Die Qualität der Referentinnen und Referenten und die Vielfalt der behandelten Themen prägten die Delegiertenversammlung 2019. 

Sozialpartnerschaften sollten selbstverständlich sein!

Laurent Mettraux; Übersetzung: Johannes Knapp , 29.05.2019

Die Qualität der Referentinnen und Referenten und die Vielfalt der behandelten Themen prägten die Delegiertenversammlung 2019.

Die diesjährige ordentliche Delegiertenversammlung des SMV, welche am 9. Mai in Lausanne stattfand, begann mit mehreren aufschlussreichen Grussworten. Der Sekretär der waadtländischen Sektion, Daniel Spörri, betonte eingangs, wie wichtig es sei (insbesondere für die Untersektion des Orchestre de Chambre de Lausanne (OCL), die derzeit einen neuen Gesamtarbeitsvertrag aushandelt), sich vom Zentralverband unterstützt zu fühlen. Das Management des OCL habe einen Vertragsentwurf – wohl nach einem Pariser Modell – vorgelegt. Die erzwungenen Verhandlungen begannen im Januar dieses Jahres. Gleichzeitig, so fügte Daniel Spörri hinzu, hätte die Direktion nicht verborgen, dass sie sich durch den aktuellen GAV behindert fühle – offenbar habe sie immer weniger Respekt vor der Sozialpartnerschaft zwischen Management und Musikern. Da ein Wechsel im Management für Juli 2020 angekündigt ist, hoffen die Musiker des OCL, dass die Verhandlungen über diese Frist hinaus fortgesetzt werden können. Eine starke Gewerkschaft hinter sich zu haben, sei unter solchen Bedingungen sehr wichtig, insbesondere wenn es darum geht, gegen Versuche des Autoritarismus vorzugehen.

Der erste der beiden Gastredner, Pierre-Yves Maillard, unterstrich ebenfalls die Stärke des SMV, die ihn beeindrucke, auch angesichts seiner rund 1700 Mitglieder. Am vierten Tag seiner SGB-Präsidentschaft war er angereist, um den SMV mit seiner Anwesenheit zu ehren – eine seiner ersten Amtshandlungen in seiner neuen Position. «Wie ist es möglich, dass Musiker mit einer solch umfassenden Ausbildung noch für anständige Gehälter kämpfen müssen?», fragte er, und bezeichnete diese Situation als befremdlich. Das aktuelle Beispiel des OCL zeige, dass Sozialpartnerschaften leider nicht selbstverständlich sind. In diesem Zusammenhang liess der SGB-Präsident verlauten, dass eine Allgemeinverbindlichkeitserklärung unter den gegebenen Umständen für den Musiksektor nicht ideal wäre. Stattdessen, so gab er zu bedenken, könne sich ein stärkerer Druck auf öffentliche Subventionsgeber als wirksam erweisen, insbesondere wenn die politischen Vertreter eine gewisse Sensibilität für gewerkschaftliche Forderungen mitbringen, was in den meisten Kulturstädten derzeit der Fall sei. Auch bot Maillard spontan seine Hilfe an, im Namen von Orchestermusikern allenfalls bei kantonalen Behörden zu intervenieren. Im weiteren Verlauf seiner Rede fasste er den aktuellen Stand der Beziehungen zur Europäischen Union und deren Auswirkungen auf die Schweizer Lohnpolitik (inkl. Kompensationsmassnahmen) zusammen. Trotz guter Ergebnisse hinsichtlich der Gewährung von Lohnstabilität nannte er es inakzeptabel, dass die Kaufkraft (oder die Reallöhne, d.h. die Menge an Gütern, die ein Arbeitnehmer kaufen kann) in den Jahren 2017 und 2018, also in wirtschaftlich guten Zeiten, zurückgegangen ist. Zu guter Letzt verlieh Maillard seiner Zufriedenheit über die Präsenz des SMV in den Reihen des SGB Ausdruck.

Ebenfalls erst seit Kurzem (1. März) im Amt, hat die neue Generaldirektorin der Haute École de Musique (HEMU) und des Conservatoire de Lausanne, Noémie L. Robidas, in ihrer leidenschaftlichen Rede etliche wichtige Punkte angesprochen, darunter die Tatsache, dass in ihrem Herkunftsland professionelle Orchestermusiker verpflichtet sind, sich der Organization of Canadian Symphony Musicians anzuschliessen. Auf pädagogischer Ebene sei es ihr ein zentrales Anliegen, dass die Studierenden angemessen auf das berufliche Umfeld und die Realität des Arbeitsmarktes vorbereitet sind, so dass sie über die geforderten Leistungen hinaus auch eigenständig Projekte leiten können. Frau Robidas verlieh ihrer Hoffnung Ausdruck, dass die Forschung, die Teil der Praxis ist, zukünftig mehr Platz in der HEMU einnehmen werde. Sie lud die SMV-Delegierten ein, ihre Gedanken und Beobachtungen zu den folgenden Fragen auszutauschen: Was fehlt in der Ausbildung aus der Sicht eines Orchestermusikers? Wie müsste die Musikhochschule von morgen in Bezug auf die Bedürfnisse junger Musikschaffender und der Berufswelt aussehen? Es zeichnete sich deutlich ab, dass der Dialog zwischen Frau Robidas und dem SMV bald fortgeführt werden wird.

Während über den statutarischen Teil der Versammlung nichts zu bemerken ist, hat das neue Spesenreglement zu intensiven Diskussionen geführt. Schliesslich wurde ein Antrag des Präsidenten der Sektion Zürich, Hans-Peter Achberger, angenommen, wonach ein weiteres Jahr das aktuelle Reglement beizubehalten ist, die Erstattungen von Auslagen und Spesen hingegen über die Dauer eines Jahres gemäss zweier zusätzlicher Varianten in einer Schattenrechnung auszuweisen sind, um eine konkretere Vorstellung von den zu erwartenden Kosten zu erhalten.

Die Versammlung gelangte mit dem Update hinsichtlich zweier weiterer Anträge aus der Sektion Zürich allmählich zu ihrem Abschluss. Der erste, der 2017 von der Delegiertenversammlung verabschiedet worden war, führte zu den «21 Maximen für eine Good Governance des Verbandes», die nahezu einstimmig angenommen wurden. Achberger unterstrich in einer kurzen Erläuterung die Bedeutung des mehrseitigen Dokuments für die Arbeit der verbandsinternen Gremien, Wahrung und Steigerung der Effizienz, Arbeitsabläufe, Entscheidungswege und nicht zuletzt die Kompetenzverteilung. Der zweite Antrag aus dem Jahr 2018 forderte die Einrichtung einer Arbeitsgruppe zur Entwicklung möglicher Modelle für eine überregionale Arbeitsvermittlungsstelle. Die Arbeit dieser Gruppe sei unterdessen vorangekommen, und es habe sich gezeigt, dass eine überregionale AHV-Abrechnungsstelle besser geeignet wäre. Drei Szenarien hätten sich zwischenzeitlich herauskristallisiert: die Einrichtung der Abrechnungsstelle in enger Zusammenarbeit mit einer der verbleibenden SMV-Geschäftsstellen, die Einrichtung einer eigenen Abrechnungsstelle durch den SMV, wobei diese Variante mit erheblichem Aufwand und einem gewissen unternehmerischen Risiko verbunden wäre, oder aber die Zusammenarbeit mit einer bereits bestehenden Organisation auf diesem Gebiet.

Zu guter Letzt gab Zentralpräsident Beat Santschi einen kurzen Rückblick auf die vorangegangene Präsidentenkonferenz. Sie war im Wesentlichen den jüngsten Bemühungen des SMV zugunsten einer stärkeren Verankerung des Minimaltarifs in der Kulturförderung durch die öffentliche Hand gewidmet. Auf das 2017 in Kraft getretene Orchesterfördermodell des Kantons Basel-Stadt sind die Teilnehmenden vertieft eingegangen (siehe hierzu auch die ausführlichen Beiträge in der vorangegangenen Ausgabe).

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