FMB 2014: Begabtenförderung im Fokus 

Begabten wird nichts in die Wiege gelegt

Niklaus Rüegg, 05.09.2013

Stefan Koelsch ist Cluster Professor für Musikpsychologie und Biologische Psychologie an der Freien Universität Berlin. Er wird am Forum Musikalische Bildung (FMB) am 24. Januar 2014 im TRAFO in Baden zum Thema «Die Entwicklung von Musikalität» referieren.

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Es gibt keinen genetischen Code für Begabung.

FMB 2014: Begabtenförderung im Fokus

Dr. Stefan Koelsch, geboren 1968 in Texas (USA), studierte am Konservatorium Bremen Violine (Hauptfach), Klavier und Komposition (Künstlerische Reifeprüfung 1994). Direkt danach begann er an der Universität Leipzig das Studium der Psychologie und der Soziologie. 2000 promovierte er in Psychologie am Max Planck Institut Leipzig für Kognitions- und Neurowissenschaften und habilitierte daselbst im Jahre 2004. 2001/02 war er Stipendiat an der Harvard Medical School (Boston, USA). 2003-2007 leitete Stefan Koelsch die unabhängige Nachwuchs-Forschungsgruppe «Neurokognition der Musik» am Max Planck Institut in Leipzig. Derzeit ist er Cluster Professor für Musikpsychologie und Biologische Psychologie an der Freien Universität Berlin und ist eingebunden im Exzellenz Cluster «Languages of Emotion» mit über 100 Mitarbeitenden. Sein Forschungsschwerpunkt liegt im Bereich der Neurokognition von Musik und Sprache, Musik und Emotion, der Entwicklungsaspekte von Sprach- und Musikkognition, der Emotion und ihrer Wirkung auf das vegetative, hormonelle und das Immun-System.
In seinem Buch «Der soziale Umgang mit Fähigkeit» setzt sich Koelsch kritisch mit dem Begabungsbegriff auseinander. Anhand von soziologischer, psychologischer, biologischer und populärwissenschaftlicher Literatur untersucht er gesellschaftliche Auswirkungen von Vorstellungen über «Begabung» und macht damit Gefahren und Perspektiven des gegenwärtigen Stands sozialer Deutung menschlicher Fähigkeiten deutlich.

Stefan Koelsch wird am Forum Musikalische Bildung (FMB) am 24. Januar 2014 im TRAFO in Baden zum Thema «Die Entwicklung von Musikalität» referieren.


Interview: Niklaus Rüegg

Herr Professor Koelsch, Sie haben neben Psychologie und Soziologie auch Violine, Klavier und Komposition studiert. Bitte verraten Sie uns etwas über Ihren Weg mit der Musik und über Ihre persönliche Begabungsgeschichte.
Begabungsgeschichten sind Arbeitsgeschichten, Geschichten der Beschäftigung mit einer Materie. Ich hatte wohl überdurchschnittliches musikalisches Interesse gezeigt. Meine Eltern haben mich daraufhin an der Musikschule angemeldet. Das war meine Begabungsförderung.
Der Begriff Begabung ist meiner Meinung nach wenig hilfreich. Eine Gabe wird einem nicht in die Wiege gelegt. Wissenschaftlich gesehen ist das Mumpitz und irreführend.

Dann sind Sie wohl kein Befürworter der Begabtenförderung?
Doch natürlich! Ich begrüsse die Förderung von talentierten Musikern vorbehaltlos, so lange man sie nicht damit quält, Musiker werden zu müssen. Ich wehre mich aber entschieden dagegen, Begabung auf irgendwelche «angeborenen Anlagen» zurückzuführen. Es gibt keinen genetischen Code für Begabung. Wenn man diese Haltung konsequent weiter denken würde, käme man auf ein gefährliches Gleis. Eine solche Begabungsvorstellung dient letztlich der Aufrechterhaltung der Ungleichheit zwischen sozialen Schichten, zwischen Männern und Frauen, sowie zwischen unterschiedlichen Rassen.

Es gibt also keine Erkenntnisse in der Hirnforschung, die eine besondere musikalische Begabung erklären?
Begabung kann neurowissenschaftlich nicht erklärt werden. Dafür gibt es überhaupt keinen Beweis; für die Effizienz des Trainings aber schon. Musizieren ist ein Handwerk, das beherrscht werden will, und das erfordert viel Arbeit.

Ist denn jedes Kind von Natur aus gleich musikalisch?
Von Natur aus schon. Es ist aber ein Aberglaube, dass da etwas von der Natur vorgegeben sei. Unzählige Faktoren während, nach der Schwangerschaft und in den ersten Lebensjahren führen dazu, dass jemand tausende und abertausende Stunden auf seinem Instrument arbeitet oder nicht. Entscheidend ist, wie sich der Organismus und das Interesse entwickelt. Ob jemand ein guter Musiker wird oder nicht, hängt davon ab, wie viel er trainiert. Was zählt, ist die Anzahl Stunden, die man bis zum 18. Lebensjahr mit seinem Instrument verbracht hat. Wer in dieser Zeit zirka 10’000 oder 20’000 Stunden geübt hat, befindet sich auf einem vergleichbar hohen Level. Qualitätsunterschiede sind auf diesem Niveau zurückzuführen auf das Glück, einen guten Lehrer gehabt oder eine bessere Lernstrategie verfolgt zu haben.

Wann setzt beim Kind die Entwicklung von Musikalität ein?
Wohl schon vor der Geburt. Lieder, die die Mutter während der Schwangerschaft singt, kann das Neugeborene wiedererkennen. Es ist bei kleinen Kindern beobachtbar, dass das eine ein grösseres Interesse an Musik oder an Instrumenten zeigt als das andere. Das hat aber wie gesagt nichts mit einer genetischen Anlage zu tun.
Begabung kann von der Hirnforschung nicht nachgewiesen werden, aber der Effekt des Trainings schon.

Welche Rolle spielen Emotionen in der Entwicklung von Musikalität?
Eine schöne, und deshalb schwierige Frage. Bei der Musik gibt es Emotionen, die das Belohnungsempfinden betreffen, das soziale Miteinander beim gemeinsamen Musizieren, das Bedürfnis sich auszudrücken, das Bedürfnis, andere Menschen zu verstehen und ihre Gefühle nachzuvollziehen und vieles mehr.
Emotionen sind ebenso unterschiedlich und vielfältig wie die Effekte, die sie im Gehirn haben können. Einige Emotionen, wie zum Beispiel die «Gänsehauterlebnisse», sind bereits recht gut erforscht.

 

 

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