FMB 2014: Graziella Contratto spürt ihrer persönlichen Begabungsgeschichte nach. 

Emotionale Erziehung durch Musik

Niklaus Rüegg, 30.12.2013

Das Forum Musikalische Bildung FMB in Baden wird am 24. Januar eröffnet durch ein Referat der bekannten Schweizer Dirigentin Graziella Contratto. Sie wird die emotionale Entwicklungskurve ihrer musikalischen Kindheit nachzeichnen.

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«Ich persönlich halte alle Menschen für musikalisch begabt.»

FMB 2014: Graziella Contratto spürt ihrer persönlichen Begabungsgeschichte nach.

Niklaus Rüegg – Graziella Contratto wuchs in der Zeit des Jugendmusikschul-Booms der Siebziger Jahre in der Innerschweiz auf. Sie studierte an den Musikhochschulen Luzern und Winterthur Klavier und Musiktheorie und absolvierte anschliessend eine Kapellmeisterausbildung an der Hochschule in Basel.
Contratto wurde jüngste Dozentin für Musikgeschichte am Konservatorium Luzern und erste weibliche Chefdirigentin des staatlichen Orchestre des Pays de Savoie in Frankreich. Claudio Abbado holte sie 1998 als Assistentin an die Berliner Philharmonie und die Salzburger Osterfestspiele. Von 2000 bis 2002 war sie Chef résident beim Orchestre National de Lyon.
Sie ist Gastdirigentin renommierter Orchester in Europa und Übersee. Seit 2007 ist sie Intendantin des «Davos Festival – Young Artists in Concert» und leitet seit 2010 den Fachbereich Musik der Hochschule der Künste Bern.
Graziella Contratto will am FMB versuchen, Subjektives mit Institutionellem charmant zu verbinden.

Frau Contratto, liegt die Emotion im Wesen der Musik begründet, oder wird sie individuell beim Hörer ausgelöst oder auch nicht?
Ein sehr weites Feld… Für mich persönlich sollten in einer intensiven Erfahrung bei Kulturereignissen mehrere Ebenen berührt werden: da wäre einerseits die Ebene einer allgemein menschlichen, ethischen Relevanz (nach I.Kant das moralische Gesetz in mir), dann die Ebene der individuellen Empfindungsbreite (nach C.G. Jung das Archaische, Intuitive) und schliesslich das Über-Irdische ( wieder nach I. Kant der bestirnte Himmel über mir). Emotionen sind komplexe Abläufe, die Musik ist es ebenfalls. Und als ob dies noch nicht genug der Komplexität wäre: Hinzu kommt noch der Aspekt der Zeiterfahrung! Jeanne Hersch lokalisierte eine Konzerterfahrung einmal sinngemäss auf einer verschobenen Zeitachse: die 50 Minuten einer spätromantischen Sinfonie oder die drei Minuten eines Popsongs erheben uns hinweg in eine andere Zeitrechnung, wo wieder andere Gefühls-Gesetze herrschen könnten…..wie war noch mal die Frage? (lacht)

Sagen wir es so: Was braucht es, dass Musik direkt ins «Herz» trifft?
Offenheit, Neugier, Beeindruckbarkeit – auf beiden Seiten.

Gibt es einen Unterschied in der Qualität der Emotion, ob man Musik hört oder selber ausübt?
Mein Dirigierlehrer Ralf Weikert meinte immer, nicht der Dirigent soll bei emotionalen Stellen weinen, sondern das Publikum. Persönlich bin ich mit den Jahren immer noch gleich berührbar, wenn in einer Interpretation die musizierende Person mit sich selbst und dem Werk eins ist. Das kann ein Musikschüler mit einem noch nicht ganz beherrschten Stück sein oder eine Weltklasseinterpretation eines international renommierten Orchesters. Wichtig scheint mir (wie fast in allen Dingen), dass das Werk im Zentrum steht, der Interpret oder die Interpretin ihre Gefühle mit dem Wissen um die Sache, mit der Technik, mit den stilistischen oder historischen Ansätzen natürlich verbindet. Aus diesem Grund lässt mich ein David Garrett völlig kalt: seine eigene Persönlichkeit verschwindet hinter dem absurden Marketingaufwand seiner Auftritte, die Emotion ist quasi Teil des Outfits und der Show, die Natürlichkeit seines offensichtlichen Talents beschränkt sich auf den Aufwärtsbogen seiner Augenwimpern (DAS möchte ich aber schon auch können, dieses Makeup ist unschlagbar professionell).

Sind Musikerinnen und Musiker gefühlsbetonter als andere Menschen?
Ich glaube, wir dürfen nicht vergessen, dass man als Sänger oder als Instrumentalist sehr viel über Selbstkontrolle, Disziplin, ständige Infragestellung des Erreichten nachdenkt. In einem gewissen Sinne stehen wir eher im Dienst der Emotion als dass wir uns ihrer grenzenlos bedienen könnten. Zuviel Emotion im Moment des Konzerts kann einerseits das Spiel mit unkontrollierbaren Adrenalinschüben verfremden oder andererseits die von den KomponistInnen geschaffenen «Emotionen» verfälschen.

Welche Auswirkungen hat intensives Musizieren auf die Sozialisation und Empathie eines jungen Menschen?
Für mich waren die Musikstunden und die Orchesterlager wichtiger als jede andere Form von Erziehung. Ich denke, dass ich dort wirklich zu dem Menschen wurde, der ich heute bin. In seinem Buch zur Intelligenz dank Musik spricht Lutz Jänke den Kindern, die sich musikalisch betätigen zwar keine direkte IQ-Steigerung zu, doch bin ich überzeugt, dass meine persönliche Lust am Begleiten, die bei mir schon mit elf Jahren begonnen hatte, meine Art des Umgangs mit anderen Menschen stark beeinflusst hat. In diesem Sinne: nur positive Auswirkungen!

Emotionen können durch Musik auch bewusst gesteuert und missbraucht werden. Wo gilt es achtsam zu sein?
Früher hielt ich es mit einem Werk Mauricio Kagels mit dem Titel «Zehn Märsche, um den Sieg zu verfehlen» - Marschmusik war für Jahrhunderte eine direkte musikalische Möglichkeit, Ordnung, Überlegenheit durch Einheit und unbedingten Gehorsam zu verklanglichen. Aber da gab es auch den Walzer, der die Menschen von den Problemen des Alltags in einem Dauerschwindel ablenken sollte….
Aktuell versuche ich ja verzweifelt, in meiner Reaktion nicht völlig gehemmt zu wirken, aber ich mag die völlige Prostitutionalisierung junger Popsängerinnen in Outfit, Bewegung, Gestik und Text nicht besonders. Wo ist das Geheimnis? Wo sind feine seelische Regungen, die man im 18. Jahrhundert (nachzulesen bei Goethes Werther) nur mit dem Begriff «Klopstock» auslösen konnte?

Das Thema des FMB lautet «Begabungsförderung». Welche Faktoren müssen bei einer erfolgreichen Förderung von Musiktalenten berücksichtigt werden?
Ich persönlich halte alle Menschen für musikalisch begabt, dies nur so als Grundbemerkung. Wenn ich mir vorstelle, dass Generationen von Menschen durch falsch geschulte Pädagogen für ihr ganzes Leben als «untalentiert», «unmusikalisch» oder gar «antimusikalisch» stigmatisiert wurden, werde ich richtig wütend. Glücklicherweise hat die Menschheit hier wirklich Fortschritte gemacht. Die Förderung von Talenten im jungen Alter ist wahrscheinlich wiederum eine schöne, aber komplexe Suche nach der richtigen Mischung zwischen Körper, Seele und Geist, die es zu erforschen gilt. Ich persönlich hatte während meiner Jugend im Inneren ein zweites Wesen, das ich mit Musik Literatur, Begegnungen, Erfahrungen fütterte. Ich hoffe jetzt mal, dass das innere und das äussere Wesen mit den Jahren zusammenkommen. Dasselbe halte ich als Prozess auch bei begabten Jugendlichen für eine der sicher unzähligen schönen Varianten.

 

www.graziellacontratto.com

 

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