Composer in Residence beim Lucerne Festival ist heuer Jürg Wyttenbach. 
Gargantua in Luzern

Gargantua in Luzern

Thomas Meyer, 24.06.2015

Composer in Residence beim Lucerne Festival ist heuer Jürg Wyttenbach.

Gewiss: Das Lucerne Festival ehrt in diesem Sommer Pierre Boulez zu seinem 90. Geburtstag. Wie sollte es auch anders sein? Der Franzose hat das Festival in den vergangenen Jahrzehnten entscheidend mitgeprägt, und so ist eine grosse Hommage angebracht. Als Composer in Residence ist neben dem Amerikaner Tod Machover aber auch Jürg Wyttenbach vertreten – und damit eine der originellsten Gestalten der Schweizer Musikszene. 2003 erhielt er den Prix de composition Marguerite Staehelin des STV.

Wyttenbach, der am 2. Dezember seinen 80. Geburtstag feiert, studierte in Bern Klavier und Komposition bei Kurt von Fischer und Sándor Veress und danach in Paris bei Yvonne Lefébure und Joseph Calvet. Von 1967 bis 2003 unterrichtete er eine Konzertklasse für Klavier an der Musik-Akademie Basel. Dass der Berner, der seit langem in Basel lebt, auch als Pianist Massstäbe setzte, gerät stets ein wenig in den Hintergrund, zu Unrecht, wenn man etwa an seine Aufnahmen der dritten Boulez-Sonate, von Stockhausens Mantra (mit Janka Wyttenbach) oder der Hammerklavier-Sonate denkt. Mit Beethoven hat er sich zeitlebens auseinandergesetzt, und das auf kreative Weise: Nicht nur interpretierend, sondern auch den Fragmenten und Skizzen nachkomponierend und sie weitertreibend – was zu überraschenden Ergebnissen führte.

Auch als Dirigent ist er immer wieder mit seinen originellen Programmideen aufgefallen, man denke an sein nachhaltiges Engagement für Charles Ives oder Giacinto Scelsi oder als Mitbegründer der Konzertreihe „Basler Musik Forum“. Wyttenbach, häufiger Gastdirigent bei der basel sinfonietta und bei zahlreichen der grossen Festivals, ist auch ein grossartiger Vermittler. Er interpretiert die Musik nicht nur, sondern theatralisiert sie und setzt sie damit in witzige und erkenntnisfördernde Zusammenhänge. Beethoven: Sacré – Sacré Beethoven? hiess ein szenisches Projekt von 1977; Patchwork an der Wäscheleine eine Ives-Collage von 1979. Auch wenn er kompositorisch in der Webern-Nachfolge startete, so ist er längst über das Organisieren von Tonhöhen hinausgelangt: ins Aktionistische hin zum Instrumentalen Theater – und er versteht durchaus zu unterhalten. Insofern passt er auch aufs beste zum Luzerner Festivalthema „Humor“.

Die Konzerte in diesem Sommer konzentrieren sich auf das Wochenende vom 21.-23. August. Zu hören sind seine frühen Divisions für Klavier und neun Solostreicher von 1964 (mit der jungen Pianistin Talvi Hunt) sowie das jüngere Violinkonzert mit dem kuriosen Titel Cortège pour violon, accompagné de „La Fanfare Harmonie du village“. Die Solistin Carolin Widmann führt darin als „Harlekin des Todes“ eine imaginäre Dorfmusik an. Wyttenbach selber leitet die Junge Philharmonie Zentraloschweiz; auf dem Programm stehen ausserdem die dritte Ives-Sinfonie sowie der von Wyttenbach orchestrierte Liederzyklus Kinderstube von Mussorgski.

Die „Alpini Vernähmlassig“, das Volksmusikensemble der Luzerner Musikhochschule, spielt die Rabelais-Vertonung Gargantua chez les Helvètes du Haut-Valais oder: „Was sind das für Sitten!?“ Und schliesslich kommt Wyttenbach auf eine alte Freundschaft zurück: Gemeinsam mit Mani Matter drückte einst die Schulbank, gemeinsam planten sie um 1970 mehrere Theaterprojekt, unter anderem eine Bearbeitung von Strawinskis Histoire du Soldat sowie eine Anti-Oper, die nach dem frühen Tod des Liedermachers unvollendet blieb. Wyttenbach hat das Libretto nun wieder hervorgeholt und daraus das neue Madrigalspiel Der Unfall geschaffen. Es erklingt in Luzern als Teil eines grösseren Projekts mit dem Titel „WyttenbachMatterial“. So schliesst sich ein Kreis.

PS: Der STV ist übrigens 2016 wieder mit seinem Tonkünstlerfest in Luzern zu Gast.
 

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