Am 30. November feiert der grosse Schweizer Komponist Klaus Huber seinen 90. Geburtstag. 

Zum 90. Geburtstag von Klaus Huber

Thomas Meyer, 06.11.2014

Am 30. November feiert der grosse Schweizer Komponist Klaus Huber seinen 90. Geburtstag.

Aus einem Senfkorn nur erwuchs ein grosses Werk, durchaus im Sinn des biblischen Gleichnisses: 1975 hatte Klaus Huber ein zartes Kammermusikstück mit dem Titel Senfkorn geschrieben, musikalisch aufgrund Bachs Arie Es ist vollbracht (aus der Kantate BWV 159), textlich aufgrund der Weissagungen Jesajas und eines Psalms des nicaraguanischen Dichters und Priesters Ernesto Cardenal. Daraus entstand im Lauf der folgenden acht Jahre ein weitangelegtes Oratorium von über einer Stunde Dauer: Erniedrigt – Geknechtet – Verlassen – Verachtet… für Stimmen, Chor, Orchester und Tonbänder. Es erzählt von der entfremdeten Arbeit des Giessereiarbeiters Florian Knobloch, von den brasilianischen Slums, von den Bedingungen in US-amerikanischen Gefängnissen, vom Aufstand des Volks in Nicaragua und von einer Friedensvision. Das Werk war politisch hochaktuell, ein heftiger Aufschrei, und er führte zu vielen Diskussionen. Heute – im Rückblick – würde man wohl vieles anders beurteilen, und doch: die Aussage ist geblieben, weil sie so unmittelbar erfolgte – aber wohl auch ihrer grossen künstlerischen Strahlkraft wegen, und, weil sich Huber, wie er im Interview sagte, „eine Musik ohne Transzendenz nicht vorstellen kann“. Seine Musik suchte die Tiefe. Mein persönliches Lieblingsstück sind die Cantiones de Circulo Gyrante von 1985. Die Gesänge der Hildegard von Bingen erscheinen in diesem Stück neben Gedichten, in denen Heinrich Böll die Bilder der im Krieg zerstörten Kirchen Kölns heraufbeschwört. Klaus Huber hat daraus eine faszinierende Raummusik geschaffen.
Am 30. November 1924 in Bern geboren, in Zürich ausgebildet auf der Geige von Stefi Geyer und in Komposition von Willy Burkhard, tendierte Huber früh zu geistlicher Musik. Rasch wurde aber auch schon klar, dass sich dieser lebendige und unruhige Geist nicht in die protestantische Kirchenmusiktradition würde einfügen lassen. Seine Stücke strebten darüber hinaus, ins Mystische, ins Reflektierende, ins Häretische, ins Kritische. Die Zeitumstände des Kalten Kriegs wurden darin ebenso hörbar wie eine Aneignung neuester avantgardistischer Kompositionstechniken. Bald auch schon drang sein Ruf über die Landesgrenzen hinaus, erst recht, als er 1973, nachdem er in Luzern und Basel unterrichtet hat, Kompositionslehrer in Freiburg i.Br. wurde: Eine ganze Komponistengeneration hat bei ihm (bis 1991) das Handwerk gelernt – und das Nachdenken darüber, denn diese Reflexion war zentral für ihn. Der Schweiz war er übrigens damit nicht ganz verloren. 1979-82 präsidierte er den STV, und 1969 schon hatte er das Internationale Komponistenseminar in Boswil gegründet, wohin er regelmässig zurückkehrte. Er selber hinterfragte nicht nur, er liess auch sich selber hinterfragen, wovon etwa seine Texte zeugen. Er ging weiter. Getrieben von einem unermüdlichen Wissensdurst beschäftigte er sich zum Beispiel eingehend mit der Dichtung des Russen Ossip Mandelstam (etwa in seiner Oper Schwarzerde), mit der Mikrotonalität in den Gesängen Gesualdos oder zuletzt in der arabischen Musik. „Es gibt auch Komponisten, die, wenn sie einmal etwas gefunden haben, zehn oder zwanzig Jahre oder das ganze Leben lang dabei bleiben. Das habe ich nie gekonnt. Ich musste mich ändern. Das kann auch damit zusammenhängen, dass ich weitergehen und infrage stellen wollte, dass ich die Musik erweitern, aber eben auch vertiefen wollte, um eben diese Resonanz sozusagen mehrdimensional zu gestalten.“ Stets waren diese Stücke aber auch von einem humanistischen Engagement durchdrungen: einer „raison du coeur“.
Sein Oeuvre ist ungemein reich und nicht mit einem kleinen Artikel zu umspannen; der Ehrungen sind viele: 1975 schon erhielt Klaus Huber zum Beispiel den Komponistenpreis des STV, 2009 den Musikpreis Salzburg und den Ernst von Siemens-Musikpreis, 2013 den Deutschen Musikautorenpreis für sein Lebenswerk. Wir senden unsere herzlichen Glückwünsche nach Bremen bzw. ins umbrische Panicale, wo Klaus Huber seit einigen Jahren mit seiner Frau Younghi Pagh-Paan lebt.
 

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Klaus Huber, Mai 2012

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