Dass es dem Schweizer Musikjournalismus schlecht geht, ist nicht erst seit Covid-19 aktuell. Klar ist: Er wird verschwinden – doch wie taucht er wieder auf? 
Wohin des Weges, Musikjournalismus Schweiz?

Wohin des Weges, Musikjournalismus Schweiz?

Stoph Ruckli, 24.06.2020

Dass es dem Schweizer Musikjournalismus schlecht geht, ist nicht erst seit Covid-19 aktuell. Klar ist: Er wird verschwinden – doch wie taucht er wieder auf?

 

Während die Schweizer Musikszene trotz aller virenbedingter Unsicherheiten langsam aus dem Tief findet, driftet der hiesige Musikjournalismus immer weiter in dieses hinein – speziell im Online- und Printbereich. Zugespitzt könnte gefragt werden: Warum ist der Schweizer Musikjournalismus tot? Und wie beleben wir ihn wieder? Im Rahmen meiner Masterarbeit habe ich Fragen dieser Art rund 30 Schweizer Musikschaffenden, davon mehrheitlich Musikjournalistinnen und -journalisten, gestellt und versuche, einige Resultate grob zusammengefasst wiederzugeben.

Klare Probleme, vage Lösungen

Punkto der Probleme des Schweizer Musikjournalismus kam reichlich Feedback. Im Zentrum stehen allgemeine Mühsale der Medienbranche wie Finanzierungsprioritäten oder die verschlafene Digitalisierung – der Online-Kampf um Zeit und Aufmerksamkeit. Spezifisch auf den Musikjournalismus bezogen bilden das heutige Rollenverständnis vom Musikjournalismus (alias die verlorene Rolle der Selektion), fehlende Communitybildung – sowohl im Austausch mit Lesenden als auch untereinander –, die Entwicklung der Musikpromotion («Ist Musikkritik überhaupt noch erwünscht?») und die vernachlässigte Nachwuchsfrage Knacknüsse. Diese Herausforderungen sind jedoch keine Neuheiten. Im Internet lassen sich inzwischen diverse Artikel darüber finden. Interessanter ist die zweite Frage: Wie beleben wir den Musikjournalismus wieder? Die naheliegende Antwort: Erhöhung der monetären Mittel. Medienhäuser müssten wieder in Musikjournalismus investieren, aber auch Beiträge seitens der Kulturförderung wären eine Option. Kooperationen in den Bereichen Recherche oder die performative Darbietung von Musikjournalismus auf Podien, beispielsweise im Stile eines SRF Literaturclub, könnten auf analoger Ebene ebenfalls einen Impact haben.

Phänomenal digital

In der digitalen Welt bieten Kanäle wie Streaming- und Videoplattformen oder Online-Musikdienste Potenzial. Die Kuration von Playlists ist eine solche Idee, die bereits umgesetzt wird. Was der Schweiz zudem komplett fehlt, ist ein Musikpodcast. Videorezensionen könnten ebenfalls spannend sein – etwas, das der amerikanische Youtuber Anthony Fantano mit seinem Kanal The Needle Drop (2.2 Millionen Follower, Stand Juni 2020) seit 2009 so unspektakulär wie erfolgreich betreibt. Weiter werden Blogs als reizvoll empfunden. Deren Sterben (aktuell rawk.ch oder Negative White, Stand Juni 2020) und die ohnehin winzige Zahl sprechen aber eine gegenteilige Sprache. Nächste Option: Newsletter wie «Tonspuren» von Benedikt Sartorius. Der Aufbau von Musik-Influencerinnen und -Influencern wurde ebenfalls diskutiert, gerade die Sozialen Medien bieten hier haufenweise Nährboden für Ideen. Im Bereich der Community-Bildung bewirtschaften Jazz-Journalistinnen und -Journalisten vom SRF auf Facebook eine «Öffentliche Gruppe». Dort bringen oder holen sie Konzert- und Musiktipps sowie Inputs ein und diskutieren mit der Community. Die Frage bezüglich neuen Gefässen ist aber nicht eine, die nur den Journalismus betrifft. Verlage müssen ebenfalls aktiv miteinbezogen werden. Redaktioneller Content auf einer monatlichen Flatratebasis könnte beispielsweise eine Option sein, die vom Verlagswesen aufgebaut werden müsste. Und auf Bildungsebene könnte ein Studiengang «Digitaler Musikjournalismus» denkbar sein.

Community und Nische

Als eine der vielversprechendsten Initiativen wurde im Fragebogen der Relaunch von Norient genannt. Die Initiantinnen reden hierbei von einer audiovisuellen Galerie. Heruntergebrochen handelt es sich beim Konzept um einen internationalen Mix zwischen Think Tank, Community-Plattform und Magazin. Mit-Initiant Thomas Burkhalter, selber lange als Musik-Journalist tätig, aber auch als Musiker, Filmer und Wissenschaftler, verzeichnet sein Berufsfeld ohnehin nicht mehr in einem der ebengenannten klassischen Begriffe, sondern nennt es «Performing Music Research». Das ist denn ein Punkt, den der Autor auch in seiner Arbeit als Fazit gezogen hat: Das Subsystem «Musikjournalismus» muss neu erfunden werden und könnte in diesem Verlauf sogar einen neuen Namen erhalten. Die Zukunft liegt in der Community und in der Nische. Es braucht Reflektion in der Gruppe mit individuell-kritik- und lösungsorientierten Prozessen, neue Ansätze sowie Finanzierungsoptionen, die über das aktuelle System hinausgehen. Beispiele wie Fabi Reyna, Pablo Held oder Ethan Iverson zeigen zudem, dass auch Musiker*innen mit ihrem multifunktionalen Verständnis Musikjournalismus betreiben könnten respektive stärker in den Austausch einbezogen werden sollten, ebenso wie die Musikpromotion oder andere Bereiche. In die Verantwortung müssen denn schlussendlich alle Parteien im Bereich der Musik genommen werden, von Verbänden bis Förderinstitutionen, denn dort fällt der Musikjournalismus immer wieder durch die Bretter. Dieser stark zusammengefasste Text ist denn auch keine abschliessende Erkenntnis, sondern soll Taten anstossen: Wo fangen wir an?

SONART - Musikschaffende Schweiz

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Zum Autor

Stoph Ruckli ist ein austro-schweizerischer Musiker, Musikkritiker, Musikfanatiker. Alle weiteren Informationen hier: stophruckli.com