Wie leben Musikerinnen und Musiker, die SMV-Mitglieder sind, in dieser Periode der Einschränkungen aufgrund der Pandemie? Ein Interview mit der Oboistin Valentine Collet. 

Projekte weiterverfolgen

Laurent Mettraux; Übersetzung: Daniel Lienhard, 27.05.2021

Wie leben Musikerinnen und Musiker, die SMV-Mitglieder sind, in dieser Periode der Einschränkungen aufgrund der Pandemie? Ein Interview mit der Oboistin Valentine Collet.

Valentine Collet wurde in Genf geboren und studierte an der Musikhochschule ihrer Heimatstadt, anschliessend in Basel, Mannheim und Paris. Sie erwarb das Lehr-, Konzert- und Orchesterdiplom und machte ausserdem einen Masterabschluss in zeitgenössischer Musik (Internationale Ensemble Modern Akademie in Frankfurt am Main). Zusätzlich nahm sie auch an Orchesterakademien in Biel, Basel und am Lucerne Festival teil. Seit 2009 ist sie Mitglied des Orchestre de chambre fribourgeois (OCF). Als Gast spielt sie auch in zahlreichen anderen Orchestern und Ensembles wie dem Orchestre de la Suisse Romande und Contrechamps. Sie unterrichtet Oboe an den Musikschulen in Genf (2015-2021) und Freiburg (seit 2017).

Wie erleben Sie dieses Jahr der Lockdowns und der Einschränkungen?

Valentine Collet : Das schwierigste für mich ist, in grossen Zeiträumen zu denken und Projekte weiterzuverfolgen, auf die ich meine Energie konzentrieren will, um die Lust, etwas in Bewegung zu setzen, zu behalten und mich nicht gehen zu lassen. Wenn ich an das verflossene Jahr zurückdenke, erinnere ich mich an den ersten Schock, der zwar schlimm war, aber eine intensive Überlebensenergie hervorrief. Nachdem die Enttäuschung über die ersten abgesagten Konzerte vorüber war, haben die anfängliche Überraschung über den Lockdown und die ungewohnte Situation viele sehr interessante, originelle Ideen angeregt, neue Konzertformen und Möglichkeiten des musikalischen Austauschs, die halfen, den ersten Lockdown zu verdauen. Danach, zu Beginn des Sommers, kam Hoffnung auf, und ich dachte, dass unsere gemeinsame Anstrengung Früchte getragen hätte und dass jetzt bald wieder Normalität herrschen würde. Ich freute mich über die vielen schönen Projekte, die es mir erlauben würden, wieder mit Spass zu musizieren. Zu Beginn der neuen Saison liessen die Behörden eine Öffnung erahnen, und ich erinnere mich mit lebhafter Befriedigung an die Monate September und Oktober, an den Zauber, wieder spielen zu können, die Kollegen wieder zu sehen und daran, wie man sich bewusst wurde, wie sehr uns das alles während dieser Monate gefehlt hatte. Schöne Projekte nahmen wieder Gestalt an; die Spielzeit versprach, wunderbar zu werden. Dann kam die zweite Welle und die Gewissheit, dass diese Situation wirklich lange dauern würde… viel länger, als wir es glauben konnten. Jetzt dauert es schon ein halbes Jahr, dass wir nicht mehr zusammen spielen können. Es ist schwer, das zu akzeptieren: Musik zu machen ist unsere Leidenschaft, und es fehlt uns wahnsinnig. Dadurch, dass diese schwierige Situation anhält und sich nicht verbessert, resignieren einige Kollegen und geben nach und nach ihren Beruf auf, was wirklich schmerzt. Dennoch, auf der anderen Seite, entstehen immer wieder schöne Sachen trotz der schwierigen Bedingungen. Der Kontakt zu den Kollegen bricht nicht ab, und auch nicht die gegenseitige Unterstützung, das Mitteilen von Erlebtem und der Austausch von Ideen. Das OCF, mein Orchester, arbeitet zum Beispiel nach wie vor an Projekten, obwohl sie an einem seidenen Faden hängen.

Welche Auswirkungen gab es im Rahmen Ihrer Unterrichtstätigkeit?

Im letzten Frühling hat uns der Distanzunterricht dazu gezwungen, uns pädagogisch neu zu erfinden und unsere Art zu unterrichten zu überdenken. Wir haben eine neue Art der Beziehung zu den Schülern entdeckt und uns mit den zur Verfügung stehenden technischen Hilfsmitteln vertraut gemacht. Die Schüler haben mehr als bisher gelernt, selbstständig zu arbeiten, während sich die Lehrer neue Unterrichtsmethoden erarbeiten mussten. Seit September – trotz der Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts – spürt man Auswirkungen auf die Schüler: Da keine Konzerte und keine Auftritte vor Publikum stattfinden, ist es, wie wenn der eigentliche Sinn, ein Instrument zu lernen, verloren gegangen wäre. Die Krise hat die Schülerzahlen für alle Instrumente sinken lassen und es ist schwierig, Werbung zu machen, weil wir nicht wie vorher die Möglichkeit haben, festliche Tage der offenen Tür zu veranstalten. Wir Lehrer mussten uns etwas einfallen lassen (zum Beispiel Gruppenproben, Ton- oder Bildaufnahmen), um einem Rückgang der Motivation entgegenzuwirken, der aber bei den Schülern trotzdem spürbar bleibt, da ihre musikalischen Aktivitäten eingeschränkt sind. Wir haben Projekte kreiert und uns Ideen ausgedacht, aber sie hatten keine richtige Resonanz und wirkten irgendwie künstlich. Trotz allem entstehen Projekte unter den Schülern, die sich mit der Entwicklung der Situation auch verändern. Es ist toll, diese Ausdauer und eine solche Lust, sich mit der Musik zu beschäftigen, mitzuverfolgen.

Welche Projekte nehmen Sie im Moment in Angriff?

Mit Lehrerkollegen habe ich dieses Jahr eine Gruppe gegründet, Ventum, die es sich zur Aufgabe macht, die Blasinstrumente einem jungen Publikum bekannt zu machen. Unser erstes Projekt ist eine Geschichte zum Mitmachen, die von Jacques Doutaz geschrieben wurde und von der Schauspielerin Céline Cesa erzählt wird. Wir beabsichtigen, diese Aufführung in möglichst vielen Schulen zu zeigen, im Kanton Freiburg und auch darüber hinaus. Die freiburgische Zweisprachigkeit erlaubt es uns auch, die Sprachgrenze zu überwinden. Ich selber bin eingeladen worden, im Juli 2021 in Charmey die Mitglieder des Schweizerischen Jeunesses Musicales Orchesters zu coachen. Dieses Orchesterlager, das seit bald 30 Jahren existiert, konnte leider letztes Jahr aufgrund der Pandemie nicht stattfinden. Dank des grossen Einsatzes der beiden neuen Leiter kann es dieses Jahr wieder losgehen, und ich bin sehr glücklich, daran teilnehmen zu können. Es ist wichtig, diese lokalen musikalischen Aktivitäten aufrecht zu erhalten, die für die jungen Musiker wertvoll sind. Sie sind unsere Zukunft, sei es als angehende Berufsmusiker oder als unser zukünftiges Publikum.
Ausserdem bin ich Mitglied in einem Oboenquintett, spezialisiert auf die zeitgenössische Musik, Many Many Oboes, das alle sieben Instrumente der Oboenfamilie spielt (Musette, Oboe, Oboe d’amore, Englischhorn, Baritonoboe, Lupophon und Barockoboe) und ihr Repertoire erweitert, in dem es Werke bei zeitgenössischen Komponisten in Auftrag gibt, da für diese Besetzung quasi kein Repertoire existiert. Wir mussten einige Konzertdaten absagen und bereiten jetzt kommende Konzerte vor. Für den Moment ist es das erste Mal, dass meine Agenda für die nächste Saison noch leer ist; alles wird noch für einige Zeit ein Geheimnis bleiben. Wir werden sehen, was uns die Zukunft bringen wird, aber ich hoffe wirklich sehr, wieder mit Musikern im Ausland in Austausch treten zu können und bei phantastischen Projekten mitzuwirken, wie ich es bis Anfang 2020 tun konnte.

Auf der Website des SMV finden sie verschiedene Videos, die dokumentieren, wie Musikerinnen und Musiker den Lockdown erleben.

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