«Unsere Zeit braucht dringend Solidarität!»

«Unsere Zeit braucht dringend Solidarität!»

Interview: Thomas Meyer, 05.09.2013

Nach sechs Jahren Präsidium tritt Matthias Arter von seinem Amt zurück.


In den sechs Jahren seiner Präsidentschaft hat sich einiges im STV verändert. 


Matthias Arter, Welches ist Dein Fazit? Wie siehst Du die Situation des Vereins?


Einige Veränderungen kamen von innen heraus: Wir modernisierten unsere Informationspolitik (Newsletter, monatliche Seiten in der SMZ), gehen aktiver auf die Mitglieder zu und möchten damit verstärkt ein «Wir-Gefühl» schaffen. Die Situation des STV ist nämlich nicht einfach und verlangt ein grosses Mass an Idealismus und Solidaritätsdenken. 


Andere Veränderungen wurden und werden von aussen beeinflusst: Seit 1999 gibt es in der Bundesverfassung einige Artikel zur Kulturförderung, und deswegen wurde ein Kulturförderungsgesetz entwickelt, das 2012 in Kraft getreten ist. Die Kompetenzen sind nun recht klar geregelt, nur ist es – aus meiner Sicht leider – ein Kulturverwaltungsgesetz geworden. Die wichtigsten Dossiers sind gut unterwegs, insofern kann ich ein positives Fazit ziehen, aber die Subventionskürzungen dieses Jahres bedeuten einen grossen Einschnitt für den Verein.


Für die Tonkünstlerfeste wurden neue Wege der Kooperation gesucht. Hat sich das bewährt? Welches sind Deine Erfahrungen?


Wenn man jedes Jahr an einem anderen Ort in der Schweiz ein Musikfestival veranstaltet, hat man logischerweise ein Problem: man kann kein Stammpublikum generieren. Unsere Mitglieder sind vielbeschäftigte Leute und finden in der engeren Umgebung eine lebendige Musikszene vor, reisen also für ein Tonkünstlerfest nicht unbedingt durch die halbe Schweiz. Wir betrachten die Tonkünstlerfeste deshalb als eine Förderung der Schweizer Musik und nicht als eine Dienstleistung an unsere Mitglieder. Die Erfahrungen der letzten Jahre waren durchwegs positiv: sowohl Festivals mit einem umfassenden (und auch konventionellen) Angebot wie das Lucerne Festival oder das Musikfestival Bern als auch Neue-Musik-Festivals (wie etwas das Archipel) waren interessante und offene Koproduktionspartner.


Und welches waren für Dich die STV-Highlights in diesen sechs Jahren?


Es waren einerseits einige arbeitsintensive Dossiers, die wir zu einem guten Resultat führen konnten: Das Tonkünstlerfest am Lucerne Festival (2010), die Neukonzeption der dissonance, der Beitritt zur SMZ oder die Produktion der letzten CD der «Série experimentale» («ombres d'orgue»). Es gab aber auch ganz spezielle Momente durch Begegnungen mit besonderen Menschen, von denen ich diejenige mit Hugues Cuénod hervorheben möchte: Ich besuchte ihn zusammen mit dem Geschäftsführer Csaba Kézér kurz nach seinem 108. Geburtstag, und wir erlebten einen humorvollen, vergnügten Menschen mit einem grossen Erinnerungsvermögen und einer unglaublich positiven Ausstrahlung.


Wie steht es bei den Mitgliedern? Hat sich da der Kontakt verändert? Gibt es dort andere Erwartungen an den Verein?


Die offensivere Informationspolitik hat sicher über die Jahre dazu geführt, dass unsere Arbeit stärker wahrgenommen wird und der Vorstand und die Geschäftsstelle weniger im Stillen und im Verborgenen agieren. Zusätzliche Erwartungen werden ganz selten formuliert, wir arbeiten von uns aus schon an sehr vielen Dossiers, vielleicht sogar an zu vielen, und glücklicherweise erhalten wir dafür auch des öfteren Anerkennung von aussen.


Die wirtschaftliche Lage ist in den letzten Jahren auch hierzulande für Musikerinnen und Musiker nicht einfacher geworden, des öfteren sind wir mit Austrittswünschen konfrontiert, die von der Frage ausgehen: «Was bringt mir der Verein für den Betrag, den ich bezahle?» Ich erlaube mir nach sechs Präsidialjahren hier einen Wunsch an die Mitglieder zu formulieren, nämlich diese Frage doch bitte umzukehren: «Was kann ich dem Verein bringen, was über den Jahresbeitrag hinausgeht?». Unsere Zeit braucht dringend Solidarität und Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der doch ziemlich kleinen Familie «Neue CH-Musik».


Wo siehst Du den weiteren Weg des STV? Wo liegen die Herausforderungen?


Das Erreichen von zukünftigen (potenziellen) Mitgliedern ist eine der wichtigsten Aufgaben, die weiter intensiviert werden sollte. Nur wenn die «Familie» kontinuierlich wächst, kann sie auch in Zukunft aus einer Position der Stärke heraus agieren und so wahrgenommen werden. Es fällt mir nicht einfach, die neue Subventionssituation als Chance zu sehen. Ein Drittel weniger Geld führt zu Einsparungen, die zeitlichen Ressourcen im Sekretariat sind zu klein für alle Aufgaben, die wir in den letzten Jahren erfüllt haben. Es ist durchaus eine Herausforderung, sich entweder für eine klare und logische Reduktion der Aufgaben zu entscheiden, oder aber da und dort mit gesteigerter Effizienz und noch mehr Gratisarbeit (beispielsweise des Präsidenten und des Vorstandes) in die Zukunft zu gehen.

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