Interviews mit Doris Perrodin und Franziska Frick 

Begabtenförderung: mit 2 Expertinnen im Gespräch

Anicia Kohler, 28.04.2021

Wie begegnet man musikalisch (hoch-)begabten Kindern in der Volksschule und in der Musikschule? Zwei Fachfrauen geben Einblick in ihre jahrelange Praxis.

Doris Perrodin ist Spezialistin für Kindern und Jugendliche mit hohem Potential und verfügt über ein Diplom des ECHA (European Council for High Ability). Während 15 Jahren in der Elternberatung und als Lerncoach für begabte Schüler*innen mit Lernschwierigkeiten tätig, führt sie heute Weiterbildungen für Lehrpersonen an pädagogischen Hochschulen durch und berät Schulen bei der Entwicklung von pädagogischen Konzepten für ihre begabten Schüler*innen.

Frau Perrodin, der Entwicklungspsychologe Howard Gardner stellte in den 80er Jahren seine Theorie der multiplen Intelligenzen vor. Als eine von neun genannten Intelligenzen nennt er die musikalisch-rhythmische – spielt diese im Volksschulalltag eine Rolle?
Grundsätzlich nur am Rande. Musik gilt als gut und schön, aber meist geht es eher um die schulischeren Kompetenzen. Es sind mir aber einige Schüler*innen mit hoher musikalischer Begabung begegnet. Es gibt solche, die man sanft dazu bewegen muss, nicht ihre ganze Energie der Musik zu widmen, sondern auch ein bisschen der Schule. Bei anderen gilt: je mehr Musik sie machen dürfen, umso besser geht es ihnen in der Schule.

Was würden Sie sagen – was für ein Musik-Unterricht unterstützt solche Kinder am besten?
Hochbegabte Kinder sind es sich gewohnt, intuitiv zu lernen. Wenn sie etwas interessiert, wissen sie gar nicht, wie sie lernen, es kommt einfach. Das ist in der Musik ein bisschen anders, denn irgendwann kommt der Punkt, wo man richtig arbeiten muss, und die schnelle Auffassungsgabe oder vielleicht das absolute Gehör nicht mehr ausreichen. Dann kommt die Frage nach dem pädagogischen Profil – braucht es eher jemanden, der Ziele setzt und abfragt, oder jemanden, der die Freude am Musizieren ausstrahlt und weitergibt?

Sie meinen die persönliche Freude der Musiklehrperson an der Musik?
Ja. Solche Kinder sind sehr sensibel und merken schnell, ob jemand einfach seinen Job macht, oder ob er oder sie mit Leidenschaft bei der Sache ist. Gleichzeitig brauchen die Kinder auch Leitplanken. Sie wollen sicher sein, dass die Lehrperson einen Plan hat, und sie unterstützen möchte. Wenn man alles mitmacht, was sich die Kinder wünschen, testen sie einen, oder hängen ab. Es ist eine Gratwanderung zwischen Offenheit für das Kind, und gleichzeitig der Vermittlung von Sicherheit und Kompetenz.

Kinder mit hohem Potential brauchen also jemanden, der sich für sie engagiert, der eine Führungsrolle übernimmt, und der seine Leidenschaft weitergibt.
Das trifft es gut. Es sind natürlich hohe Anforderungen. Es ist wichtig, dass die Lehrperson es trotz ihrem vielleicht sehr hohen Engagement nicht persönlich nimmt, wenn das Kind nicht übt, und versucht, sich nicht zu schnell selber in Frage zu stellen. Das Wichtigste, was sie vermitteln können, ist auf jeden Fall das persönliche Herz für die Musik.

Ein wichtiges Thema im Zusammenhang mit der Begabtenförderung ist die Chancengerechtigkeit. Bekommen alle Kinder Zugang zu Förderung – oder dann doch vor allem Kinder aus bildungsnahen Familien?
Das ist definitiv ein Problem. Es ist eine Frage der Sensibilisierung der Schulen, der Lehrpersonen. Ein theoretisches Konzept allein reicht nicht. Aktuell ist es so: wenn nicht zufällig jemand da ist, der das musikalische Potential eines Kindes entdeckt, kann es nicht gefördert werden. Es ist von einer Schulklasse zur nächsten anders.

Doris Perrodin (Foto: ZVG)

 

Franziska Frick ist Dozentin für Fachdidaktik Violine/Viola an der Zürcher Hochschule der Künste und unterrichtet privat eine Klasse mit hochbegabten Violinenschüler*innen im Alter von 3-19 Jahren. Ihr Lehrmittel „Tina geht auf Entdeckungsreise“ richtet sich an Kinder im Vorschulalter.

Frau Frick, Sie sehen junge, begabte Menschen sowohl ganz am Anfang ihres musikalischen Wegs, als auch später während des Studiums. Was zeichnet erfolgreiche Begabungsförderung aus?
Sie muss individuell abgestimmt werden. Es gibt nicht ein einziges gültiges Rezept, einen Weg, auf den man alle begabten Kinder schicken kann. Man muss sehr sorgfältig sein, sich überlegen, was gesund ist und was nicht nur der Begabung, sondern auch dem jungen Menschen langfristig am meisten dient.

Können Sie mir zwei konkrete Beispiele nennen?
Das eine Beispiel ist das des kompetitiven, extrovertierten, ehrgeizigen und leistungsbereiten Kindes, das viel Stimulation braucht und sich in Wettbewerben und Konzerten exponieren möchte. Das ist der bekanntere Fall – quasi das Klischee des begabten Kindes. Es gibt jedoch genauso begabte introvertiertere Kinder, welche sich in einem geschützten, etwas weniger exponierten Rahmen besser entwickeln können und dabei weniger ausbrennen. Wettbewerbs- und Prüfungssituationen mit einer grossen Kadenz von externen Feedbacks können gewisse Schüler über Mass unter Druck setzen. Hier gilt es, individuelle Lösungen zu finden.

Wie könnte man ein solches Kind am besten fördern?
Wir müssen Konzert- und Auftrittserlebnisse ermöglichen, welche nicht nur an die Evaluation der eigenen Leistung gebunden sind und somit nicht vorrangig an Prüfungen erinnern. Das Wichtigste sind echte Konzerte, ob in Konzertreihen oder innerhalb von Kurswochen mit Gleichgesinnten, wo aus Freude musiziert wird, wo es wirklich um Musik, Kunst und Schönheit geht und nicht nur um Leistung.

Kritisch könnte man sagen: warum braucht es so viel Förderung? Braucht es wirklich noch mehr Musiker*innen in der Schweiz? Was denken Sie dazu?
Nach dem Nutzen von Bildung kann man natürlich immer fragen. Aber es ist so: Musizieren, ein instrumentales Handwerk lernen, fördert in höchstem Masse Schlüsselkompetenzen, zu denen Lernfähigkeit, Selbstdisziplin, Einfühlungsvermögen, Selbstreflexion, Geduld, Frustrationstoleranz und Ausdrucksfähigkeit nebst vielem anderen gehören. Diese Form von Bildung und Förderung ist unglaublich wertvoll für unsere Gesellschaft. Ob ein Kind diese Kompetenzen letztlich beruflich für die Musik nutzt, ist dann zweitrangig.

 

 

www.fraenzifrick.ch

www.doris-perrodin.ch