Ganzheitliche, individuelle Förderung und Forderung in Wolfsburg 

Volkswagen finanziert Vorzeigeschule

Niklaus Rüegg, 06.12.2013

Die Neue Schule Wolfsburg ist ein Bildungsgeschenk des Volkswagen Konzerns an die Stadt Wolfsburg zu ihrem 70. Jubiläum 2008. 2009 wurde der Unterricht aufgenommen. Die Schule geht in ihrem pädagogischen Konzept von einem ganzheitlichen Menschenbild aus.

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«Unsere Schülerinnen und Schüler wachsen in eine musikalisierte Umgebung hinein.»

Ganzheitliche, individuelle Förderung und Forderung in Wolfsburg

Niklaus Rüegg – Die Kinder und Jugendlichen werden in Wolfsburg mit massgeschneiderten Plänen individuell gefördert. Einer der schulischen Schwerpunkte ist neben Internationalität, Naturwissenschaften und Technik, Wirtschaft, Kunst und Kultur die Begabungsförderung. Die gezielte und wissenschaftlich fundierte Förderung von Begabungen ist elementar für das Konzept der Schule. Die unterschiedlichen Begabungsprofile der Schülerinnen und Schülern werden individuell unterstützt und entwickelt. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Kunst und Kultur. Hier liegt kreatives Potential zur Entwicklung emotionaler Intelligenz und sozialer Fähigkeiten bereit. Schulleiterin Helga Boldt wird am Forum Musikalische Bildung FMB im Januar über dieses einzigartige, zukunftsweisende Schulprojekt referieren.

Frau Boldt, was ist an der Neuen Schule Wolfsburg anders als an einer herkömmlichen Schule?
Als erstes fällt die soziale und kulturelle Vielfalt bei Kindern und Erwachsenen auf: es sind Kinder aus den reichsten und ärmsten Familien der Stadt, sie kommen aus unterschiedlichesten Familienkulturen, viele unserer Schülerinnen und Schüler verbringen einen Teil ihrer Schulzeit in anderen Ländern und Sprachkontexten, es gibt ebenso hochbegabte wie auch sehr langsam lernende Kinder. Trotz oder vielleicht auch wegen dieser großen Vielfalt lernen und leben sie gut miteinander. Auch das Kollegium ist bunt gemischt – Menschen mit unterschiedlichen Muttersprachen und beruflichen Sozialisationen arbeiten gemeinsam daran, für Kinder und Jugendliche ein anregungsreiches Lernumfeld zu schaffen. Eine weitere Besonderheit liegt darin, dass wir als gut ausgestattete Schule in freier Trägerschaft arbeiten, ohne Schulgeld von den Eltern verlangen zu müssen.

Welche Vorteile bietet die Verflechtung mit der Industrie und Wirtschaft?
Die Stadt Wolfsburg ist wie keine andere deutsche Stadt von der Entwicklung eines weltweit agierenden Unternehmens geprägt. Diese stadthistorisch enge Beziehung zwischen Stadtentwicklung und Unternehmensentwicklung hat aber auf die Unterrichtsinhalte keinen Einfluss. Wir arbeiten nach den Kerncurricula unseres Landes und bereiten unsere Schülerinnen und Schüler auf staatliche Abschlüsse vor. Wir profitieren allerdings an vielen Stellen inhaltlich und auch ganz praktisch von der engen Beziehung zu VW, nicht nur bei dem Thema Mobilität und Nachhaltigkeit und sondern bei allem, was mit Forschen und Experimentieren zu tun hat.

Die Kinder und Jugendlichen werden individuell gefördert und gefordert. Sind da mehr Lehrkräfte und pädagogische Mitarbeitende pro Schüler am Werk als an einer staatlichen Schule?
Weil wir als gebundene Ganztagsschule organisiert sind, verbringen die Kinder und Jugendlichen fast zehn Stunden täglich im Raum der Schule. Die Klassengröße ist auf 20 Schüler im Primarbereich und 22 Schüler im Sekundarbereich begrenzt. Um diese Struktur pädagogisch verantwortlich und hochwertig zu füllen, sind mehr Pädagogen als an den meisten staatlichen Schulen nötig.

Sie sprechen nicht nur von «Fächern», sondern auch von «Lernfeldern», «Projekten» und «ausserschulischen Lernorten». Wie gross ist der Anteil des Lernens, der ausserhalb des Schulhauses stattfindet?
Das Arbeiten an ausserschulischen Lernorten ist für uns eine außerordentlich wertvolle Erkenntnisquelle. Der Anteil von Projektlernen oder ausserschulischem Lernen wechselt von Jahr zu Jahr und oft auch situativ. Generell gilt: je älter die Schülerinnen und Schüler werden, desto wichtiger wird die selbstständige Orientierung in einem größeren sozialen und räumlichen Kontext. Wichtig in diesem Zusammenhang sind unsere Vorhabenwochen, die zweimal im Jahr überwiegend an anderen Lernorten stattfinden und immer fächerverbindend und projektorientiert angelegt sind.

Bereits ab der ersten Klasse werden für die einzelnen Schülerinnen und Schüler individuelle Pläne massgeschneidert. Wird der Lernfortschritt ebenfalls individuell überprüft?
Natürlich, anders könnten individuelle Lernpläne gar nicht erstellt werden. Je älter die Schülerinnen und Schüler werden, desto wichtiger wird allerdings die Fähigkeit, den eigenen Lernprozess auch ohne permanente Anleitung durch die Lehrkraft aufmerksam, selbstständig und auch selbstkritisch zu reflektieren. Wir staunen immer wieder, wie gut das schon den Primarschülerinnen und –schülern gelingt.

Neben Naturwissenschaften und Technik, Internationalität, Kunst und Kultur bildet die Begabungsförderung einer der Schwerpunkte in Ihrem Konzept. Wie gestaltet sich zum Beispiel die Förderung musikalischer Begabungen an Ihrer Schule?
Elementar sind die Erfahrung der eigenen Singstimme und das Erleben des musikalischen Zusammenklangs in einer Gemeinschaft. Niemandem sollten diese Erfahrungen versagt bleiben. Unsere Schülerinnen und Schüler wachsen in eine musikalisierte Umgebung hinein, in der es selbstverständlich ist, dass alle gemeinsam im Chor singen – bis zur Klasse 6 gehörte dieser Baustein in jede Schulwoche. Nach den Kindern haben inzwischen auch die Eltern und Mitarbeiter einen Chor gegründet. Ebenso prägend ist die Erfahrung, mit den eigenen Möglichkeiten eine Melodie auf einem Instrument spielen zu können: Alle Schülerinnen und Schüler des dritten Lernjahres lernen ein Jahr lang in kleinen Gruppen das Melodieinstrument, Geige, Bratsche, Cello, Kontrabass, Flöte und Gitarre stehen zur Wahl. Lehrkräfte der Schule unterrichten gemeinsam mit Lehrkräften der Musikschule. Für die Eltern fallen ausser den Mietkosten für das Instrument keine weiteren Kosten an. Im fünften Schuljahr lernen viele Schülerinnen und Schüler ein Holz- oder Blechblasinstrument. Wir merken inzwischen, dass diese Saat aufgeht: Obwohl die Schule erst im fünften Jahr existiert, gibt es die ersten selbst organisierten Ensembles, auch zwei Bands. Zweimal im Jahr präsentieren Schülerinnen und Schüler bei unserem «Kleinen Podium» ihr Können und bei dem großen Winter- und Sommerkonzert stehen fast dreihundert Kinder auf der Bühne.

Ihre Schule ist gerade mal vier Jahre alt. Wie hat die von Ihnen angestrebte Wechselwirkung von Curriculum, Lernen und Räumen bisher funktioniert?
Lernräume sind so etwas wie die Fassungen von Diamanten. Funktional und ästhetisch gut gestaltet, bringen sie den Kern, in diesem Fall das Lernen der Kinder und Jugendlichen, zum Funkeln. Ich will es an einem Beispiel deutlich machen: Wenn wir kooperatives Lernen fördern, vielfältige sinnliche Erfahrungen einbeziehen und neben der Bewegung auch Ruhe ermöglichen wollen, müssen die Lernräume groß genug und medial vernetzt sein. Sie müssen mit beweglichem Mobiliar und Materialien ausgestattet sein, die eine leichte Veränderung der Sozialformen erlauben, ohne belastenden Lärm zu erzeugen. Wichtig war uns auch, uns von Anfang an nicht nur bei den Wandfarben, sondern bei allen Einrichtungsgegenständen an einem professionell gestalteten Farbkonzept zu orientieren. Wir merkten schnell, dass das die Lernatmosphäre deutlich positiv beeinflusst.

Ihre Schule hat den Anspruch, nicht nur zu lehren, sondern als Organisation auch selbst dazu zu lernen. Wer ist an diesem kontinuierlichen Verbesserungsprozess beteiligt?
In einer derart jungen Schule sind alle aufgefordert, mit ihren eigenen Möglichkeiten zur Schulentwicklung beizutragen. Wichtig sind hierbei transparente Kommunikations- und Entscheidungsstrukturen. Wir sind konsequent in Teams organisiert, die ihrerseits wieder fächer- oder jahrgangsbezogen kooperieren. Eine große Hilfe bietet hier eine Zeitstruktur, in der die Lehrkräfte i.d.R. auch nachmittags in der Schule sind und ein Nachmittag in der Woche konsequent für Konferenzen freigehalten ist. Unterstützt wird die Kooperation durch ein elektronisches pädagogisches Laufwerk, in dem alle Vorgänge systematisch abgelegt und damit für andere, auch neue Kolleginnen und Kollegen, verfügbar gemacht werden.


 

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