Ein Kurzabriss 

Chancengerechtigkeit in der musikalischen Bildung

Anicia Kohler, 06.05.2021

Wie günstig muss Musikunterricht sein, damit alle Kinder und Jugendlichen ein Instrument lernen können? Chancengerechtigkeit ist ein äusserst komplexes Thema, besonders in einem föderalistischen Land wie der Schweiz.

Am 23. September 2012 nahmen Volk und Stände den neuen Verfassungsartikel Art. 67a an, dessen dritter Absatz besagt, dass Bund und Kantone Grundsätze für den Zugang von Kindern und Jugendlichen zur musikalischen Bildung festlegen. Um dies umzusetzen, ergänzte das Parlament 2015 das Kulturfördergesetz mit einer Bestimmung zu den Tarifstrukturen an öffentlichen Musikschulen. Der neue Artikel – Artikel 12a – besagt, dass Tarife für Kinder und Jugendliche bis zur Sekundarstufe II deutlich unter denjenigen für Erwachsene sollen.

2019 veröffentlichte die Hochschule Luzern-Musik einen Forschungsbericht, der untersuchte, ob sich Art. 12a bereits auf die musikalische Förderung von Kindern und Jugendlichen sowie auf die Chancengerechtigkeit ausgewirkt hat. Die Ergebnisse waren ernüchternd. Seit dem Inkrafttreten von Art. 12a konnten nur sehr wenige Musikschulen ihre Tarife senken – weit mehr Musikschulen mussten sie erhöhen. 40.8% der befragten Musikschulen sehen keinen oder eher keinen chancengerechten Zugang für Kinder und Jugendliche. Dafür sorgen enorme kantonale Unterschiede, so dass Musikschulgebühren für sozioökonomisch benachteiligte Familien aber auch Familien der unteren Mittelschicht in gewissen Kantonen kaum erschwinglich sind – besonders wenn mehrere Kinder ein Instrument lernen möchten. Der Grundtenor der Befragungen lautete: Art. 12a sei unpräzis formuliert und werde zu wenig konsequent umgesetzt.

Christine Bouvard, wie geht es nun weiter?

 

"Zur Breitenförderung:

Die Breitenförderung ist ein essentieller Weg, um die Chancengerechtigkeit voranzubringen. Sie bleibt deshalb ein grosses Anliegen des VMS. Es ist richtig, dass der Art. 12a keine gute Hilfestellung gibt, um dieses Ziel zu erreichen.

Es gibt dabei mehrere Dimensionen zu beachten:

1) Art. 12a adressiert direkt die operativen Führungsebenen der Musikschulen. Die Trägerschaften der Musikschulen hingegen und damit die behördlichen Entscheidungsinstanzen stehen nicht in der Pflicht. Eine Umformulierung des Artikels zur Erhöhung der Wirksamkeit im Sinne von klaren Rahmenbedingungen und korrekten Adressat*innen ist daher notwendig. Leider wurde mit der Kulturbotschaft 2021-2024 diesbezüglich keine Änderung erreicht.

2) Es geht nicht nur um Tarife an einzelnen Musikschulen, es geht auch um die höchst unterschiedliche Beteiligung der öffentlichen Hand an der musikalischen Bildung in den Kantonen, gar innerhalb eines selben Kantons. Damit ist der Zugang zur musikalischen Bildung auch vom Wohnort abhängig. Unser Ziel war und ist es, solche Unterschiede auszugleichen.

3) Der Bezug zum Erwachsenentarif steht quer, denn Musikschulen wurden zuerst für Kinder und Jugendliche aufgebaut. Der Erwachsenenunterricht kam später dazu, und die entsprechenden Tarife sind auf der Basis der Kinder- und Jugendtarife konstruiert, weil sie nicht oder nicht im selben Masse von der öffentlichen Hand getragen werden. Insofern bilden Erwachsenentarife keinen verlässlichen Referenzrahmen.

Für die nächste Kulturbotschaft wird der VMS sich nochmals vertieft mit diesem Art. 12a auseinandersetzen. Wir müssen konkrete Vorgehensweisen aufzeigen, die dazu beitragen, die Kooperation zwischen den Trägern der Musikschulen zur Umsetzung eines chancengerechten Zugangs für Kinder und Jugendliche zu intensivieren. Tarife spielen dabei sicher eine grosse Rolle, dazu braucht es schweizweit auch ein ausgewogenes Engagement der öffentlichen Mitfinanzierer. Aber nicht nur: einen chancengerechten Zugang zu ermöglichen, verlangt auch von uns Musikschulen eine grundlegende Entwicklung von Kompetenzen, die Inklusion, gleichwertige Sensibilisierung in und für alle Instrumente und Stilrichtungen der Musik, Offenheit für kreative Unterrichtsformen, flexible Angebote und vieles mehr beinhaltet.


Zur Begabtenförderung:
Gegenwärtig freuen wir uns sehr, dass mit dieser Kulturbotschaft das Anliegen einer Förderung der musikalisch begabten Kinder und Jugendlichen national konzipiert werden kann. Wir begrüssen die gewählte Struktur über die Finanzierung einer Talent Card sowie das Vorgehen, die Grundlagen bis Sommer 2022 zu erarbeiten und danach in den drei Folgejahren schrittweise einzuführen. Die bereits geleisteten Arbeiten des VMS, gemeinsam mit der Konferenz der Musikhochschulen Schweiz (KMHS), im Bereich der Begabtenförderung kommt nun zum Tragen. Es ist für uns wichtig, dass mit der Talent Card ein nationales Konzept umgesetzt werden kann, welches allen jungen Talenten offen steht und eine qualitativ hochstehende Förderung garantiert. Ziel der Mitfinanzierung des Bunds soll eine Entlastung der Erziehungsberechtigten in Bezug auf die Schulgelder für Begabtenförderangebote sein, was die Chancengerechtigkeit erhöht."

 „Kulturelle Bildung kann einen direkten Beitrag zur Lösung der sozialen und kulturellen Herausforderungen, die sich in der heutigen Welt stellen, leisten.“
Die Seoul Agenda (2010) fordert zu einer hochqualitativen künstlerischen Bildung auf – weil diese nicht nur künstlerische, sondern auch soziale und gesellschaftliche Ziele erfülle.

„Zugang zu musikalischer Bildung und aktive Teilhabe an Musik ist ein Menschenrecht, welche Menschen – jeden Alters und Hintergrunds – gewährt werden sollte.“
Bonn Declaration (2011) – Übertragung der Seoul Agenda auf die musikalische Bildung in Europa

Bundesverfassung Artikel 67a
1 Bund und Kantone fördern die musikalische Bildung, insbesondere von Kindern und Jugendlichen.
2 Sie setzen sich im Rahmen ihrer Zuständigkeiten für einen hochwertigen Musikunterricht an Schulen ein. Erreichen die Kantone auf dem Koordinationsweg keine Harmonisierung der Ziele des Musikunterrichts an Schulen, so erlässt der Bund die notwendigen Vorschriften.
3 Der Bund legt unter Mitwirkung der Kantone Grundsätze fest für den Zugang der Jugend zum Musizieren und die Förderung musikalisch Begabter.