Der VMS präsentiert am Forum Musikalische Bildung herausragende Schulprojekte  

FMB 2016: Nah an den Musikschulen

Niklaus Rüegg, 17.02.2016

Unter dem Dachthema «Horizonte: auf zu neuen Ufern!» führte der VMS sein 8. Forum Musikalische Bildung (FMB) durch. Der Fokus lag auf «Innovation und gelebtem Wandel» an den Musikschulen.

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Timo Klemettinen, Helena Maffli und Christine Bouvard freuen sich über eine geglückte Veranstaltung

Der VMS präsentiert am Forum Musikalische Bildung herausragende Schulprojekte

Niklaus Rüegg – Anlässlich seiner denkwürdigen 40-Jahr-Feier im vergangenen November hatte der VMS einen Wettbewerb für innovative Musikschulprojekte ausgeschrieben. Über zwanzig wurden eingereicht, zehn ausgewählt und schliesslich fünf von einer Fachjury prämiert. Am FMB 2016, das am 22. und 23. Januar im TRAFO in Baden stattfand, wurden die zehn zum Wettbewerb zugelassenen Projekte filmisch und durch die Verantwortlichen im Gespräch mit Moderator Jodok Kobelt persönlich vorgestellt. Präsidentin Christine Bouvard Marty nannte den Wettbewerb in ihrer Begrüssungsrede ein «inspirierendes Sprungbrett zu eigenen neuen Pfaden».
Die Forumsteilnehmenden durften ihren Favoriten mittels roter Punkte ihre Stimmen geben. Der Publikumspreis ging mit einem knappen Vorsprung vor dem Dübendorfer Projekt «Unser GA für die Musikschule» an das Conservatoire populaire Genève mit CAMI, («Classes avec apprentissage musical intégré»).

Ins Schwarze getroffen
Der VMS hat mit der Idee innovativer Best Practices den Nerv der Musikschulen getroffen. Erstmals bekamen Musikschulverantwortliche die Gelegenheit, auf einem nationalen Podium im direkten Vergleich zu erfahren, wie anderswo gearbeitet und was in der musikalischen Bildung als zukunftsfähig angesehen wird. Manche erkannten, dass sie mit ihren eigenen Bestrebungen vielleicht gar nicht so schlecht lagen. In den Pausengesprächen konnte man da und dort Stimmen hören, wie «das machen wir eigentlich schon lange», oder «das nächste Mal melden wir uns auch an». Der Boden für eine Fortsetzung ist also gelegt.
Gemeinsam ist allen zehn Projekten, dass sie über das Musikzimmer, ja über die Schulmauern hinaus weisen: bei den Preisträgerinnen setzt Genf auf die Zusammenarbeit mit der Volksschule, die Musikschule Biel erweitert den Tag der offenen Tür zu einer «Reise durch die Musikschule», Bern wartet mit einem JeKi-Programm mit über 500 Kindern auf, in Binningen-Bottmingen wird in speziellen Klassen Perkussion mit Tanz verbunden und in Dübendorf arbeitet man mit Zeitfenstern, innerhalb derer der Unterricht unbeschränkt besucht werden kann. Sie nennen das «Unser GA für die Musikschule». Aber auch bei den fünf andern Wettbewerbsprojekten erkennt man das übergreifende Moment: Kloten mit seinem kommunalen Musiknetz, das «Chor- und Orchesterprojekt mit der Primarschule» in Obermeilen, «Erwachsene musizieren in Obwalden», Musikschule Remos mit dem Fasnachtsprojekt «Gugge Hoppers» und die Musikschule Risch mit dem kreativen «Groove-Atelier S’fägt».
Der VMS wird an dieser Stelle in den nächsten Nummern einige der prämierten Projekte vorstellen.

 

Inputs für die pädagogische Arbeit
Für die «keynote speeches» waren am ersten Tag der Erfinder Andreas Reinhard und der Bildungsforscher Malte Petersen zuständig. Reinhard beendete seinen Vortrag mit dem Blindenstock. Mit diesem Symbol wollte er deutlich machen, dass «Unsicherheiten und Zweifel unsere grössten Ressourcen» seien, wenn wir Neues entdecken wollen. «Konstruktiv unzufrieden» zu sein, sei die Basis seines Erfolgs. Nach dem Umfallen gelte es immer wieder aufzustehen, wie ein Kind, das laufen lernt. Das Scheitern sei kein Drama, Fehler zu machen sei Pflicht auf dem Weg zum Erfolg.

Malte Petersen knüpfte nahtlos an die Themen Intuition und Unsicherheit seines Vorredners an. Er ist Wissenschaftler in der Arbeitsgruppe «Adaptives Verhalten und Kognition» des Berliner Max Planck-Instituts für Bildungsforschung und sein wissenschaftlicher Gegenstand ist das Untersuchen von Entscheidungsfindung. Petersen unterscheidet grundsätzlich zwischen risikobewusstem und intuitivem Entscheiden.
Die Musikalische Bildung sei ein ideales Modell für intuitives Lernen, welches gleichzeitig die besten Voraussetzungen für Innovation biete: Risikokompetenz und ein kompetenter Umgang mit Unsicherheit, kreative Lösungen statt Faktenwissen, ausdauernde Beschäftigung und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.

Aspekte der Bildungsvermittlung
Allan Guggenbühl, Musiker und Professor für Psychologie begeisterte mit einer wissenschaftlich und fachlich fundierten Sicht auf das Wesen der Bildung. Er gab sich als dezidierter Gegner der rein outputorientierten Bildung zu erkennen. Das Festlegen von Bildungsstandards sei der Versuch der Alten die Zukunft zu bestimmen, eine Zukunft, die sie gar nicht kennen können. Jugendliche identifizieren sich mit einem Musikstil und provozieren damit die Älteren. Die Lehrperson muss dabei auf eine gesunde Weise stur bleiben und sich nicht anpassen wollen, denn «die Kinder brauchen Ältere, die engagiert und begeistert das Bildungsgut der Vergangenheit weitergeben». Der Lehrperson komme die Rolle des «Psychopompos», des Seelen- und Prozessbegleiters zu, der zuhören kann und auch Tauchphasen toleriere.

Timo Klemettinen, Musiker und Geschäftsführer der Europäischen Musikschulunion, berichtete über das finnische System der musikalischen Bildung, das auf einer konsequenten Frühförderung und einer vorbildlichen Schulung der Lehrkräfte beruht. Die Entwicklung gehe heute in Richtung schülerzentrierter Unterricht. Die Lehrperson habe sich dabei vom autoritären Dozenten zum Mentor gewandelt. Als Idealform des Unterrichts stellte Klemettinen den «integrierten Unterricht» vor, bei dem
Instrument, Theorie, Komposition, Improvisation, Kammermusik und webbasierte Musiktechnologie in einem Prozess vereinigt werden und bis zum Konzert von mehreren Lehrern gemeinsam begleitet wird.

Bundesprogramm Jugend und Musik
Bevor Hector Herzig in seinem Referat die Grundzüge des neuen Breitenförderungsprogramms des Bundes «Jugend und Musik» erläuterte, erklärte er seine Philosophie des Umgangs mit Innovation: gemäss einem chinesischen Sprichwort sollte man nicht Mauern bauen sondern geistige Windmühlen. Das Neue sollte nicht aus Angst gemieden, sondern kreativ für seine eigenen Zwecke genutzt werden. Herzig empfiehlt den Musikschulen, jetzt an der Zukunft zu bauen und neue Programme für die musikalische Jugend zu entwickeln.
Im anschliessenden Polittalk unter der Leitung der Moderatorin Karin Salm mit Hector Herzig, Elisabeth Karrer sowie Lorenzetta Zaugg und David Vitali vom BAK wurden auch die für die Musikschulen heiklen Aspekte angesprochen. Alles wird am Ende von der Ausgestaltung und Umsetzung des Programms abhängen. «Wir mussten einfach einmal anfangen», verkündete Vitali, Fehler korrigieren könne man später immer noch.

Der VMS hat bereits vor dem FMB an die Kantonalverbände ein Infoschreiben zum Thema «neue nationale Gesetze zur Förderung der musikalischen Bildung» geschickt (siehe auch Kasten «Bundesförderung der musikalischen Bildung»).

Musikalische Bereicherung
Am Abend des ersten Tages bestritt der Arzt und Pianist Christoph Deluze ein hörenswertes Rezital, ergänzt mit einer Conférence. Seine Existenz zwischen zwei Berufen, dürfte manchem mehrfachbeschäftigten Musiker und Musiklehrer bekannt vorgekommen sein. Die Kombination Medizin und Musik ist allerdings schon ziemlich ungewöhnlich.
Die Rhythmusshow der Schule Densbüren holte die Forumsteilnehmenden am Freitagmorgen auf erfrischende Weise ab und das Duo Schlegel/Münger verblüffte als Auftakt zum zweiten Tag mit anspruchsvoller und ergreifend vorgetragener Musik für Klavier und Flöte.

Die Vorträge von Reinhard, Petersen, Guggenbühl und Klemettinen sowie sämtliche Best Practice-Plakate sind auf der VMS-Webseite unter «FMB» zum Download bereit.

Das nächste Forum Musikalische Bildung findet am 19. Und 20. Januar 2018 statt.

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Moderatorin Karin Salm hakt nach beim Psychologen Allan Guggenbühl

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