William Blank, der Präsident des STV, erläutert die aktuelle Situation der dissonance und mögliche Überlebensszenarien.  
Zur Zukunft der Zeitschrift dissonance

Zur Zukunft der Zeitschrift dissonance

Laurent Mettraux, Übersetzung Thomas Meyer , 10.09.2015

William Blank, der Präsident des STV, erläutert die aktuelle Situation der dissonance und mögliche Überlebensszenarien.

Die erste Ausgabe der dissonance erschien im August 1984. Eine völlige Neugestaltung im Juni 2010 sollte das Weiterbestehen der Zeitschrift sichern. Allerdings liessen sich die finanziellen Probleme dadurch nicht lösen, im Gegenteil, die Belastung hat sich für den STV als extrem schwer erwiesen.

Laurent Mettraux: Obwohl der STV die dissonance gemeinsam mit der Konferenz Musikhochschulen Schweiz (KMHS) herausgibt, musste er in den letzten vier Jahren einen grossen Teil des Defizits tragen. Wie hoch ist dieser finanzielle Aufwand, und welche Auswirkungen hat er auf die finanzielle Situation des STV?

William Blank: Mehr als 160'000 Franken hat der STV zwischen 2010 und 2014 – zusätzlich zu seinem normalen Beitrag – bezahlt, um das Budget auszugleichen. Da dieses Geld aus unseren Reserven stammt, wurden diese stark in Anspruch genommen und durch diese wiederholten Rettungsaktionen fast völlig aufgebracht… Als das BAK uns noch eine «vollständige» Subvention zugestand, konnten wir diese ausserordentliche Anstrengung leisten, aber seit diese um einen Drittel gekürzt wurde, können wir eine Umgestaltung des Zeitschriftenkonzepts schlicht nicht mehr weiter aufschieben.
Aber ich sehe noch ein weiteres Problem – oder eher eine Inkohärenz: in einer Konjunkturlage, die es nicht mehr erlaubt, die Aufträge an die Komponisten auf eine sagen wir: realistische Weise zu honorieren (heutzutage übersteigt das Honorar für ein Ensemblewerk zum Beispiel selten 10'000 Franken, Partiturkopien inbegriffen.) scheint mir ein mittleres Budget von 230’000 Franken jährlich für eine Spezialistenzeitschrift mit einer kleinen Leserschaft übertrieben.
Auf der anderen Seite hat der STV, bevor er seine Reserven in Anspruch nahm, beträchtliche Zeit der Suche nach Geldmitteln und alternativen Lösungen gewidmet – wertvolle Zeit, die uns zur Erfüllung anderer Aufgaben fehlte, mit denen wir als Verein betraut sind. Diese Situation ist künftig unhaltbar, denn wir haben jene Schmerzgrenze erreicht, jenseits der die Existenz des STV selber in Frage gestellt wäre.

Was für eine Zukunft hat die Zeitschrift, da die KMHS nun die gemeinsame Herausgeberschaft gekündigt hat?

Der Status quo ist unmöglich: Wie ich gesagt habe, ginge der STV, wenn er die Publikationskosten in der aktuellen Form allein übernehmen müsste, innert kürzester Zeit Konkurs und müsste quasi seine anderen Aktivitäten in diesem Zeitraum einstellen. Wir haben deshalb mehrere Szenarien ausgearbeitet, einschliesslich der Entwicklung einer Internetzeitschrift, und sind an mögliche neue Partner herangetreten, um Synergien zu finden, die es erlauben, das Wesentliche beizubehalten, das heisst, den herausgeberischen Inhalt, der über die aktuelle Situation der zeitgenössischen Musik (im breiten Sinn) in der Schweiz, aber auch ausserhalb berichtet.

Diese Krise kann sich ja auch als eine Chance erweisen, als eine In-Frage-Stellung. Wohin könnte eine Neuorientierung der dissonance führen?

Es ist heute wichtig, eine Zeitschrift zu haben, die darauf pocht, dass Musik eine Kunst des Denkens ist, eine Kunst, die einen Diskurs schafft, ihn organisiert und strukturiert, dies in einer durchdachten zeitlichen Architektur. Das ist nicht allen bewusst. Gleichzeitig muss das allmähliche Abgleiten der Musik hin zur Eventkultur und zur Unterhaltung (und die zeitgenössische Musik macht da leider keine Ausnahme) uns auch Fragen über ihren Platz in unserer Gesellschaft aufzeigen, in einer Gesellschaft, die heute von einer Heterogenität und einem Kosmopolitismus getrieben ist. Die Erwartungen und Wahrnehmungsweisen des Publikums haben sich verändert, es hat sich langsam gewandelt, hin zu anderen Praktiken des Kulturkonsums, und sucht darin – ebenso als einfacher Hörer wie als Interpret – andere Werte als jene, von denen wir glaubten, sie seien ewig…

Eine Musikzeitschrift sollte also heute vor allem die Gegenwart hinterfragen?

Es ist sehr wichtig, über die Themen zu debattieren, die die Musikwelt im Moment bewegen und die die Musiker wirklich interessieren: zum Beispiel die Omnipräsenz der Musik im öffentlichen Raum, die Tatsache der fusionierenden (oder schlicht und einfach verschwindenden) Orchester, die wachsende Stigmatisierung der «ernsten» Musik durch eine Classe politique, die einen demokratischen Zugang zur Kultur mit «Gratiskultur» verwechselt, die Analyse des Subventionsapparats für klassische Musik, Interviews mit grossen Persönlichkeiten. Die Liste ist lange… und faszinierend!

Inhaltlich wäre die Zeitschrift weniger «spezialisiert»?

Nein, denn das schliesst ja nicht gewisse besondere Aspekte aus wie Komponistenporträts (vielleicht noch weiter entwickelte als jene, die wir bislang veröffentlicht haben), Analysen, Kritiken (die ebenso Konzerte als auch CDs, DVDs oder Bücher betreffen) oder auch Themen der Grundlagenforschung. Aber es ist wirklich nötig, das zu fördern, was eine Leserschaft zu versammeln und der Zeitschrift eine starke, engagierte Identität zurückzugeben vermag – ein nicht leichtes Unterfangen für eine fast dreisprachige Zeitschrift.

Und die Kulturpolitik?

Wir müssen selbstverständlich auch die grossen kulturpolitischen Debatten aufgreifen – und nicht nur jene um das BAK, sondern auch jene, die die Subventionsinstitute beherrschen: dass jene, die für die Programme der Orchestersaisons und der Festivals verantwortlich sind, ihre Auswahl erklären und rechtfertigen. Vor allem aber müsste man einigen Rubriken Raum geben, deren Hauptziel es wäre, möglichst aktuell über die Lebendigkeit des zeitgenössischen Musik zu berichten, die – paradoxerweise – noch nie so offen und fesselnd war, der es aber auf grausame Weise an Sichtbarkeit und Verbreitung – und dadurch auch an Glaubwürdigkeit fehlt.
Dafür, aber auch für alles andere, was es zu imaginieren, zu erfinden und zu fördern gilt, wird die Redaktion der dissonance bereitwillig die Herausforderung annehmen, denn eine Zeitschrift über zeitgenössische Musik ist kein Trugbild, sondern – immer noch – eine Notwendigkeit.

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Eine alte Ausgabe der dissonance von 1994 (Nr. 39)

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