Interview mit Inés Mateos 
Wenn die Musikschule in einer anderen Welt ist

Wenn die Musikschule in einer anderen Welt ist

Anicia Kohler, 27.10.2021

Inés Mateos wollte als Kind gern Klavier spielen lernen – aber das Instrument und der Unterricht waren für ihre aus Spanien immigrierte Familie unerreichbar. Im Gespräch gibt sie wertvolle Inputs im Zusammenhang mit der neu erschienenen Infokarte.

Die neue Infokarte des VMS möchte den Zugang zu Musikschulen erleichtern. Wie sehen Sie das aus fachlicher Sicht – wo gibt es Hindernisse beim Zugang?
Das erste Hindernis ist die Tatsache, dass nicht alle Menschen im Wissen und mit der Erfahrung aufwachsen, dass Musik ein Teil des Lebens ist oder sogar ein Beruf werden kann – weil sie niemanden kennen, der professionell Musik macht zum Beispiel. Wenn es einfach dazugehört, dass man als Kind Musikunterricht besucht, und zum Beispiel der Grossvater Geige gespielt hat, dann ist der Zugang viel leichter. Das andere ist ganz klar die finanzielle Frage: Man muss ein Instrument haben oder mieten können, man muss die Stunden zahlen, man muss herausfinden können, wo und wie man sich anmelden kann.

Haben Sie selber so einen erschwerten Zugang erlebt?
Ich bin ein Migrantenkind aus den 70er Jahren. Meine Eltern waren Arbeiter aus Spanien, meine Mutter hat 28 Jahre in der Schweiz als Putzfrau gearbeitet, bevor sie zurückging. Als Kind wünschte ich mir immer, Klavier zu lernen. Das stellte ich mir so toll vor! Aber es war von Anfang an klar: Ein Klavier können wir uns nicht leisten. Es war völlig unmöglich – schlicht undenkbar. Mein Bruder durfte Gitarre spielen lernen. Dafür ging er in einen spanischen Kulturverein, wo jemand nachmittags jeweils eine Gruppe von Kindern zusammengenommen und sie unterrichtet hat. Das kostete kaum etwas, und die Gitarre kauften meine Eltern in Spanien, weil es viel billiger war. Aber Klavier? Das kam nicht in Frage.

Wo liegt Ihrer Meinung nach die Gefahr, wenn nur wenige eine Musikschule besuchen?
Das ist nicht eine Gefahr – das ist leider heute schon so. Aus der Bildungsforschung weiss man, dass Musik für Kinder extrem wichtig ist, weil sie ihnen dabei hilft, ihre analytischen Fähigkeiten zu entwickeln. Wenn davon aber nur die vermögenden oberen Schichten profitieren können, ist das unfair. Dann hängt man die anderen Kinder ab.

Die Postkarten werden nun überall verteilt. Was kann eine Musikschule, vielleicht eine kleinere auf dem Land, am besten tun, wenn sich eine Familie meldet, die nicht gut deutsch spricht?
Vielleicht melden sich auf diese Karte hin vor allem Expat-Familien, die die englische Version der Karte gesehen haben – die Musik als wichtig für ihre Kinder empfinden und bereits sensibilisiert sind, die also auch aus einer hohen Bildungsschicht kommen. Für jemanden aus einer anderen Schicht stellen sich ganz viele Hindernisse. Man muss die Infokarte zuerst sehen, sie anschauen, den QR-Code scannen, auf der Website dann nach einer passenden Musikschule suchen und sich melden, auf das Risiko hin, dass die Sprache, die man auf der Website gefunden hat, dort nicht gesprochen wird.

Was könnten wirksame zusätzliche Massnahmen sein?
Toll wäre es zum Beispiel, den Schnuppertag der Musikschule mit einem Migrantenverein in der Gemeinde vor Ort zu organisieren, oder dort einmal vorbeizugehen und sich vorzustellen. Dort bestehen die Kontakte bereits. Es ist manchmal schwierig, sich die riesigen Zugangshürden vorzustellen, wenn man es nicht selber erlebt hat. Ich musste mir als Kind alle Informationen selber besorgen, musste für meine Eltern übersetzen. Vieles war für mich ganz weit weg und undenkbar – die Musikschule befand sich in einer ganz anderen Welt. Es reichte leider nicht aus, wenn die Informationen in einer anderen Sprache zur Verfügung standen.

Wenn wir die Sache einmal auf den Kopf stellen: Warum profitieren Musikschulen, wenn die Schülerschaft vielfältig ist?
Es gibt wahrscheinlich keine Musikschule in der Schweiz, die rein schweizerische Musik spielt (lacht). Im Gegenteil – Musik war schon immer sehr international und vielfältig. Das war sogar schon im Mittelalter so! Die Musik hat schon immer von Einflüssen von anderswo profitiert. Es macht sie reich und interessant.

Inés Mateos (lic.phil.) berät Unternehmen und Organisationen in Gleichstellungs- und Diversitätsfragen und setzt sich für ausländerrechtliche Fragen ein, unter anderem als Mitglied der Eidgenössischen Kommission für Migrationsfragen und als Mitbegründerin des Institut Neue Schweiz – INES.