In Dübendorf werden innovative Unterrichtskonzepte gelebt. 

Chaoswochen an der Musikschule

Niklaus Rüegg, 07.09.2015

Die Regionale Musikschule Dübendorf vollzieht mit dem flexibilisierten Stundenplan einen grossen Schritt in Richtung Tagesmusikschule.

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Geordnetes Chaos

In Dübendorf werden innovative Unterrichtskonzepte gelebt.

Niklaus Rüegg – Seit 2010 ist die Musikschule Dübendorf eine der Vorreiterinnen des «Multidimensionen Unterrichts» (MDU)*. In Seminaren und Ausbildungslehrgängen haben sich unter der Anleitung des Schulleiters Olivier Scurio und des «MDU-Erfinders» Gerhard Wolters verschiedene Lehrpersonen mit diesem Unterrichtskonzept auseinandergesetzt. Heute ist MDU in Dübendorf fester Bestandteil des Unterrichtsangebots.
Begonnen wurde damals in Dübendorf mit der Stufe 1 des MDU, dem Unterricht mit mindestens zwei Lernenden. Dabei werden die Unterrichtszeiten zweier oder mehrerer Schülerinnen und Schüler zusammengeführt. Alle beteiligten Schüler sind die ganze Zeit über anwesend und es vollzieht sich im Grunde ein alternierender Einzelunterricht in verschiedenen Räumen, beziehungsweise eine Interaktion zwischen den im selben Raum anwesenden Lernenden in Form von gegenseitigem Helfen und Unterstützen. In einer weiteren Etappe wurde in Dübendorf das Team-Teaching erprobt, welches eine wesentliche Voraussetzung für das Funktionieren weiterer MDU-Grundsätze darstellt, des altersgemischten und niveauübergreifenden Lernens sowie des Einbezugs unterschiedlicher Instrumente.

Chaoswoche als Probelauf
An einem MDU-Seminar vor drei Jahren wurde in Dübendorf das Tagesschulmodell diskutiert. Damals wurden ideale MDU-Bedingungen als eine Kombination von Primetime (Anwesenheitspflicht der Schüler) und Flatrate (flexible Anwesenheit) gesehen. Als schier unüberwindbare Hindernisse für dieses flexible Stundenplanmodell wurden der starre Lehrplan der Volksschule sowie knappe Raum- und Zeitressourcen der Beteiligten gesehen. Allen widrigen Umständen zum Trotz lancierte Olivier Scurio im Juni des Jahres unter dem Titel «Chaoswoche» eine Art Testphase zur Einführung dieses Flex-Unterrichts. In den fünf letzten Wochen vor den Sommerferien liessen sich fünf Lehrpersonen mit zusammen genommen 100 Schülerinnen und Schülern auf das Experiment ein. Dabei waren zwei Lehrpersonen für Klavier, eine für Querflöte, der Schulleiter Olivier Scurio für Saxophon sowie ein Joker-Lehrer für Keyboard. Zur Verfügung standen am Standort Dübendorf sieben Musikzimmer. Vier Wochen lang durften die beteiligten Lernenden von Montag bis Freitag zwischen 12:00 und 20:00 in die Musikschule kommen, um zu üben, vorzuspielen oder mit zufällig anwesenden Mitschülern und den Lehrpersonen zusammen musikalisch und technisch zu arbeiten. Die Präsenzzeiten wurden beim Eintreffen der Schülerinnen und Schüler festgehalten. Die wöchentlich vom Schulleiter erstellten Kurvendiagramme bildeten die Teilnahmezeiten ab. Zwischen 15:30 und 18:30 waren «peak hours»: jeweils bis zu 16 Schüler standen gleichzeitig im Einsatz. Bei den meisten Eltern ist das Projekt auf hohe Zustimmung gestossen. Das im Alltag beschwerliche Bringen und Holen der Kinder sei für sie plötzlich kein Thema mehr gewesen, sagt Scurio. Man hatte sich untereinander abgesprochen und Fahrgemeinschaften organisiert. In der fünften Woche wurde das Ergebnis in Konzerten präsentiert, wobei die Schüler ihr Programm in ihren jeweiligen Zimmern unter der Betreuung der Lehrpersonen je drei Mal darboten, derweil die Zuhörenden von Zimmer zu Zimmer wanderten. Am Rande des Konzertabends wurde mit den Eltern der Stundenplan des kommenden Semesters abgesprochen. Die Lehrpersonen gaben ihre Verfügbarkeiten an und glichen diese mit den Kundenwünschen ab. Das Resultat ist der erste flexibilisierte Stundenplan, welcher ab Semesterbeginn gilt.

Lernende im Mittelpunkt
Schulleiter Scurio zeigte sich sehr beeindruckt vom Erreichten: «Es hat wahnsinnig viel heraus geschaut. Einzelne Schüler sind bis zu10 Stunden pro Woche da gewesen.» Die Interaktion zwischen den Teilnehmenden habe, auch altersgemischt und fächerübergreifend, hervorragend funktioniert. Das von einander Lernen der Schüler hat gegriffen, zu intensivem, vielseitigem Musizieren und spontanem Zusammenspiel geführt. «Die Wertigkeit des Musikunterrichts hat in diesen Wochen einen ganz neuen Stellenwert erhalten», so Scurio. «Musikalische Höhenmeter versus musikalische Kubikmeter» heisse der Grundsatz, nach dem das musikalische Wissen in der Tiefe und in der Breite erfasst und ausgelotet werden soll.
Anstelle des reinen Vermittelns durch die Lehrperson tritt in Dübendorf die Schülerorientierung, welche Scurio für das Unterrichtsprinzip der Zukunft hält: die Lernenden nehmen das Heft selbst in die Hand und lernen von einander, während die Lehrperson sich als Lehrender zurück nimmt und sich zunehmend als Experte und Übeanleiter unterstützend zur Verfügung hält. So entsteht eine Art Ping-Pongspiel zwischen Üben und Vertiefen des Geübten beim Lehrer. Dabei muss dies nicht immer die angestammte Lehrperson sein. Tipps zu Rhythmus und Phrasierung kann eine Flötistin auch von einer Klavierlehrerin entgegen nehmen.
Olivier Scurio hat eine Vision: ein Haus der Musik mit schülerorientiertem Unterricht und flexibilisiertem Stundenplan, in welchem die Wertigkeit des musikalischen Tuns auf dem Engagement der Lernenden gründet.


Die Regionale Musikschule Dübendorf (rmd) wurde 1968 gegründet und nahm den Betrieb mit 115 Schülerinnen und Schülern und elf Lehrpersonen für fünf verschiedene Instrumente auf. 1970/71 wurde mit einem Anschlussvertrag die Zusammenarbeit mit den Gemeinden Schwerzenbach und Wangen-Brüttisellen festgelegt. 2010 wurden die Musikschulen der Gemeinden Dübendorf, Schwerzenbach und Wangen-Brüttisellen administrativ zusammengeführt und werden seitdem zentral von Dübendorf aus betrieben. Seit August 2012 ist auch die Gemeinde Fällanden Bestandteil der rmd. Aktuell unterrichten an der gesamten Schule 75 Lehrpersonen 1'200 Schülerinnen und Schüler im Alter von 5 bis 75 Jahren.

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