Musik der Dauern

Thomas Meyer , 04.07.2014

Auf wenige Töne gefasst sein darf, wer eine CD der Edition Wandelweiser hervornimmt, jenem einzigartigen, 1992 gegründeten Berliner Buch- und CD-Verlag, der von Antoine Beuger geleitet wird. Schweizer Komponisten wie Jürg Frey, Alfred Zimmerlin und Manfred Werder haben dort eine Heimat gefunden (vgl. den Aufsatz in der dissonance 124) – oder auch der aus Solothurn stammende Cellist und Komponist Stefan Thut. drei, 1-21 heisst das Stück von 2009, das Johnny Chang, Violine, Sam Sfirri, Melodica, und Jürg Frey, Klarinette, eingespielt haben. Die drei Musiker haben diese sehr offen gestaltete Partitur auch sehr offen interpretiert, dies auf Anregung des Komponisten, der eben nicht die Abbildung einer Live-Aufführung wünschte: So wurde jede « Partie » (wenige schlichte und gerade Töne in 21 Zeiträumen von drei Minuten) an einem anderen Tag und an einem anderen Ort aufgenommen. Danach wurden die Töne von Thut übereinandergelegt und zusammengesetzt. That’s it. Viel Stille zum Hineinhören.

Werke von Frey, Thut und Werder sind übrigens am 24. August bei Tonkünstlerfest zu erleben. Wandelweiser veröffentlicht aber auch Komponisten, die nicht zum engeren Kreis gehören. So tauchen jüngst Peter Streiff und Urs Peter Schneider, beide Mitglieder des Ensembles Neue Horizonte Bern, mit CDs auf: das ist durchaus in ihrer Radikalität wandelweisernahe Musik. Auf zwei CDs liegen Stücke von Peter Streiff vor: Vokales/Instrumentales mit diversen Interpreten einerseits, Klavierstücke, gespielt von Urs Peter Schneider, andererseits. Und da offenbart sich das apartig-abwegige, ja zuweilen Robert-Walser-hafte dieser Tonsprache in ihrer ganzen Eigentümlichkeit – aber auch das Andersdenken, das sanfte Gegen-den-Strich-Lesen, wie es Streiff pflegt.

Urs Peter Schneider stellt auf einer Doppel-CD je ein langes und ein kürzeres Werk je nach Paul Celan und Friedrich Hebbel einander gegenüber: die eine Hälfte mit der « Oper » Sternstunde und dem nachhaltigen Zeitgehöft für zwei Klaviere ist eine Reedition, die hier, nämlich symmetrisch, sinnvoll ergänzt wird. Neben dem kürzeren Hammondorgel-Stück Augenhöhe erscheint der Meridian für dreissig Ausführende aus den 70er Jahren, immer noch eines der unwahrscheinlichsten Stücke von Schneider: lang ausgehaltene, zum Teil glissende Klänge hinter Permutationen, das in Dauerblöcken als grandiose Zeitgestaltung über sechzig Minuten.

Stefan Thut: drei, 1-21; Edition Wandelweiser EWR 1308.
Peter Streiff: Vokal/Instrumental; EWR 1307; Klavierwerke; EWR 1401.
Urs Peter Schneider: Kompositionen 1973-1986; Zeitgehöft; Sternstunde; Meridian; Augenhöhe; EWR 1402/03.
 

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