Den Augenblick 
festhalten, verweilen

Den Augenblick 
festhalten, verweilen

Thomas Meyer , 06.03.2013

Der Komponist Hans Ulrich Lehmann, der ehemalige 
Präsident des STV, starb 
am 26. Januar im Alter von 
75 Jahren.


«Silence is a looking bird, the turning edge of life» heisst es in einem Gedicht von E.E. Cummings, das Hans Ulrich Lehmann in seinem späten Vokalzyklus silences von 2008/9 vertont hat. Cummings war der Dichter, der immer wieder in Lehmanns Œuvre auftaucht, er war vielleicht ein Seelenverwandter. Beim Dichter fällt die ungewöhnliche Darlegung des Texts auf, die versponnene und verschachtelte, aufs erste kaum verständliche graphische Verteilung der Worte aufs Blatt, die ein still lesendes Entziffern verlangen und die dann oft einen sehr schlichten, starken emotionalen Inhalt preisgeben. Ähnliches trifft auf die Musik Lehmanns zu. Sie wirkt aufs erste sparsam, still, aufs notwendigste reduziert und manchmal sogar hermetisch, sie verlangt ein stilles, aufmerksames Hinhören, ganz dem Ohrenmerk des Moments zugewandt, und sie gibt dann eine starke Emotionalität preis, wendet sich sogar einer Sinnlichkeit oder einer Sehnsucht zu. Manchmal, selten kann sie heftig, ja wütend ausbrechen. Hans Ulrich Lehmanns Musik gehört zum Innigsten, was hierzulande je komponiert wurde, aber sie macht kein Aufhebens davon. Sie besteht fernab von den Mechanismen des Musikbetriebs, ohne Konzession an das, was man so macht.


Ein grosses Œuvre ist so im Lauf der Jahrzehnte entstanden, viele oft kleinformatige Werke enthaltend. Hans Ulrich Lehmann, geboren am 4. Mai 1937 in Biel, ausgebildet zum Cellisten in Biel sowie in Musiktheorie in Zürich, erhielt die wichtigsten kompositorischen Anregungen 1960-63 in den Meisterkursen, die Pierre Boulez und Karlheinz Stockhausen in Basel gaben. Es war eine Schule, die ihn prägte und von der er sich auch wieder befreien musste. Bald schon löste er sich von den Systemen und fixen Methoden und fand zu einer eigenen Tonsprache; sie sprach in feinen Gesten, mit zuweilen kaum hörbaren Nuancen des Ausdrucks, mit ungeahnten Klängen und Geräuschen und subtilen Farbmischungen. Seine Musik wirkte dabei nicht ertüftelt, sondern natürlich gestaltet, sie war nicht bloss genau ausgehört, sondern Ausdruck, starker Ausdruck, «innere Glut», wie Rudolf Kelterborn einmal sagte.


Er war ein vorzüglicher Lehrer. Seinen Studenten am Musikwissenschaftlichen Seminar der Universität Zürich und am Konservatorium Zürich bleibt die Genauigkeit und Begeisterung, aber auch die zuweilen ironische Distanz in Erinnerung, mit der er sie in die Neue Musik einführte. Hans Ulrich Lehmann übernahm auch offizielle Aufgaben im Schweizer Musikleben und setzte sich dabei auch für die zeitgenössische Musik ein. Von 1983 bis 86 wirkte er als Präsident des STV, dessen Ehrenmitglied er 1989 wurde. 1976 wurde er Direktor von Konservatorium und Musikhochschule Zürich und blieb in diesem Amt bis 1998. Von 1991 bis 2011 war er ausserdem Präsident der SUISA. 1973 erhielt er den Musikpreis der Conrad Ferdinand Meyer-Stiftung, 1988 den Komponistenpreis des Schweizerischen Tonkünstlervereins, 1990 den Kunstpreis der Stadt Zollikon und 1993 den Kunstpreis der Stadt Zürich. Am 26. Januar dieses Jahres ist er – viel zu früh – im Spital Zollikerberg nach langer schwerer Krankheit gestorben.


Es gehe ihm um eine Musik, die in ihren besten Momenten den Augenblick festhalten und zum Verweilen bringen könne, um eine Musik, die sich in eben diesem Augenblick erfülle.

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