Das 36-seitige Dokument, das im März 2018 vorgestellt worden ist, zielt darauf ab, einen ständigen Dialog zwischen politischen Entscheidungsträgern und den verschiedenen Akteuren des Musiksektors zu etablieren. 

Die Europäische Musikagenda

Laurent Mettraux ; Übersetzung: Johannes Knapp , 28.11.2019

Das 36-seitige Dokument, das im März 2018 vorgestellt worden ist, zielt darauf ab, einen ständigen Dialog zwischen politischen Entscheidungsträgern und den verschiedenen Akteuren des Musiksektors zu etablieren.

Wer kann die Bedürfnisse und Erwartungen der verschiedenen Musikszenen besser verstehen als Musikschaffende selbst? Während die meisten Wirtschaftssektoren in der Politik durch eine beträchtliche Anzahl von Lobbyisten stark vertreten sind, hat die Musik trotz ihres beachtlichen wirtschaftlichen Gewichts zu wenig Zugang zu den Kreisen der «Entscheidungsträger». Oftmals kämpfen ihre Repräsentanten auch damit, gemeinsame Ziele oder Imperative zu definieren. Der Europäische Musikrat (EMC), dem die bedeutendsten Musikdachverbände des Kontinents angehören, hat ein wichtiges Dokument veröffentlicht, die Europäische Musikagenda (European Music Agenda, EMA), die darauf abzielt, gemeinsame Bedürfnisse und Prioritäten für die Zukunft zu benennen. In einer Zeit der Unsicherheit und des schnellen Wandels ist es in der Tat wichtig, sich auf einen klaren Text verlassen zu können, um die Zukunft des Musiksektors angemessen zu fördern und zu stärken. Das Dokument wurde von sieben Expertengruppen redigiert, die alle Musikrichtungen vertreten. Ihre Schlussfolgerungen, die dann einer umfassenden und eingehenden Konsultation unterzogen wurden, sind von dem Ziel geleitet, eine gemeinsame Vision zum Schutz und zur Förderung der Kunst Euterpes in Europa vorzulegen.

Bedeutung der Musik

In der Einführung des Dokuments wird betont, dass die Musik ein Fundament der europäischen Zivilisation darstelle, deren Vielfalt an kulturellen Identitäten sie widerspiegele. Die Kunst der Musik könne dazu beitragen, die persönliche Entwicklung und den Austausch innerhalb der Gesellschaft zu fördern und somit sozialer Ausgrenzung entgegenzuwirken. Unter materiellen Gesichtspunkten betrachtet, trage sie zum Wirtschaftswachstum und zur Schaffung von Arbeitsplätzen bei. Zu den Veränderungen, welche die Unterzeichnenden der EMA fordern, gehören eine bessere Förderung der Musik, ein leichterer Zugang für alle Mitglieder der Gesellschaft, ein Vorantreiben der Professionalisierung des Musiksektors, ein faires Arbeitsumfeld, mehr Möglichkeiten der Interaktion, gesetzgeberische Entwicklungen auf allen Ebenen und ein Finanzierungsrahmen, der es ermöglicht, öffentliche und private Unterstützung für unterschiedliche Bedürfnisse zu gewähren. Konkret werden neun Themen mit jeweils einem Katalog an Massnahmen abgehandelt, die zur Erreichung der Prioritäten erforderlich sind: drei Hauptziele (Bildung und Zugang zur Musik; Vielfalt; Entwicklung der Gesellschaft), drei Handlungsfelder zu ihrer Verwirklichung (Technologie; Mobilität; Anerkennung) und drei Mittel zu ihrer Unterstützung (Zusammenarbeit und Partnerschaft; Verbreitung; Datenerhebung und Analyse). Zu den Vorschlägen, die für unsere Mitglieder von Interesse sein dürften, gehören die Aufwertung der Arbeit von Autorinnen und Autoren sowie Künstlerinnen und Künstlern durch faire Vergütungs- und Sozialschutzsysteme, die Überprüfung von Vergütungsmodellen für Content-Sharing-Plattformen und die Suche nach Lösungen, um sicherzustellen, dass Urheberrechte und verwandte Schutzrechte gewahrt werden (hierin an die Kampagne Fair Internet anknüpfend), ausserdem die Schaffung und Verbesserung von Instrumenten zur Förderung und zum Export europäischer Musik, die Entwicklung von Partnerschaften mit öffentlichen wie privaten Radiosendern, die Umsetzung von Rechtsvorschriften zur Unterstützung kulturfördernder Medien (z.B. wird die Musikkritik in etlichen Medien immer stärker zurückgedrängt), oder auch die Zusammenarbeit mit Bereichen wie Bildung oder Gesundheit (z.B. die Erforschung der Wirkung von Musik auf Gesundheit und Wohlbefinden). Darüber hinaus müsse sichergestellt werden, dass alle Arbeitnehmenden im Musiksektor unabhängig von ihrer arbeitsrechtlichen Stellung das Recht auf Tarifverhandlungen wahrnehmen können, und ausserdem, dass administrative Hürden wie Visa oder der Transport von Musikinstrumenten erleichtert werden. Nicht zuletzt sei darauf zu achten, dass die Mobilität im Einklang mit den im Zielland geltenden Sozialstandards steht (Bekämpfung von Lohndumping).

Wieso diese Agenda?

Auch wenn diese Agenda zunächst theoretisch erscheinen mag oder gar wie ein Katalog frommer Wünsche anmutet, sollte sie keineswegs ignoriert werden, da sie es erlaubt, die Bemühungen aller Akteure der Branche zu koordinieren und zu priorisieren. Sie kann somit als Referenz, Grundlage für Diskussionen und Dialog mit Institutionen und der Politik dienen und sogar Gesetzesänderungen den Weg ebnen, um die vom Internationalen Musikrat zum Ausdruck gebrachte Achtung der Fünf Musikrechte zu erreichen: Rechte von Kindern und Erwachsenen, sich musikalisch in völliger Freiheit auszudrücken, musikalische Sprachen und Fähigkeiten zu erlernen und zu studieren, Musik durch Teilnahme, Hören, Schaffen und Information zu erhalten; Rechte für alle Musikschaffenden, ihre Kunst zu entwickeln und über alle Medien zu kommunizieren, unter Einsatz geeigneter Instrumente und Strukturen, die ihnen zur Verfügung gestellt werden, und eine angemessene Anerkennung und Vergütung für ihre Arbeit zu erhalten. Diese Agenda bietet somit eine moralische Garantie für die Forderungen der verschiedenen in diesem Bereich tätigen Verbände, wie z.B. des SMV, dessen Präsident die FIM bei den Konsultationen zur Vorbereitung der Ausarbeitung der EMA vertrat.

http://europeanagendaformusic.eu

Schweizerischer Musikerverband

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