Von Baer bis Bühler: Der Pianist See Siang Wong legt ein erstaunliches Kompendium neuer helvetischer Klaviermusik vor.  
Swiss Piano Project

Swiss Piano Project

Thomas Meyer, 25.03.2015

Von Baer bis Bühler: Der Pianist See Siang Wong legt ein erstaunliches Kompendium neuer helvetischer Klaviermusik vor.

Knapp Dreidreiviertelstunden neue helvetische Klaviermusik, entstanden im 21. Jahrhundert, ja zumeist in den letzten sieben Jahren: 29 Kompositionen bzw. 62 Sätzchen und Sätze, und das von allen Generationen von Walter Baer und Rudolf Kelterborn bis zu den Jüngsten Jannis Weggenmann und Jonas Bühler. See Siang Wong, der holländische Pianist chinesischer Abstammung, der seit längerem in der Schweiz lebt und durch seine eigenwilligen Interpretationen auch des klassisch-romantischen Repertoires aufgefallen ist, hat dieses Kompendium im Lauf der Jahre versammelt, eingespielt und als „Swiss Piano Project“ herausgegeben. Die Aufnahmen sind nicht nur mit grösster Klarheit und Virtuosität gestaltet, sie sind zumeist in enger Zusammenarbeit mit den Komponisten entstanden – und können so gleichsam Authentizität beanspruchen. Eine hervorragende Leistung, das vorneweg.

Schwieriger ist es, die Eindrücke zu bündeln. Einen typischen schweizer Klavierstil wird man kaum ausmachen können, ausser vielleicht, dass die tastenlöwischen Exuberanzen rar sind. Wir schätzen in diesem Land halt doch die Massarbeit. Und einen Überblick über schweizer Musik kann auch ein Kompendium nicht geben: Dafür sind es einfach zu viele, die hierzulande komponieren. Was in der stark nach Zürich ausgerichteten Auswahl zum Beispiel fehlt, sich die extremen Experimentatoren, etwa die Verstimmer der Tastensaiten, die Live-Elektroniker oder die Neuen Horizöntler, ebenso fast durchwegs die Minimalisten und Aktionisten. Und von den Frauen ist nur Cécile Marti vertreten – aber die Sammlung wächst ja weiter, wie die Homepage des Pianisten andeutet. Diese 3-CD-Box setzt bereits eine frühere CD der ZHdK-Records fort.

Zumindest sagen lässt sich bei oberflächlicher Betrachtung, dass das Gesangliche, aber auch das Schöne oder gar Gefällige kaum auftaucht. Wir sind in den Bergen, da ragen die Felsen herauf und stürzen Abgründe ab. So erratisch klingen zum Beispiel Martin Derungs‘ Ausgänge etwa oder in gewisser Weise auch Francesco Hochs Flashback. (Die Komponisten kommentieren ihre Werke, das sei ganz allgemein angefügt, freilich manchmal ganz anders, als sie einem zunächst entgegenkommen, aber das ist normal: Man sollte sich davon sein eigenes Hören nicht vorprägen sollen!) Vielleicht klingen die Klippen bei Valentin Martis Storr deshalb etwas anders (fast jazzig momenteweise), denn sie sind von „Gebirgen“ auf den Hebriden beeinflusst.

Angriffig auch, nicht ganz unerwartet, und dennoch von kalter Schönheit das titellose (…) von Patrick Frank. Jäh sprunghaft die Morphologia – Polyphonia von René Wohlhauser – und da zeigt sich die geschickte Programmabfolge der CDs. Nach den wohlgesetzten, einen Grundeinfall konsequent folgenden sieben „Erleuchtungen“ mit Titel Menora von Andreas Nick bringt Wohlhausers Musik eine frische Farbe ins Hören, ohne die intensiven vorausgehenden auszulöschen. So prallen Gegensätze aufeinander. Heinz Marti (Méditation interrompue) macht aus dem Widerstand einen Klangprozess: Die grellen Klänge, die einen aus dem Dumpfen ins Helle wachsenden Klangstrom stören, werden allmählich überwunden.

Klar konturiert bis hin zur Abstraktion wirken ich und ich von Felix Baumann, das Klavierstück Nr. 2 von Thomas Läubli. Zuweilen tritt das Perkussiv-Toccatenhafte in den Vordergrund wie bei Martin Neukoms Studie 19.4 (nancarrowhaft) oder bei Gérard Zinsstags Cinq petites études sur les résonances. Hier wird einerseits wie bei Wohlhauser intensiv mit den Resonanzen gearbeitet, andererseits werden die Saiten präpariert – was bei einigen Kollegen ebenfalls vorkommt, wenn auch nicht sehr häufig. Bruno Karrer (Helle Seelen ohne Saum) greift heftig in die Saiten.

Es gibt die Klangpoeten wie den 2013 verstorbenen Hans Ulrich Lehmann mit gleich zwei Werken: Sein Klavierstück 2009 sucht sich im Verhalten-Undeutlichen einen Weg und bricht kurz aus. Ausserdem spielt See Siang Wong die konzentrierten Drei Miniaturen von 2001. Von Rudolf Kelterborns Klavierstücken 1-6, die der Pianist bereits früher aufgenommen hat, sind hier zwei schöne Sätze vertreten. Kurze Charakterstücke bilden die Fünf Facetten von Peter Wettstein. Und nur von einem können wir eigentlich wahrhaft Theatrales erwarten: von Jürg Wyttenbach, der es mit …innig beflügelt wunderbar einlöst.

Daniel Fueter erzählt eine abwechslungsreiche Geschichte aus Slumberland, dem Traumland von Little Nemo. Das ist ein Gestus, dem man auch in den Ver-Fügungen von Franz Rechsteiner wiederbegegnet. So tender was the Night – auf den amerikanischen Song schliesslich bezieht sich Rolf Urs Ringger – und dann doch irgendwie nicht; da scheint etwas in die Erinnerung zu rutschen.

Und die Jüngeren und Jüngsten? Sie gehen etwas anders vor: repetitiv Cécile Marti (Changing five), beharrlich ostentativ, zuweilen stampfend Jannis Weggenmann (Übrig), minimalistisch sich drehend Jonas Bühler (Palau de les Artes); dadurch kommen glücklicherweise etwas andere Farben in die Berglandschaft. Da öffnet sich eine weitere Welt.

Ruhiger geben sich Xavier Dayers Cantus I, Walter Baers sensibles Zwielicht oder auch Laurent Mettraux‘ sechs stimmige Klangbilder Traces gravées dans le Sable. Er ist einer der Komponisten, die sich auf die chinesische Herkunft des Pianisten beziehen. Mettraux verweist dabei auf Texte der buddhistischen Chan-Tradition. Mathias Steinauer wiederum präpariert das Klavier so, dass es an ein Toy Piano erinnert, und ironisiert auf raffiniert-klischierende Weise den Star Lang Lang – Live at Carnegie op. 24. Burkhard Kinzler variiert musikalisch den Namen von See Siang Wong und weicht dabei sogar ins Obertonale aus. Und schliesslich ist da Alfred Zimmerlin, der sich bei seinem Klavierstück 11 sagte, wenn er da einen Pianisten habe, der ganz in der Tradition stehe, dann komponiere er für ihn auch etwas Virtuoses. Diese „Verneigung vor der Schönheit des differenzierten Klavierklangs“ führt einen dann aber dennoch in unerwartete Regionen.

Alle erwähnt? Ja (Worte, Worte, die manchmal austauschbar sind!), aber es geht wie gesagt bereits weiter mit dem Projekt, und womöglich erscheint dereinst ein weiterer Teil davon auf CD. Zwischenzeitlich warten wir darauf, dass auch die Noten in einer Sammlung verlegt werden…

Swiss Piano Project; See Siang Wong, Klavier; Musiques Suisses MGB CTS-M 143 (3 CDs).
Infos auf: www.seesiangwong.com oder www.swisspiano.org (im Aufbau)

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