ihrem Subventionsbeitrag für das Orchester gehörig den Rotstift ansetzen wird. Das beamtensprachlich verklausulierte Schreiben wirft viele Fragen auf: Was zum Beispiel bedeutet der allgemeine Sparkurs der SRG für die Zukunft des letzten Radiosinfonieorchesters der Schweiz? Inwieweit lassen sich vor dem Hintergrund der angeschlagenen Tessiner Wirtschaft oder auch der erstarkten rechtspopulistischen Lega dei Ticinesi weitere öffentliche und private Gelder auftreiben?

Dass die SRG das Orchester bald gänzlich aus seiner ohnehin schon ein wenig halbherzig wirkenden Obhut ins Ungewisse entlässt, wäre wahrscheinlich der Worst Case. In Bern schreckten die SRG-Entscheidungsträger jedoch nicht davor zurück, genau diesen als Druckmittel ins Spiel zu bringen, getreu dem Motto: Wenn ihr eine bestimmte Klausel aus dem Vertrag nicht rausnehmt, dann arbeiten wir überhaupt nicht mehr mit Euch zusammen! Die besagte Klausel regelt die Rechte an den vom OSI eingespielten Archivaufnahmen. Sie sieht vor, dass die SRG sämtliche Rechte an den Archivaufnahmen des OSI verlieren würde, sollte sie das Orchester eines Tages nicht mehr substanziell unterstützen.

In Lugano wird man sich sicherlich nicht erpressen lassen, schliesslich ist diese Klausel die Lebensversicherung des Orchesters! Hoffentlich wird man den Konflikt lösen können, ohne von der Ultima Ratio einer aufgekündigten Zusammenarbeit Gebrauch zu machen. Für die SRG beziehungsweise die RSI wäre es sicherlich ein Verlust, von den wertvollen Beständen aus dem Archiv, in das man viele Jahrzehnte investiert hat, nichts mehr verwerten zu dürfen. Das Orchester wiederum generiert mittels Zweitverwertungen durch den Rundfunk gewisse Einnahmen. Mit dem Inkrafttreten der Klausel würden diese entfallen. Daher bleibt zu hoffen, dass die SRG-Verantwortlichen und die Orchestervertreter demnächst konstruktiv miteinander verhandeln können. (Zum Zeitpunkt des Redaktionsschlusses dieser Ausgabe hat noch keine Aussprache stattgefunden.)

Dass der Brief ausgerechnet zwei Monate nach dem Eröffnungskonzert des LAC eintraf, wirkt angesichts des künstlerischen Aufbruchs des OSI und der neuen Spielstätte durchaus fehl am Platz, ist jedoch schlicht und einfach der zweijährigen Kündigungsfrist geschuldet. So oder so aber täte die SRG gut daran, negative Schlagzeilen zu vermeiden, um dem Risiko zu entgehen, dass die kulturinteressierte Bevölkerung im Tessin vergrault wird und der gesellschaftliche Rückhalt für die SRG noch weiter abnimmt. Bei kommenden Volksabstimmungen in Sachen öffentlich-rechtlicher Rundfunk und Billag könnte ihr das ansonsten teuer zu stehen kommen.

Erst vor wenigen Jahren hat die SRG ihren Subventionsbeitrag an das OSI um fast die Hälfte reduziert. Seither ist der Kanton Tessin mit 4 Millionen mit Abstand der grösste Subventionsgeber, gefolgt von der SRG/RSI (2 Millionen zuzüglich interner Produktionskosten), der Stadt Lugano (0,5) und dem Freundeskreis des Orchesters. Kleinere Beiträge stiften der Kanton Graubünden, ein Pharmakonzern, 13 Tessiner Gemeinden, die BSI Bank und ein Luganeser Luxushotel.

Angenommen, die SRG streicht die jährlichen 2 Millionen Franken zur Gänze, wäre das OSI in seinem Vollzeitstatus bedroht. Doch zum Spekulieren ist es noch zu früh. Erst einmal sollte die Einladung zum gemeinsamen Gespräch wahrgenommen werden. Und wer weiss, vielleicht nimmt sich die SRG selbst beim Wort und verfolgt das in ihrer Unternehmensstrategie formulierte Ziel, auf Eigenproduktionen zu setzen, auch im musikalischen Bereich – zumindest in Lugano. In künstlerischer Hinsicht stehen die Zeichen gut.
 

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