Wie werden sich die Konzerte und Vorstellungen in den kommenden Monaten gestalten? Welche Arten von Massnahmen könnten für die Musikschaffenden und das Publikum getroffen werden? 

Wie finden wir den Ausweg aus der Krise heraus?

Laurent Mettraux, Übersetzung Johannes Knapp , 27.05.2020

Wie werden sich die Konzerte und Vorstellungen in den kommenden Monaten gestalten? Welche Arten von Massnahmen könnten für die Musikschaffenden und das Publikum getroffen werden?

Als sich die Coronavirus-Pandemie ausbreitete, haben die meisten Länder mehr oder weniger schnell alle Grossveranstaltungen wie Konzerte und Opernaufführungen verboten, so auch in der Schweiz, wo der Bundesrat diesen Entscheid bereits am 28. Februar getroffen hat. Die Optimistischsten dachten zwar, dass diese Massnahme nach einigen Wochen aufgehoben würde, aber die anhaltende Bedrohung und die während des Lockdowns erforderliche Vorsicht führten dazu, dass sie in vielen Ländern explizit verlängert wurde. Was die Musik und die darstellenden Künste anbelangt, so zogen es die meisten Sommer- und sogar Frühherbstfestivals nach der abrupten Beendigung der Saison 2019/20 angesichts zu vieler Unsicherheiten vor, ihre Ausgabe 2020 abzusagen. Es ist schwierig, Programme zu planen, wenn man nicht weiss, ob man reisen darf, ob man genügend Konzertmöglichkeiten hat, um eine Tournee organisieren zu können, und natürlich, wenn man nicht weiss, ab welchem Datum und vor allem unter welchen Bedingungen die Veranstaltungen und Aufführungen wieder erlaubt sein werden. In der Schweiz bleiben Versammlungen mit mehr als 1000 Personen mindestens bis Ende August verboten. Der Bundesrat wird voraussichtlich am 27. Mai, wenn dieser Artikel veröffentlicht wird, über das Versammlungsrecht kleiner Menschenmengen entscheiden. Werden die Konzertsaisons, die in diesem Herbst beginnen, ebenfalls betroffen sein, und wenn ja, in welchem Ausmass? Da der Verlauf einer Epidemie nur schwer vorauszusagen ist, kann man nur spekulieren und hoffen, dass eine zweite Welle, die durch den Lockdown, eine Lockerung der Hygiene- und Distanzierungsvorkehrungen, oder gar die Wiederaufnahme internationaler Flüge ausgelöst werden könnte, die Rückkehr der Musikschaffenden auf die Bühne und der Musikfreunde in die Säle nicht weiter verzögert – dies würde das Überleben eines Teils des Musiksektors weiter gefährden.

Distanzierung zwischen Musikern

Unter welchen Bedingungen kann dieser lang ersehnte Moment eintreten? Wie bei Unternehmen und Schulen müssen wir damit rechnen, dass wir das Gebot der physischen Distanz anwenden müssen, was sowohl in der Praxis als auch aus wirtschaftlicher Sicht nicht ganz einfach sein wird. Das Tragen einer Maske mag für die Öffentlichkeit obligatorisch sein, aber es wird sicher nicht ausreichen und die Einhaltung des Zwei-Meter-Abstandes nicht ersetzen. Im Saal ist es denkbar, dass mindestens eine von zwei Reihen und jeder zweite Sitzplatz frei bleibt (ausser für Paare und Familien), aber dies würde zu einem erheblichen Rückgang der Einnahmen führen. Andererseits würde in diesem Fall die Grösse des Saals drastisch reduziert, so dass beispielsweise Sinfoniekonzerte und Opernaufführungen gegebenenfalls weit unter der verhängnisvollen Schwelle von 1000 Personen bleiben könnten. Auf der Bühne wird die Entfernung zwischen den Musikern noch beunruhigendere Folgen haben: Zunächst einmal wird man sich daran gewöhnen müssen, mit mehr Abstand zu spielen und dem Stimmführer aus grösserer Entfernung zu folgen. Jeder Streicher wird ein eigenes Notenpult haben (können wir auf das Verständnis der Verleger zählen, wenn ein Teil des gemieteten Materials entsprechend reproduziert werden muss?) und die Seiten selbst umblättern müssen.

Es kann sein, dass Programme geändert werden müssen, um Werke auszuschliessen, die eine im Verhältnis zur Bühnengrösse zu hohe Anzahl von Mitwirkenden erfordern. Mahlers Sinfonien u.a. werden wahrscheinlich weniger oft zu hören sein. Eine solche Situation wäre für die Zuzüger sehr besorgniserregend, da sie weniger Engagements bekommen würden. In der Oper wird die geringe Grösse des Orchestergrabens gewiss nicht dazu beitragen, Lösungen zu finden, es sei denn, einige der Musiker haben Plätze in den Loggien, während die Regisseure einen Weg finden müssen, die Chorsänger auseinanderzustellen und die Distanz zwischen den Protagonisten glaubwürdig zu machen. Zumal die Speicheltröpfchen, die das Coronavirus verbreiten kann, beim Singen weiter weggeschleudert werden und für eine gute Weile in der Luft (Aerosole) schweben – die Berliner Domkantorei, in der drei Viertel der 80 Sängerinnen und Sänger nach einer Probe infiziert wurden, hat dies bitter erfahren. Was ist mit Blasinstrumenten? Während das Institut für Musikmedizin in Freiburg im Breisgau in Zusammenarbeit mit den Bamberger Symphonikern in einer Studie nachgewiesen hat, dass die Luft nicht über einen Meter beeinträchtigt wird, empfiehlt die Deutsche Orchestervereinigung (DOV) eine grössere Distanzierung als bei den Streichern.

Zu erwägende Massnahmen

Das von der Arbeitsgruppe Gesundheit und Prophylaxe der DOV ausgearbeitete Dokument schlägt einen langen Katalog praktischer Massnahmen vor, um die Wiederaufnahme von Proben und Konzerten mit den Erfordernissen des Gesundheitsschutzes zu verbinden, der sich im Einklang mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen und praktischen Erfahrungen weiterentwickeln wird. Während einige Vorschläge aus akustischer Sicht (kann beispielsweise die Belüftung während des Konzerts eingeschaltet bleiben, wenn sie, gelinde gesagt, störende Hintergrundgeräusche erzeugt?) oder aus künstlerischer Sicht (z.B. Arrangements von Operetten oder Opern für eine kleinere Anzahl von Personen) fragwürdig sein mögen, sind viele Vorschläge anwendbar und vernünftig: Reihenfolge des Auf- und Abtritts der Instrumentalisten, Wechsel der Kleidung zu Hause, Anpassung der Umkleiden des Orchesters (nicht immer ausreichend geräumig) und vieles mehr. Das Tragen einer Maske wird ebenfalls empfohlen, auch wenn sie für Holz- und Blechblasinstrumente angepasst werden müssen. In der Schweiz wird zur Zeit ein Schutzkonzept erarbeitet, das aus einer Zusammenarbeit zwischen Orchester.ch, dem Schweizerischen Bühnenverband, dem Schweizerischen Verband technischer Bühnen- und Veranstaltungsberufe und der Sicherheitsbehörde NSBIV AG hervorgeht. Dieses sehr detaillierte Konzept wird alle Aspekte der verschiedenen Vorstellungen nach dem Vorbild eines grossen Mehrspartentheaters umfassen, vom Aufbau bis zu den Reinigungsarbeiten, vom Sekretariat bis zur Beleuchtung und natürlich dem Orchester.

Ein weiteres zu bewältigendes Problem: die Ankunft und Abreise der Besucherinnen und Besucher. Der Fluss kann kanalisiert werden, aber um zu vermeiden, dass man aneinander vorbeigehen muss, um einen Sitzplatz zu finden, darf er nicht zugewiesen werden, sondern nur die Reihe oder Kategorie, die auf dem Ticket festgelegt ist. Dies erfordert auch ein hohes Mass an Disziplin am Ende des Konzerts oder der Aufführung und kann auch die Abschaffung der Garderobe erfordern. Müssen bei dieser Gelegenheit Pausen gestrichen werden, um eine zu grosse Nähe zu vermeiden, insbesondere wenn das Foyer nicht gross genug ist? Auf jeden Fall ist es schwierig, dem Publikum während der Aufführung einer langen Oper nicht zu erlauben, sich die Füsse zu vertreten.

Fragen für die Zukunft

Zu den noch unbekannten Parametern gehören die Reaktionen des Publikums in dem Moment, an dem Konzerte wieder erlaubt sein werden. Wird die Altersgruppe, die durch Covid-19 am meisten gefährdet ist und die in den Abonnementskonzerten von Orchestern oft am stärksten vertreten ist, schnell zurückkehren oder warten, bis das Risiko endgültig beseitigt ist? Welche kurz- und langfristigen Auswirkungen wird das neue kostenlose Streamingangebot im Internet haben? Wird es die kulturellen Gewohnheiten der Musikliebhaber verändern, wenn man Aufnahmen von Orchestern aus aller Welt hören kann, ohne das Wohnzimmer verlassen zu müssen? Werden die Orchester in diese Nische investieren, indem sie digitale Live- und bezahlte Konzerte anbieten? Werden diese ausreichend erfolgreich sein, oder wird sich das Publikum zu sehr daran gewöhnen, nichts zu bezahlen? Trotz der Befürchtungen ist nach wie vor zu erwarten, dass das Erleben von Live- und nicht-digitaler Musik sowie der soziale Kontext des Konzerts, wenn es die Umstände erlauben, nicht mehr unter der durch die Pandemie verursachten Situation leiden sollten als unter der Konkurrenz von im Fernsehen übertragenen Konzerten oder den unzähligen bereits auf Plattformen wie YouTube verfügbaren Videos.

Diese Krise hat viele verborgene oder vernachlässigte Themen in vielen Bereichen, auch in der Musikwelt, ans Licht gebracht. Sollten die besonders hart betroffenen Freischaffenden nicht von einem solideren Status profitieren können? Allgemeiner gefragt: Welcher Platz wird Kunst- und Kulturschaffenden eingeräumt, wenn sie in dieser Zeit noch unentbehrlicher sind? Was wäre der Lockdown ohne den Zugang zu aufgenommener Musik, Literatur, Filmproduktionen gewesen?

Da sich die Bedingungen verstärken, die das Entstehen von Infektionskrankheiten wie Covid-19 ermöglichen, insbesondere durch die Zunahme des anthropogenen Drucks auf viele Ökosysteme und die Geschwindigkeit und Dichte des Flugverkehrs, scheint es, dass wir in Zukunft mit einer zunehmenden globalen Ausbreitung von Krankheitserregern zu rechnen haben. Werden sie ebenso ansteckend und gefährlich sein? Müssen wir mit neuen grossen Krisen wie in diesem Jahr rechnen? Werden solche aussergewöhnlichen Massnahmen in anderen Krankheitsfällen wiederholt, zum Beispiel bei einer besonders virulenten saisonalen Grippe? Es wird sich zeigen.

 

Wir hatten geplant, als Kontrapunkt zum Thema der SMZ in diesem Monat einen Artikel über Orchester und Klimaschutz zu schreiben. Die aktuellen Ereignisse zwingen uns, dieses Thema aufzuschieben, obwohl die Folgen der Klimakatastrophe und der Luftverschmutzung (letztere verursacht derzeit jährlich weltweit mehr als eine Million Todesfälle, davon 2200 in der Schweiz nach Angaben des Bundesamtes für Umwelt oder 5500 nach Angaben der Europäischen Umweltagentur) bereits jetzt und vor allem kurz-, mittel- und langfristig viel schrecklicher und katastrophaler sind und sein werden als die derzeitige Pandemie.

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