Erfolg haben, heisst Fehler machen. 

FMB 2016: Konstruktiv unzufrieden sein

Niklaus Rüegg, 07.09.2015

Der Erfinder Andreas Reinhard referiert am FMB im Januar 2016 über Innovation und worauf es ankommt, wenn Neues entstehen soll.

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«Böcke schiessen gehört zum Geschäft.»

Erfolg haben, heisst Fehler machen.

Niklaus Rüegg – Das Tüfteln liegt Andreas Reinhard im Blut. Als Neunjähriger konstruierte er mit Meccano eine Fliehkraftkupplung und hatte eine Riesenfreude. Sein Vater liess ihn zu seiner Enttäuschung wissen, dass es das schon seit 100 Jahren gebe. Reinhard nahm dies als Ansporn, beim nächsten Mal nicht wieder zu spät zu sein.
Als Gymnasiast hatte er sich in Kaiseraugst gegen Atomkraftwerke und für Sonnenenergie eingesetzt, 1979 organisierte eine Wanderausstellung zu Solarstrom. Mit diesem Engagement brachte er es in Bern bis zu einer Fiche.
Andreas Reinhard ist «unvollendeter Physiker». Nach «langen» Semestern schmiss er das Studium hin und folgte einem Ruf ans Duttweiler-Institut in Rüschlikon, an dem er den Bereich Energie und Umwelt aufbauen durfte. Duttis Nonkonformismus prägte ihn nachhaltig. Reinhard hatte in der Folge etliche Firmen; er baute eine Solaranlage auf dem Matterhorn, als noch niemand von Sonnenenergie sprach, und solar gespiesene Bewässerungsanlagen in Tansania und Mauretanien und vieles mehr. Heute leitet er seine Firma mit den drei i «iii solutions» (Intuition, Intelligenz, Initiative) in Hausen am Albis. Im dortigen Labor tüftelt er zusammen mit seinem Team an technisch hochkomplexen Produkten, vornehmlich auf dem aeronautischen Gebiet. Sein Credo lautet: «Wer in die Luft gehen will, muss auf dem Boden bleiben», und sein kreativer Impuls gründet oft auf dem Frust, der entsteht, wenn etwas nicht so funktioniert, wie er es möchte.

Herr Reinhard, wie wird man Erfinder?
Man muss Antennen haben. Ich war der Jüngste in der Familie und hatte ein anregendes Umfeld. Mein Vater war Ingenieur und Unternehmer, meine Mutter Musikerin und Lehrerin. Ich habe viel getüftelt, mit Lego und Meccano gespielt. Es hat sich früh gezeigt, dass ich keinen Konjunktiv mag: «Könnte, täte, würde» verwende ich nicht, aber ich bin oft auf eine Art «konstruktiv unzufrieden». Theorien müssen immer nachprüfbar sein, deshalb betreue ich immer den ganzen Prozess von der Idee bis zur Marktreife.

Darf man sich Ihre Firma «iii solutions» als eine Art Bastelstube auf höherem Niveau vorstellen?
(Lacht) Wenn Sie zu uns kommen, langweilen Sie sich sicher nicht. Wir machen nur Dinge, die es noch nicht gibt. Den allerersten Prototypen für Libelle, unseren ersten Beschleunigungsanzug für Jetpiloten, haben wir zum Beispiel zuerst aus Schwimmbadplastik und Abdichtungsmaterial gemacht, Materialwert 10 Franken pro Stück. Damit habe ich Testflüge in Jets gemacht: Eben - wer in die Luft will, muss am Boden bleiben.

Da wähnt man sich ja fast wie in Q’s Labor bei James Bond. Ihre Erfindungen sind technisch anspruchsvoll, wie zum Beispiel Kleinsthelikopter, fliegende Autos, klimatisierte Beschleunigungsanzüge und so weiter...
Ja, das habe ich schon oft gehört. A propos Q’s Labor: Die Produzenten der James Bond-Filme gehören auch zu unseren Kunden. Sie wollten einen modernisierten Raketenrucksack haben, den es schon seit 1985 gibt. Das war uns zu langweilig und wir haben ihnen etwas wirklich Neues vorgeschlagen. Zuerst waren sie überrascht, dass man ihnen widerspricht. Am Schluss waren sie total begeistert. Mehr kann ich nicht verraten, denn unsere Entwicklung kommt in zwei bis drei Jahren ins Kino.

Wie gestaltet sich bei Ihnen der kreative Prozess?
Böcke schiessen gehört zum Geschäft. Wir werden dafür bezahlt, in kurzer Zeit mit weniger Mitteln mehr neue Fehler zu machen als andere.
Ein Kind fällt 2000 bis 5000 Mal um, bevor es laufen kann, schlägt sich Zähne ein, schürft die Knie auf, weint und steht trotzdem immer wieder auf. Als Kind lernt man so schnell und so gut, weil wir kein Theater machen, wenn etwas schief geht. In der Pubertät wird dieses selbstverständliche Lernen gebremst und das Fehlermachen wird zum Problem. Meinen Mitarbeitern schärfe ich ein, dass sie angestellt sind, um jeden Tag Fehler – bevorzugt neue – zu machen. Nichts ist verführerischer, als sich in eine Idee zu verlieben, einem falschen Konstrukt aufzusitzen, das dann doch irgendwann zusammenbricht.

Jeder Mensch hat schon einmal eine Idee gehabt, wie man etwas anders und besser machen könnte. Warum tut man es meistens nicht?
Es kommen halt immer die gleichen billigen Ausreden: «ich weiss nicht», «ich kann nicht», «aber das gibt es sicher schon», «das können andere doch besser» etc.. Das meine ich mit konstruktiv unzufrieden zu sein: Viele Projekte haben bei mir den Ursprung im Frust: Etwas das nicht geht, zum Funktionieren bringen.
Ich bin viel Jet geflogen und hatte 10 bis 30 Millionen Franken unter dem Hintern und einen alten G-Anzug am Leib, der mich kaum schützte. Das war der Anfang einer fünfundzwanzigjährigen Auseinandersetzung mit dem Thema und 80 Prototypen. Heute wird dieser Anzug auf der ganzen Welt eingesetzt.

Was hindert einen daran, das zu tun, was getan werden sollte?
Das ist der verheerende Umgang mit dem zerstörerischen Saboteur, den wir in uns haben. Er hat verschiedene Kleider und kommt durch viele Löcher herein. Diese Feigheit kostet uns Chancen und Lebensfreude. Geschmeidige Ausreden blockieren die Innovation: Lieber nichts machen, dann fällt man nicht auf, dann ist man gleich wie die andern. Grosses hingegen ist immer im Zickzackkurs entstanden. Und Steve Jobs und Bill Gates sind übrigens beide Studienabbrecher.

Was treibt Sie an? Leidenschaft, Ehrgeiz, Neugier?
Die Faszination des Ungewissen und der Hunger nach dem Einfachen und Bodenständigen. Es reicht nicht, wenn etwas bloss neu ist. Es muss effizienter, sparsamer oder einfach auch anmutiger sein, «mehr wert» sein als das Vorangehende.

Manches davon könnte auch in der Bildung dienlich sein. Ich denke insbesondere an das Denken des scheinbar Unmöglichen und die Fehlerkultur...
Zweifel zu haben und zu hinterfragen ist das beste und effizienteste Werkzeug zu sicherem Fortbewegen. Die Bereitschaft an Grenzen zu gehen, zu merken, dass man in die falsche Richtung ging, umzukehren und sich neu zu orientieren – das muss man lernen. Ich habe den Spitzenmanagern eines grossen Lebensmittelkonzerns auf einem Frachtschiff ohne Reling einen Kurs gegeben. Sie glaubten, sich Zweifel nicht leisten zu können und alles im Griff zu haben. Ich habe jedem einen Blindenstock gegeben, damit sie ihre Unsicherheit kultivierten. Ein Blinder lässt Unsicherheit zu und ertastet die Welt mit dem Stock, welcher ein sicheres Bewegen ermöglicht. Sich Zweifel nicht zu leisten, ist dumm.

Wie würde eine Schule aussehen, wenn Sie die Gelegenheit hätten, sie neu zu erfinden?
Sie werden lachen, ich bin daran, eine Schule zu gründen. Dort wird unter anderem auch das Singen eine grosse Rolle spielen. Ich baue am Südwestfuss des Rocher de Naye auf 1400 Metern ein altes Schulhaus um. Es wird eine «Sprengschule», an der wir unsere geschenkten, aber ungenutzten und verschütteten Ressourcen freisprengen und unsere Fantasie, unsere Art, unruhig zu denken wieder entdecken können. Jeder wird eine Liste machen müssen von Dingen, die er sicher nicht kann, um sie dann doch zu versuchen. Es geht nicht darum, eine Meisterschaft zu erreichen, sondern etwas in uns zu erlösen, eigene Grenzen zu sprengen und anerzogene oder selbstauferlegte Einschränkungen aufzuheben, kurz das Wagen zu wagen. Unsere Grenzen sind an einem ganz anderen Ort, als wir glauben.


www.iii-solutions.ch
 

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