Wir stehen für eine lebendige Kunst ein!

Wir stehen für eine lebendige Kunst ein!

Interview: Laurent Mettraux (Übersetzung: Thomas Meyer), 05.12.2013

Der neugewählte STV-Präsident William Blank beantwortet unsere Fragen.

Nachdem er eine Schlagzeugprofessur in Genf innehatte und erster Schlagzeuger des Orchestre de la Suisse Romande war, wurde William Blank 2001 zum Professor für Komposition, Orchestration, Analyse und zeitgenössische Kammermusik an der Musikhochschule von Lausanne (HEMU) ernannt. Ausserdem leitet er dort das Ensemble Contemporain. Musikalischer und künstlerischer Leiter des Namascae Lemanic Modern Ensemble, hat er ausserdem verschiedene Ensembles für zeitgenössische Musik dirigiert. Als Komponist veröffentlichte er etwa vierzig Werke, die mit grossem Erfolg aufgeführt wurden, unter anderem von Dirigenten wie Armin Jordan, Antoni Wit, Fabio Luisi, Pinchas Steinberg, Dennis Russell Davies, Pascal Rophé und Heinz Holliger.

Du gehörst bereits seit sechs Jahren dem STV-Vorstand an. Welche Entwicklungen könntest Du in dieser Zeit beim Verein feststellen?

William Blank: Jede Institution entwickelt sich den Menschen gemäss, die sie tragen, denn sie gestalten sie und nicht umgekehrt. Unser scheidender Präsident Matthias Arter hat mit seiner starken und brillanten Persönlichkeit einige unvermeidliche Veränderungen in die Wege geleitet – auf bemerkenswerte Weise, wenn man die kolossale Arbeit bedenkt, die einem dieses Amt auferlegt, und die Grösse des Teams, das sie zu leisten hat: ein ehrenamtliches Komitee mit seinem Präsidenten und eine kleine Verwaltung von drei Mitarbeitern, mit einzelnen sehr kleinen Teilzeitpensen. Wenn ich die Bilanz der letzten sechs Jahre ziehe, scheint es mir – um nur ein Beispiel zu nennen –, dass es uns gelungen ist, den STV (wieder) sichtbar in der Schweizer Musikszene zu platzieren, besonders durch die vollständige Umgestaltung der Tonkünstlerfeste, die nun in Zusammenarbeit mit verschiedenen Festivals wie Luzern und Genf durchgeführt werden. Die beiden nächsten Feste, die 2014 bei den Jardins Musicaux de Cernier und 2015 in Basel stattfinden, bestätigen diese Tendenz. Im Französischen haben wir nun definitiv die alte Bezeichung Fête des Musiciens Suisses über Bord geworfen und durch Journées de la création musicale suisse ersetzt, was auch eher dem entspricht, was wir tun. Das ist wohlverstanden nur die Spitze des Eisbergs, aber da wir in einer Zeit leben, in der die Qualität der Kommunikation wesentlich ist, hat dieser Aspekt, so glaube ich sagen zu dürfen, unserem Verein doch zu einer grösseren Visibilité verholfen. In diesen letzten Jahren hat sich auch unsere CD-Reihe Grammont erweitert, auch das mit einem neuen, weniger strengen Erscheinungsbild als früher. Und schliesslich fällt mir auf, dass ich diese Präsidentschaft mit einem fast völlig erneuerten Vorstand in Angriff nehme, der ein viel tieferes Durchschnittsalter hat, so dass ich nun eigentlich der Veteran bin.

Welche wichtigen Projekte möchtest Du während Deiner Präsidentschaft angehen?

Es gibt ihrer viele, und es mangelt weder an der Arbeit noch an den Baustellen. Eines meiner Hauptanliegen betrifft das Internet, vor allem Musinfo, die Datenbank für Schweizer Musik. Hier muss weitaus mehr investiert werden. Verdienstvollerweise existiert dieses Portal ja schon, und es erleichtert – in drei Sprachen – den Zugang zu vielen Informationen über Komponisten und ihre Werke, über Interpreten und Ensembles zeitgenössischer Musik. Aber die Informationen veralten schnell auf künstlerischem Gebiet, und die Frage nach der Aktualisierung einerseits und der Suchmaschine andererseits ist entscheidend. Das Referenzmodell hierbei ist für mich die mit dem IRCAM verbundene Datenbank BRAHMS. Wir müssen also in den drei kommenden Jahren unbedingt die nötigen Mittel finden, um Musinfo zu aktualisieren und zu modernisieren und daraus ein leistungsstarkes und spielerisches Werkzeug für die Zukunft machen. Die Schweizer Musikszene ist eine der vielfältigsten von ganz Europa, sie verdient also ein ansehnliches Schaufenster.

In einem ganz anderen Bereich ist es für mich ebenfalls vorrangig, neue Mitglieder anzuwerben, denn die Jungen mögen Vereine nicht (oder nur sehr wenig), und ich spüre, dass unser Modell veraltet ist. Wie also können wir die sozialen Medien einbeziehen und doch unsere Qualitätsansprüche wahren? Vor allem: Wie wollen wir unser «Kollektiv» STV erneuern? Das sollte Gegenstand vertiefter Überlegungen sein, denn es geht um das Weiterbestehen unseres Vereins. Übrigens wurden kürzlich einige Aktionen unternommen, so die Umgestaltung unserer Homepage oder das Verteilen von Werbeflyers bei den Hochschulstudierenden, aber das ist erst ein Anfang. Der dritte und nicht unwichtigste Punkt ist, die Kosten für dissonance in den Griff zu bekommen und den Gönnerverein zu stärken. Schliesslich werde ich darüber nachdenken, ob wir die eine oder andere, manchmal «historisch gewachsene» Aktivität beibehalten müssen, ich werde nach Strategien suchen, wie wir die Unterstützung von Konzerten mit Musik unserer Komponisten verstärken können, oder, in einem anderen Bereich, die Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Kultur (BAK) anstreben, das ab kommendem Jahr auch einen neuen Musikpreis ausrichten wird. Aber es gibt noch einige Punkte, die das Menu für die kommenden Jahre ergänzen. Diese Aufzählung ist bei weitem nicht erschöpfend.

Wie schätzest Du die Situation der Musik allgemein und der zeitgenössischen Musik im Besonderen ein?

Die beiden Situationen sind aus zahlreichen Gründen aufs engste miteinander verbunden, und es ist klar, dass es sich um ein zu breites Thema handelt, als dass wir darauf im Rahmen dieses Interviews vertieft eingehen könnten. Um es vereinfacht zu sagen: Im Westen verliert die klassische Musik ständig an Boden, und das ist auch ein wenig das Barometer für die zeitgenössische Musik: Ohne die Möglichkeit, die Infrastrukturen klassischer Institutionen (Säle, Material, technisches Equipment, Instrumente) zu nutzen, wären wir kaum in der Lage, zeitgenössische Musik zu produzieren. Ich denke also, dass wir dafür Sorge tragen müssen. Ich erinnere mich zum Beispiel an den «Kollateralschaden», den die Probleme des Musikzentrums des holländischen Radios schufen (das drei Sinfonieorchester und eine Chor trägt und das ernsthaft von der Schliessung durch die Regierung bedroht ist): das Nieuw Ensemble, ein Ensemble für zeitgenössische Musik, das seit dreissig Jahren zu den bekanntesten in Europa zählt, verlor dabei endgültig die Subventionen und steht nun ohne Proberaum da. Das wohlverstanden einzig aus Kosten- und Rentabilitätsgründen. An diesem Punkt sind wir nun angelangt!

Die Musik, für die wir im STV einstehen – zeitgenössische komponierte und improvisierte Musik – ist eine lebendige und entschieden der Kreativität zugewandte Kunst. Jedes neue Werk enthält ein Risiko, weil seine Realisation vielfältige Mittel und hochprofessionelle Kompetenz erfordert. Im Fall der Ensemble- und Orchestermusik sowie der Oper sind die dafür nötigen Infrastrukturen extrem kostspielig, und sie stehen eigentlich in einem Missverhältnis zum Publikum, das damit erreicht wird. Die Konzerte «bringen» also finanziell nichts oder sehr wenig. Da nun aber heute der einzige Referenzpunkt der Geldwert einer Sache ist, der über den Preis entscheidet (und damit über den künstlerischen Wert, der mit diesem Preis in Beziehung gesetzt wird), stecken wir in einer Sackgasse. In unserem guten alten Europa, der Garantin klassischer Tradition, werden Orchester aufgehoben – eine unumkehrbare Entwicklung – und verschont werden dabei, wie wir gesehen haben, auch die zeitgenössischen Ensembles nicht. Die Schweiz bleibt davon wohlverstanden im Moment noch verschont, aber wir befinden uns global in einer fragilen und eminent politischen Situation, denn wenn die Budgets, die man unserer (von einigen als «elitär» bezeichneten) Musik zugesteht, beschnitten werden, würde man ganz klar riskieren, dass sich die Bedingungen des Musikerberuf verschlechtern, während auf der anderen Seite unsere Musikhochschulen aus dem Vollen schöpfen – das Paradox einer Gesellschaft, die auf der einen Seite herausragende Ausbildungen anbietet und sich auf der anderen Seite nicht um das Berufsfeld kümmert.

Um schon im voraus auf dieses Katastrophenscenario zu reagieren, versuchen viele Verantwortliche die Programme «aufzulockern», was (freilich nicht nur) die Neue Musik angeht: Sie bieten leichter zugängliche Werke an, die dafür geeignet sind, ein neues, möglichst jüngeres Publikum anzuziehen und zu unterhalten. Diese kurzfristige Lösung läuft, wie mir scheint, Gefahr, unser musikalisches Erbe dauerhaft zu schaden und an ihrem Lebensnerv zu treffen, denn es verhindert (das Phänomen wird sich noch verstärken) auch jene Werke, die noch zu bewegen und zu berühren wissen, die aber vor allem von einer gewissen geistigen Dimension zeugen – eine Qualität, die die Unterhaltungsmusiken, die sie ersetzen, im allgemeinen nicht bieten. Aber man sollte auch dem Platz Rechnung tragen, den eine wichtige und oft kultivierte Publikumsschicht (jene über sechzig) einnimmt und deren Leben sich ebenso verlängert, wie sich sein Appetit auf eine Kultur vergrössert, die nicht nur einen Reflex auf den um sich greifenden Jugendwahn bildet. Das ist übrigens das Publikum, das die zeitgenössische Musik am meisten liebt. Dagegen müssen wir unbedingt lernen, über die Werte, die wir schaffen, besser zu kommunizieren. Werbung nämlich ist die wichtigste Investition geworden – und zweifelsfrei bis auf weiteres auch die produktivste. Schämen wir uns also nicht unserer Kompetenzen, rücken wir sie ins rechte Licht, denn sie sind unsere Stärke, aber gehen wir nicht Richtung Nivellierung, durch die das Niveau unvermeidbar gesenkt wird.

Welches wird in diesem Kontext die Rolle des STV sein müssen?

Die (kleine) Rolle, die der STV im aktuellen Kontext spielen kann, wird sich mit meiner Präsidentschaft nicht verändern, aber gewisse Aspekte müssen neu überarbeitet werden: Wir werden versuchen, uns vermehrt in die Domaine der Kulturpolitik einzubringen, wir werden neue Finanzquellen aktivieren, nach neuen Partnern suchen und versuchen, unsere Visibilité durch eine überdachte, attraktivere Kommunikation auszuweiten. Wir werden Überzeugungsarbeit dafür leisten müssen, dass es nützlich ist, etwas zu unterstützen, was nicht der Marktlogik unterworfen ist und deshalb nicht diesem Denken gehorcht. Wenn wir dabei Erfolg haben, müssen wir zuallererst die Summen erhöhen, die der Schaffung und Aufführung neuer Schweizer Musik gewidmet sind, und das auch, wenn die Sirenen der Rentabilität an den Ohren derer widerhallen, die die Geldbeutel halten, denn unsere Mission bleibt vor allem (und dies trotz der Budgetkürzung durch das BAK, die uns einen Reinverlust von über 100'000 Franken pro Jahr beschert), die Neue Musik, koste es, was es wolle (man muss es in diesem Fall so sagen), zu verteidigen.
 

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William Blank

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