Wie schwierig eine Musikerexistenz im ausgehenden 19. Jahrhundert sein konnte, schildert eine Broschüre des Bratschenprofessors Hermann Ritter. 

Orchestermusiker? – nein danke!

Daniel Lienhard, 25.06.2020

Wie schwierig eine Musikerexistenz im ausgehenden 19. Jahrhundert sein konnte, schildert eine Broschüre des Bratschenprofessors Hermann Ritter.

Als Folge der Corona-Krise treten so viele Musikerinnen und Musiker dem SMV bei wie seit langem nicht mehr. In einer schwierigen Situation möchten offenbar viele von einer starken Gewerkschaft vertreten werden, die dem Gewerkschaftsgedanken bisher keine so grosse Bedeutung beigemessen haben.

Wie die Verhältnisse im Musikleben in Deutschland am Ende des 19. Jahrhunderts ausgesehen haben, erfahren wir durch die 1901 erschienene Broschüre Über die materielle und soziale Lage des Orchestermusikers von Hermann Ritter (1849-1926). Ritter war ein berühmter Bratschist und Professor an der königlichen Musikschule in Würzburg, der sich auch als Komponist und Musikhistoriker einen Namen machte. Ein Treffen mit dem städtischen Kapellmeister von Würzburg, der ihm darlegte, warum er seinem Sohn auf keinen Fall zu einer Musikerlaufbahn raten würde, führte dazu, dass Ritter grundlegende Überlegungen anstellte, ob man einem jungen Menschen den Musikerberuf empfehlen könne oder nicht. Er schreibt: «Ich selber, der als Musiker eine Ausnahmestellung erreichte, die unter Tausenden nur einem beschieden ist, beziehe erst mit 50 Jahren ein Einkommen von etwas über 3000 M., das gerade ausreicht, um in einer Mittelstadt Deutschlands bescheiden leben zu können, manchmal allerdings auch nicht.» Laut dem deutschen Statistischen Bundesamt entspricht die Kaufkraft einer Mark von 1900 € 6,70 im Jahr 2018.

Die Orchestermusiker, schreibt Ritter, die eine Stelle in einem der hervorragenden städtischen Orchester oder in einem Hoftheaterorchester bekommen konnten, seien «für’s Leben geborgen, wenn auch nicht auf Rosen gebettet. Wenigen aus der ungeheueren Schar der Orchestermusiker ist ein solches Los beschieden, herauszukommen aus dem niedrigen Treiben musikalischer Ausübung.» Schon damals gab es bis zu hundert Bewerber für eine freie Stelle. Die Orchester bezahlten – wie heute – sehr unterschiedliche Löhne von unter 1100 Mark im Jahr in Coburg-Gotha bis zu 3600 Mark in Berlin, mit weiteren Spitzenbesoldungen um die 3000 Mark in München und Leipzig. Mit dem «niedrigen Treiben» sind Hochzeiten, Kindstaufen, Bälle, Tanzvergnügungen oder die Tätigkeit in einem Kurorchester gemeint, die relativ vielen Musikern Arbeit mit sehr geringer Bezahlung verschafften.

Kartoffelschälen statt Instrumentalunterricht

Junge Orchestermusiker wurden gnadenlos ausgenützt. Im Allgemeinen lernte man den Beruf in einer sogenannten «Stadtpfeiferei». Die Lehrlinge sollten dort Unterricht erhalten und gleichzeitig praktische Erfahrungen sammeln. Die Hauptbeschäftigung war die Tanzmusik auf den Dörfern, «wo sie nächst den bedeutenden Anstrengungen auch die schlechte Luft während ganzer Nächte einatmen müssen und Gespräche hören und Handlungen sehen, welche dem Ohre und Auge solch junger Menschen noch vorenthalten sein müssten.» Zur Ausbildung gehörte offenbar auch die Anleitung zum Biertrinken, zum Zigarrenrauchen und Kartenspielen und die Verwendung zum Kartoffelschälen, Holzhacken und Stubenreinigen, während der Instrumentalunterricht oft zu kurz kam.

Reisende Orchestermusiker litten besonders unter der Ausbeutung durch Konzertveranstalter. Eduard Strauss, kaiserlicher und königlicher österreichischer Hofball-Musikdirektor, bereiste 1892 mit seiner Kapelle aus 42 Musikern Deutschland. In 40 Tagen wurden 30 Städte bereist. Trotz stets voller Säle bezahlte Strauss durchschnittlich nur etwas über 5 Mark pro Tag, «dafür muss der Musiker täglich im Gasthause wohnen und essen, und Verheiratete müssen davon noch zu Hause ihre Familie erhalten.» Strauss pflegte sich gegenüber den Musikern äusserst autoritär zu benehmen. Nach Abschluss der Reise hatte er um die 50'000 Mark verdient, «die Mitglieder aber stehen da, haben leere Taschen, abgenützte und zerrissene Kleider und von der ganzen Reise weiter nichts als den einen Trost, dass sie sich als Gepäck- oder Kofferträger vollständig ausgebildet haben.»

Mangelnde Solidarität

Ritter schliesst mit dem vernichtenden Résumé: «Der Beruf eines Musikers hat mehr Schatten- als Lichtseiten. So schön es ist, Musik als Dilettant […] zu treiben, so schwer, so sorgenvoll und hässlich ist es, mit der Musik sein Brot, seinen Lebensunterhalt verdienen zu müssen.» Er schildert auch das Los von Orchestermusikern, die aufgrund von Krankheit ihre Stelle verlieren: «Bei Dienstunfähigkeit des Orchestermitgliedes, welche durch Krankheit von längerer Dauer als zwei Wochen […] hervorgerufen wird, steht dem Kapellmeister (oder Direktor) das Recht zu, den Vertrag zu lösen. Nun sitzt der Ärmste auf der Strasse, wenn er nichts weiter hat als sein Instrument und sein bisschen Kunstfertigkeit. Nehmen sich seiner nicht Privatmenschen an, wenn er keine Verwandten haben sollte, so ist es meist traurig um einen solchen Menschen bestellt.»

Für die Zukunft empfiehlt er: «Hätten die Musiker und Schauspieler die Solidarität der Arbeiter, dann hätten sie schon längst das erreicht, was ihnen billigerweise zukommen muss. Aber Künstlerneid und persönliche Eitelkeit, diese Schmarotzer am Leben des Künstlerstandes, lassen eine Solidarität bis jetzt nicht aufkommen.»

Heute ist es eine Selbstverständlichkeit, dass Musikerinnen und Musiker gewerkschaftlich organisiert sind. Der SMV konnte in der Schweiz die Arbeitsbedingungen erheblich verbessern. Neue Herausforderungen kommen auf den Verband zu, wie zum Beispiel die Auswirkungen der Corona-Krise, aber der Beruf der Orchestermusikerin oder des Orchestermusikers hat wesentlich an Attraktivität gewonnen.

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Hermann Ritter (1849-1926)

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