Interview mit Philippe Krüttli 

Noch ist Chancengerechtigkeit erst eine Theorie

Anicia Kohler, 25.05.2021

Philippe Krüttli ist Posaunist, Dirigent und seit bald 20 Jahren auch Leiter der École de musique du Jura bernois. Als der VMS sich im letzten Jahr vermehrt öffentlich dazu äusserte, die Pandemie dürfe die Chancengerechtigkeit nicht gefährden, äusserte er sich kritisch: Chancengerechtigkeit in Sachen Zugang zum Musikunterricht habe es in der Schweiz noch gar nie gegeben. Im Interview sprach er über die Gefahr, Kultur zu privilegisieren, indem die künstlerische Bildung vernachlässigt werde.

Philippe, du hast dich daran gestossen, dass man im Zusammenhang mit Corona von der Gefährdung der Chancengerechtigkeit gesprochen hat. Was bewegt dich in dieser Sache?
Der Wunsch, sich für die Chancengerechtigkeit einzusetzen, ist natürlich wunderbar! Nur konnte durch die Formulierung der Glaube entstehen, es sei die Pandemie, die schuld sei an einer mangelnden, oder sich verringernden Chancengerechtigkeit. Das ist aber nicht korrekt. Wir haben in dieser Sache schon viel länger ein Problem. Wir als Musikschulen erreichen nur einen Teil der Bevölkerung – einen privilegierten Teil. Wir machen uns da etwas vor.

Wie siehst du die politischen Efforts, die es in den letzten Jahren gegeben hat?
Die Initiative Jugend und Musik war sehr ambitiös und die Motivation war hoch. Man wollte wirklich erreichen, dass viel mehr Kindern und Jugendlichen der Zugang zur musikalischen Bildung ermöglicht wird. Der daraus resultierende Verfassungsartikel 67a klingt sehr schön – ist aber meiner Meinung nach zu weit von der Realität entfernt. Natürlich, das Programm Jugend und Musik erreicht viele Kinder, das ist zweifellos sehr positiv. Aber es ist nur punktuell, es geht um Lager und Projekte. Die in vielen Kantonen sehr hohen Tarife bleiben nach wie vor ein Thema.

Du siehst die Chancengerechtigkeit also nicht als in Gefahr – sondern als inexistent.
Ja. Es ist eine Theorie. Man müsste doch versuchen, alle zur Verfügung stehenden Mittel auszuschöpfen. Was in der Verfassung steht, dient dazu, die Kantonen zu guten Rahmenbedingungen zu motivieren – es ist aber nicht verpflichtend. Nun ist es aber so, dass viele Kantone schwierigen finanziellen Situationen ausgesetzt sind, und auch die Gemeinden von allen Seiten unter Druck stehen – von den Eltern ganz zu schweigen. Die Lösung liegt folglich meiner nach auf Bundesebene. Man könnte sich ein staatliches Label vorstellen, das Schulen dabei unterstützen würde, den Zugang zu erleichtern, und diesen Verfassungsartikel tatsächlich umzusetzen – mit der gezielten Entwicklung von pädagogischen Konzepten und Projekten.

Warum ist es ein Problem, wenn musikalische Bildung nicht für alle erreichbar, oder erschwinglich, ist?
Man vergisst manchmal, dass musikalische, oder eher insgesamt künstlerische Bildung nicht nur der Unterhaltung dient. Wenn es Zugangsbeschränkungen gibt, können nur Privilegierte davon profitieren – die später dann die Einzigen sind, die Kultur konsumieren. So dreht sich die Kunst mit der Zeit nur noch um sich selber, statt die Gesellschaft abzubilden und auch einmal in Frage zu stellen. Zudem ist künstlerische Bildung bereichernd für jede Person, die sie erlebt. Sie hilft, in einen Flow zu kommen, schwierige Situationen zu meistern, sich abzulenken, diszipliniert bei der Sache zu sein. Es geht nicht nur darum, Künstler:innen auszubilden. Die Künste tragen zu einer funktionierenden Gesellschaft bei.

Gibt es in deinem Umfeld andere, die deine Meinung teilen?
Ja, ich denke, es gibt ganz viele von uns! Das habe ich am letzten FMB ganz deutlich gespürt. Manchmal fühlt man sich einfach entmutigt, weil die Dinge auf der politischen Ebene sehr lange dauern. Aber andererseits: wenn man sich nicht einmal traut, etwas zu denken, wie soll man es dann umsetzen können? Man kann trotzdem am System rütteln. Es ist nicht alles in Stein gemeisselt.

Bild: ZVG